Richtig gehört: Hören ist politisch!

20.10.2025, Text: Gerhild Ganglbauer, Redaktion: Angelika Hrubesch, VHS / lernraum.wien
„Das Politische hören / Das politische Hören“ - Mit dieser Sammlung von authentischen Hörtexten öffnet der lernraum.wien Raum für Auseinandersetzung mit Politik im Deutschunterricht.
Sprechblasen, darüber steht "Das Politische hören / Das politische Hören"
Broschüre: Das Politische hören / Das politische Hören
Abbildung: Alle Rechte vorbehalten, VHS / typothese, auf erwachsenenbildung.at

Im Sprachenlehren und Sprachenlernen wird Diskursfähigkeit entwickelt und damit eine zentrale Kompetenz, die ermöglicht und fördert, dass Menschen an gesellschaftlichen und politischen Prozessen partizipieren, so die Wiener Thesen zur Sprachenpolitik (2022). Gleichzeitig befindet sich das Lernen von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) im Spannungsfeld von Bildung und Politik, die Lernräume wesentlich mitgestalten und damit auch politisieren. Allem voran steht die Forderung nach Deutschkenntnissen für Aufenthalt und Anerkennung, mit der aber selten Lehr- und Lernbedingungen diskutiert werden. Aus diesen Entwicklungen heraus hat der lernraum.wien das Projekt „Das Politische hören / Das politische Hören“ umgesetzt. Entstanden ist eine Sammlung aus authentischen Hörtexten und didaktischen Materialien für den (DaZ-)Unterricht basierend auf Gesprächen über das Verständnis von Politik und „dem Politischen“.

Das Politische ist Teil des täglichen Lebens

Die Auseinandersetzung mit den Hörtexten auf einer inhaltlichen Ebene geht einher mit einer Reflexion darüber, wie diese Texte im Kurskontext gehört werden: Welche Aktivitäten fördern das Hörverstehen und sind wenig kontrollierend? Welche formalen Aspekte an den Texten könnten interessant für die Lernenden sein? Welche inhaltlichen Aspekte sind besonders anregend?

Mit dem Fokus auf Fragen des Politischen in Hörtexten für den Deutschunterricht wird dort eine Auseinandersetzung angeregt, die Politik nicht als etwas Abstraktes begreifen lässt, sondern den Zusammenhang zu den Lebensrealitäten und Erfahrungen der Teilnehmer*innen wachhält. Damit wird Politik nicht auf eine Ebene verschoben, in der Wissen über Politik und politische Prozesse vermittelt wird, sondern vielmehr werden in den Hörtexten Fragen des Politischen aufgeworfen und unterschiedliche Positionen und Überlegungen gehört, die Anlass zu Auseinandersetzungen geben sollen.

Authentische Hörtexte – Sprache wie sie im Alltag klingt

„Authentische“ Hörtexte zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen Merkmale von Mündlichkeit nicht bereinigt sind. So unterscheiden sie sich auch von vielen Audio-Materialien in Lehrwerken. Wortabbrüche oder -verbindungen, Redundanzen, Ellipsen, Füllwörter oder umgangssprachliche Wendungen bleiben hörbar. Lernende wissen es zu schätzen und kritisch zu würdigen, wenn sie mit „echter“ Sprache konfrontiert sind, einer Sprache also, die sie als Teil ihrer Lebensrealität erkennen. Ein Kurs bietet dafür den nötigen Raum und die Zeit, um das Hörverstehen gezielt weiterzuentwickeln. Viele Hörtexte in Lehrwerken klingen hingegen gleichförmig. Das ist problematisch, denn professionell eingesprochene, oft vorgelesene Texte im Modus der Schriftlichkeit – syntaktisch korrekt und mit klaren Pausen – lassen die Eigenheiten mündlicher Sprache vermissen. Sie sind meist weit entfernt von der sprachlichen Realität, mit der Lernende außerhalb des Unterrichts konfrontiert sind.

