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"Österreicher*innen sind nicht so gut im Sprachenlernen"

24.10.2022, Text: Redaktion/CONEDU
Was uns empört, wird Anderssprachigen oft zugemutet. Dabei wirken sich solche Haltungen nachteilig auf Lernbiografien aus. Mehr dazu im aktuellen Magazin erwachsenenbildung.at.
  • Stilisierte Köpfe, darüber Sprechblasen mit unterschiclichen Satzzeichen, z.B. "!!", "..." oder "?". Grafik: CC BY, CONEDU/Schnepfleitner, auf erwachsenenbildung.at
    Über Sprachunterricht, Mehrsprachigkeit, Machtworte und Sprachräume: Jetzt im Magazin!
"Als Österreicher*in ist man natürlich nicht so gut darin, eine neue Sprache zu lernen." Was löst dieser (erfundene Satz) in Ihnen aus? Vermutlich werden hier lebende Menschen mit Deutsch als Erstsprache und österreichischer Staatsbürgerschaft verwundert bis ärgerlich reagieren. Man kann ja nicht alle aufgrund ihrer Nationalität über einen Kamm scheren, oder? Die aktuelle Ausgabe des "Magazin erwachsenenbildung.at" zeigt: solche stereotypen Abwertungen kommen im Unterricht für Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache vor.

 

Dabei hat es entscheidende Auswirkungen, wenn Lehrende Defizite und Vorurteile von Kursteilnehmer*innen fokussieren statt deren Ressourcen wahrzunehmen – das zeigte schon eine Studie aus 2010, die es mit dem Titel "Kevin bekommt schlechtere Noten" in die Schlagzeilen geschafft hatte. Menschen aufgrund von "Defiziten" zu "beschulen" und zu segregieren, scheint auch nach wie vor wenig erfolgsversprechend zu sein, wie eine Studie im Auftrag der Arbeiterkammer kürzlich in Bezug auf die Deutschförderklassen in der Schule zeigen konnte.

 

Fragt sich also: welche Vorurteile in Hinblick auf Spracherwerb und Sprachverwendung finden wir in der Erwachsenenbildung? Und wie können Erwachsenenbildner*innen und das Bildungssystem darauf reagieren? Mit diesen und weiteren Problemstellungen rund um Sprache und Erwachsenenbildung beschäftigt sich die 47. Ausgabe des Magazin erwachsenenbildung.at unter dem Titel "Erwachsenenbildung und Sprache. Über Sprachunterricht, Mehrsprachigkeit, Machtworte und Sprachräume". Die Herausgeberinnen sind Julia Schindler (Uni Innsbruck) und Annette Sprung (Uni Graz).

 

Hier ein Einblick:

Lehrende schreiben Kompetenzen nach Nationalitäten zu und geben ungefragt Verhaltenstipps

Marco Triulzi, Ina-Maria Maahs und Andrea DeCapua – alle u.a. im Bereich von Deutsch als Zweitsprache tätig – haben untersucht, wie Lehrende über Kursteilnehmer*innen in Deutschkursen sprechen. Sie wollten das Potenzial herausfinden, das darin läge, die Kompetenzen der Teilnehmer*innen und die Mehrsprachigkeit in dieser Gruppe als Ressource in der Unterrichtspraxis in den Vordergrund zu stellen – und was dem im Wege steht.

 

"Ein Bangladeshi, der ist natürlich der schwächste Teilnehmer": So und ähnlich unterteilen Lehrende die Teilnehmer*innen oft nach Nationalitäten und erwarten dabei bestimmte Sprachkompetenzen und Leistungsniveaus.

 

Weiters zeigte sich, dass es neben dem Deutsch-Lernen um bestimmte Integrationserwartungen geht. Kursteilnehmer*innen erhalten z.B. ungefragt Tipps, wie sie sich besser anpassen können. Und oft greifen Lehrende kulturelle Aspekte als Hindernis für ein erfolgreiches Lernen auf. Dabei verwiesen sie häufig auf die Anzahl der Kinder oder dass jeden Tag gekocht werde.

 

Triulzi und Kolleginnen zeigen in ihrem Beitrag auf, dass Lehrende zwar durchaus engagiert sind, dabei aber auch oft paternalistisch und ausgrenzend denken und das unausgewogene Machtverhältnis zu wenig reflektieren.

Es braucht Begegnung, Kreativität und Humor statt Kränkung

Birgit Fritz, Erwachsenenbildnerin und Theaterwissenschaftlerin, schlägt in ihrem Beitrag in eine ähnliche Kerbe. Im aktuellen Sprachenunterricht in Österreich werde Menschen Sprache "beige­bracht" ohne Interesse daran, was sie zu sagen haben, und ohne sie tatsächlich sprechen zu lassen.

 

Die Kränkungen, die Menschen in ihrer Schul­zeit wegen ihrer Dialekte oder ihrer anderen Erstsprache erfahren, haben Wirkungen im späte­ren Leben: Lernwiderstände, Versagensängste und Resignation zeigen sich in der Erwachsenenbildung, so Fritz.

 

Die Autorin plädiert daher für ein flexibleres Bildungssystem, das sich auf das reale Leben ausrichten kann und ein Aufeinander-Zugehen ermöglicht. Es brauche Begegnung, Solidarität, Kreativität, Witz und Humor und ein Narrativ, das eine Kultur der Vielfalt fördert. Genau das sollen Bildungsräume ermöglichen, so Fritz.

Über die Inhalte der Ausgabe

Die Autor*innen der 47. Ausgabe des Magazin erwachsenenbildung.at werfen Schlaglichter auf Sprache(n) und Erwachsenenbildung sowie auf die damit befassten Akteur*innen. Neben Deutschkursen und den darin wirksamen Machtverhältnissen geht es in der Ausgabe auch um Sichtbarkeit in der Sprache, wie z.B. im Beitrag zum gendersensiblen Sprachgebrauch in der Erwachsenenbildung. Für Lehrende relevant sind auch Berichte über konkrete Entwicklungen und Methoden, wie z.B. im Praxisbericht zum Digi SprachenCamp.

 

Ausgabe 47. "Erwachsenenbildung und Sprache. Über Sprachunterricht, Mehrsprachigkeit, Machtworte und Sprachräume" des Magazin erwachsenenbildung.at gibt es kostenlos online und in Kürze auch als Druckausgabe.

Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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