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Methoden für Solidarität?

04.10.2017, Text: Ulli Lipp, selbständiger Trainer, unter anderem für die VÖGB/AK ReferentInnen Akademie, Redaktion: Pia Lichtblau, VÖGB
Solidarität entsteht nicht von selbst - sie muss erfahren, erlebt und gespürt werden. Durch den bewussten Einsatz von Methoden kann man das in Seminaren ermöglichen und unterstützen. (Serie: Solidarität, Teilhabe und Ermächtigung)
  • Foto: CC BY, Ulli Lipp, auf erwachsenenbildung.at
    Solidarität spürbar
ReferentInnen nennen Solidarität gerne einen der Leitwerte ihrer Arbeit. Auf die Frage, woran man das bei ihren Lehrveranstaltungen im Detail erkennen kann, folgt oft ein ratloses Schulterzucken. Dabei ist eine Veränderung in Richtung mehr Solidarität gar nicht so schwer. Das lässt sich mit dem Einsatz der Lehr- und Lernmethoden zeigen.
Im Rahmen des Seminars „Solidarität lernen, lehren, erleben" beim VÖGB / AK ReferentInnen Akademie (Dokumentation unter http://blog.refak.at/solidaritaet-lernen-lehren-erleben/) stellten wir auch die Frage nach Lehr- und Lernmethoden in der Bildungsarbeit, die für das Lernziel Solidarität geeignet sind. Einige der dabei entstandenen Gedanken will ich hier zusammenfassen.

 

Es gibt keine „Spezial-Toolbox" Solidarität!

Schön wäre eine Sammlung von Lehr-und Lernmethoden, die wir praktisch blind für das Lernziel Solidarität einsetzen können. Dieses Fach „Solidarität" gibt es leider in unserem methodischen Werkzeugkasten der Erwachsenenbildung nicht. Es kommt bei allen Methoden darauf an, wie wir sie einsetzen. Klar hat die Methode Gruppenarbeit Kooperation eingebaut. Ich habe aber schon Gruppenarbeiten beobachtet, in denen starke Konkurrenz unter den TeilnehmerInnen entstand und jede/jeder auf seinen eigenen Vorteil (und bloß nicht mehr tun müssen als die anderen) bedacht war. Andererseits habe ich Frontalvorträge erlebt, in denen die/der Vortragende eine gemeinsame Aufbruchsstimmung erzeugte. Dabei denke ich bei „Methoden für Solidarität" garantiert nicht zuerst an den Frontalvortrag. Erstes Fazit: Nicht die Methode an sich, sondern die Art und Weise, wie sie eingesetzt wird, sagt etwas, ob in meiner Lehrveranstaltung Solidarität real wird.

 

Solidarität: Auswahl-Kriterien für Methoden

In unserem Seminar haben wir Kriterien entwickelt und diskutiert, die wir bei der Auswahl von Methoden für das Lernziel Solidarität einsetzen können. Folgende Kriterien waren unser Ergebnis:

  • Teamarbeit
  • Keine individuellen Verlierer
  • Emotionen im Spiel
  • Herausforderung für Team und Individuum
  • Gestaltungsspielräume und Offenheit

 

Die ersten beiden Kriterien sprechen für sich. Bei den drei anderen scheint auf den ersten Blick eine Trennschärfe zu allgemeinen Qualitätskriterien bei der methodischen Gestaltung zu fehlen. Durch unseren Methodeneinsatz wollen wir erreichen, dass in der TeilnehmerInnengruppe das Erfolgserlebnis und Glücksgefühl entsteht: Wir haben das gemeinsam geschafft, auch wenn es hart war. Das gehört zum solidarischen Handeln dazu. Das kennt jeder, der einmal einen Streik mitorganisiert hat oder in der Flüchtlingshilfe aktiv war. Ohne offene Planung können Lernende den Lernprozess nicht mitgestalten und das beißt sich mit dem Prinzip Solidarität in Lehr- und Lernprozessen.

