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Online-Räume sind anders: Wie beeinflusst das das Lernen?

05.07.2022, Text: Karin Kulmer und Gunter Schüßler, Redaktion/CONEDU
Die Psychologie des Online-Raumes war Ende Juni Thema im DigiTalk von erwachsenenbildung.at. Die Aufzeichnung steht nun zum Nachsehen zur Verfügung.
Video: CC BY 4.0 CONEDU, Juni 2022
Wie sich digitale Treffen auf unser Wohlbefinden auswirken, wie wir uns selbst und andere in Online-Räumen wahrnehmen und wie wir unter diesen Bedingungen erfolgreiche Bildungsveranstaltungen gestalten können: Diese Fragen standen im Mittelpunkt des DigiTalks „Die Psychologie des Online-Raumes“ mit den drei Expertinnen Elisabeth Feigl, Birgit Aschemann und Krista Susman.

Online-Räume sind mit Anstrengung verbunden, bieten aber zusätzliche Möglichkeiten

„Online-Räume sind ein Stück Kultur und nicht unsere Natur, sodass wir den Umgang damit erst lernen müssen“, so Birgit Aschemann. Da man im Online-Raum nicht die ganzen Körper der Gesprächspartner*innen wahrnehme, fallen viele körperbezogenen Stereotype weg, die im Präsenzraum wirken. Die „geteilte Präsenz“ gelte es aktiv zu überbrücken, um das Bedürfnis nach Beziehung, Kontakt oder Kooperation zu erfüllen, so Aschemann: „Ich muss aktiv etwas tun – z.B. das Bild der anderen Person nahe an die eigene Kamera schieben, um einem Augenkontakt nahezukommen.“ Wenn der Kontakt im Online-Raum nicht gelingt, kann das zu Frustration und Enttäuschung führen – das war für viele Erwachsenenbildner*innen besonders im Jahr 2020 spürbar.

 

Allerdings bietet der Online-Raum auch zusätzliche Möglichkeiten gegenüber der Präsenz – so kann man einander besser ansehen als in einem großen Kursraum oder informelle Gespräche im privaten Chat führen, ohne die anderen Teilnehmenden zu stören. Live-Online-Räume begünstigen außerdem gemeinsame Artefakte wie Texte oder Linksammlungen, wie Birgit Aschemann hervorstrich.

Paradoxien und soziale Aushandlung von Online-Räumen

Krista Susman wies darauf hin, dass Online-Räume und die dort stattfindenden Begegnungen nicht bloß Übertragungen der realen oder physischen Welt sind, sondern von uns auf andere Weise erfahren werden. Dazu präsentierte die Referentin sechs ausgewählte Paradoxien, die sich in unserem Verhalten in virtuellen Räumen beobachten lassen.

 

So äußert sich etwa das Sicherheitsparadox in der Unwissenheit darüber, ob sich neben der Person, mit der man sich online unterhält, möglicherweise noch weitere Personen im selben physischen Raum befinden. Die Entscheidung, aus Sicherheitsgründen die Kamera ein- oder auszuschalten, kann potenziell zu weiterem Stress oder sogenanntem „Zoom-Fatigue“ führen – denn „wir entscheiden nicht darüber, was unser Gegenüber als verunsichernd oder Sicherheit gebend empfindet“, so Susman.

 

Das Authentizitätsparadox beschreibt den Versuch, vor der Kamera möglichst authentisch zu wirken – das kann mit einer Selbstzensur einhergehen und das eigene Verhalten beeinflussen, wenn man sich etwa vornimmt, in Online-Meetings mehr zu lächeln.

 

Nicht zuletzt können Online-Räumen auch Machtverhältnisse verschieben, wenn etwa eine Person mit Host-Rechten andere stumm schalten oder aus dem Raum entfernen kann.

Haptik und Körperlichkeit im Online-Raum

Elisabeth Feigl warf die Frage auf, was Haptik und Körperlichkeit für das Lernen bedeutet. Tastsinn und Haptik sind wichtig, um sich der eigenen Realität und Authentizität bewusst zu sein, so Feigl. „Damit können wir uns selbst und unser Gegenüber erfahren.“ Durch das Mitdenken der Haptik in Lehr-Lernsettings entsteht ein ganzheitlicher Bezug, der nicht nur das kognitive Lernen, sondern auch die soziale und emotionale Komponente mit einbezieht.

 

Wie wir in Online-Settings mit unseren Körpern umgehen, ist noch wenig erforscht. Tendenziell geht Körperliches in der Telepräsenz eher verloren, so Elisabeth Feigl. Kleine physische Aktivitäten sowie ein Fokus auf das soziale und emotionale Lernen können helfen, Online-Lernen ganzheitlicher zu gestalten. Hier gelte es, auch an die körperliche und psychische Gesundheit zu denken. Feigl appellierte an Lehrende, mit Blick auf die Zielgruppe abzuwägen, welches Format sich für eine bestimmte Bildungsveranstaltung am besten eignet.

Herausforderungen als Gestaltungsaufgaben für die Erwachsenenbildung sehen

Online-Räume bringen neue Herausforderungen mit sich – hier waren sich die Diskutantinnen und Teilnehmer*innen des DigiTalks einig. Was es für Einzelne bedeutet, multiplen Informationsströmen ausgesetzt zu sein, die Mimik und Gestik der Gesprächspartner*innen über die Kamera zu entschlüsseln und die Beziehungen im Online-Raum zu gestalten, waren weitere Themen im Chat und in der anschließenden gemeinsamen Diskussion. Aufgabe der Erwachsenenbildung bleibt es auch künftig, Wege zu finden, um unter volatilen Bedingungen gelingende Bildungsveranstaltungen zu gestalten.

Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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