Vertrauen zur Sprache aufbauen

Die Hörtextsammlung steht in der Tradition der Arbeit mit authentischen Materialien und knüpft an die didaktischen Ansätze an, die in den 1980er Jahren im Rahmen des Fremdsprachenwachstums an den Wiener Volkshochschulen entwickelt wurden. In den aufgezeichneten Gesprächen kommen sehr unterschiedliche Sprecher*innen zu Wort. Register, Sprachmelodien und Färbungen, wie etwa durch andere Erstsprachen oder eine regionale Varietät des Deutschen, sind vielfältig. Die Varianten von Deutsch, die hier gehört werden können, sind so vielfältig wie die Gesellschaft selbst. Diese Realität mag für manche Pädagog*innen herausfordernd oder gar provokant sein – für Lernende ein Anker und Entlastung. Jemanden zu hören, der etwas zu sagen hat und so spricht, wie es einem*einer vertraut ist, kann Distanz zur Sprache verringern und Interesse erzeugen.

„Ich bin enttäuscht irgendwie...“

Das spricht eine der Interviewten aus, wenn sie darüber spricht, keine österreichische Staatsbürgerschaft zu besitzen - obwohl sie schon seit mehr als 20 Jahren in Österreich lebt, hier arbeitet und sich um ihre Kinder kümmert und sie großzieht. Es ist ein exemplarischer Ausschnitt, der zugleich stellvertretend für viele Stimmen steht. 

In zahlreichen Interviews zeigen sich Erfahrungen von Ausschluss und Diskriminierung in ganz unterschiedlichen Formen. Die Beiträger*innen bringen unterschiedliche Bildungsgeschichten mit, sprechen verschiedene Erstsprachen, verfügen über - wenig oder viel - ökonomisches und kulturelles Kapital, liegen quer zu Vorstellungen binärer Zweigeschlechtlichkeit. Während der Produktion der Hörtexte hat sich das Format “WordRap“ entwickelt, womit Unterschiedlichkeiten in einen gemeinsamen Raum eintreten. Es wurden sechs unterschiedliche Fragen gestellt und auf jede dieser Fragen folgen mehrere verschiedene Antworten, die nebeneinanderstehen und miteinander in Beziehung treten. In diesen Differenzen öffnet sich ein Raum des Politischen – ein Raum, in dem Erfahrungen, Perspektiven und Positionen nicht nivelliert werden, sondern nebeneinander bestehen.

Hörverstehen – die unterschätze Fertigkeit

Die Fertigkeit des Hörverstehens spielt eine zentrale Rolle im Spracherwerb und in Sprachlernprozessen. Sie bildet die Grundlage für Mündlichkeit und ist Voraussetzung für das Schreiben- und Lesenlernen. Gerade im Kontext von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und in den Basisbildungsangeboten DaZ sollte dem Hörverstehen daher eine besondere Bedeutung zukommen und angemessen Raum gegeben werden, weil die Fertigkeit für das kommunikative Handeln zentral ist. Hören ist ein aktiver und komplexer Prozess, der das Wahrnehmen, Verstehen, Interpretieren und Reflektieren umfasst, ein Prozess, bei dem Bedeutung erzeugt wird.  Vor diesem Hintergrund gewinnt die Auseinandersetzung mit authentischen Hörtexten an didaktischer Relevanz.

Hörtextsammlung zum Download

Die Hörtextsammlung ist mit Förderung durch die ÖGPB entstanden und online verfügbar. Die Hörtexte, Didaktisierungen und eine Broschüre sind kostenlos abrufbar unter Das politische Hören / Das Politische hören | lernraum.wien.

Nachrichtenserie „Demokratiebildung in der Erwachsenenbildung“

Der Sturm auf das US-Kapitol im Jahr 2021, Angriffe auf deutsche Politiker*innen während des EU-Wahlkampfes und das Erstarken demokratiefeindlicher Bewegungen zeigen, wie tief die Demokratie in der Krise steckt. Wie können wir sie schützen und gestalten? Unsere Nachrichtenserie beleuchtet, welche Rolle Demokratiebildung dabei spielt und informiert über Neuigkeiten, Projekte und Publikationen.

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