 

Beispiele für Solidarität in Lernprozessen

Erfahrung und Vorwissen der TeilnehmerInnen nutzen. Solidarisch lernen heißt auch voneinander lernen. „Ich werde immer gefragt, was ich wissen will. Niemand fragt mich, was ich schon weiß!" Diese Klage eines Teilnehmers brachte mich dazu, konsequent im Vorfeld oder spätestens zu Beginn eines Seminars das Vorwissen und die Erfahrungen zum Thema abzufragen. Das erlaubt mir, Lehrveranstaltungen anders zu planen. Wenn ich weiß, welche Methoden die TeilnehmerInnen einsetzen, greife ich auf diese Erfahrungen zurück und organisiere den Lernprozess als Austausch. Methodisch mache ich das mit Vorab-Mails, die ich im Seminar durch Karten ergänzen lasse. Gemeinsam (meist mit Hilfe von Klebepunkten) vereinbaren wir, welche Erfahrungen wir genauer anschauen wollen. Wer die Erfahrungen mitbringt bekommt dann auch noch Zeit, sich auf die Weitergabe vorzubereiten.

 

Projekte, die nur gemeinsam gelingen. Wir haben in unserem Solidaritäts-Seminar TeilnehmerInnen nach draußen geschickt mit der Aufgabe, auf der Straße die Leute zum Begriff der Solidarität zu befragen, dazu einen Film zu drehen und im Seminar vorzuführen. Das geht nur miteinander. Da muss jeder sein Vorwissen einbringen. Das ist nicht nur technisch eine Herausforderung. Es ist auch deshalb anspruchsvoll, weil es nicht jedermanns Sache ist, fremde Menschen auf der Straße anzuquatschen. Natürlich passt jetzt die Methode Filmproduktion nicht immer. Das ist ein Beispiel für ein Kurzprojekt im Rahmen einer Lehrveranstaltung, in der viele Elemente solidarischen Handelns zum Tragen kommen. Übrigens und am Rande: Es war erschreckend, wie viele Leute auf der Straße nur ganz wenig mit dem Begriff Solidarität anzufangen wussten.

 

Erlebnislernen. Das Lernziel Solidarität lässt sich schlecht in einem Setting erreichen, wo einer doziert und die anderen passiv zuhören. Von Kollegen, die in Projekten gegen Diskriminierung arbeiten, habe ich folgende Übung übernommen. Die TeilnehmerInnen bekommen nach dem Zufallsprinzip rote, grüne und schwarze Klebepunkte auf die Stirn. Sie wissen nicht, zu welcher Farbe sie gehören. Rot bedeutet: Geh mir aus dem Weg, fass mich nicht an! Grün: Suche meine Nähe! Umarme mich! Schwarz: Sei höflich, begrüße mich ohne große Herzlichkeit. Jetzt gehen die TeilnehmerInnen im Raum herum und nach wenigen Minuten wissen die mit dem roten Punkt, zu welcher Gruppe sie gehören. Gerade sie brauchen bei der gemeinsamen (solidarischen) Aufarbeitung eine ganz herzliche Umarmung.

 

Story-Telling. Eine Teilnehmerin aus dem Solidaritäts-Seminar berichtete von ihren Erfahrungen mit dieser Methode. Es ist ein Unterschied, ob ich auf einer kognitiv-abstrakten Ebene die Notwendigkeit solidarischen Handelns zum Beispiel bei Langzeitarbeitslosen abarbeite oder ob ich in einer Geschichte das Problem lebendig werden lasse. Die Wirkung und das Lernen sind anders. Wichtig dabei: Natürlich darf die sachliche und theoretische Sichtweise nicht zu kurz kommen.

 

Fazit zwei: Im methodischen Werkzeugkoffer für ReferentInnen und TrainerInnen gibt es bereits Methoden, die sich in Verbindung mit den passenden Inhalten für das Lernziel Solidarität hervorragend einsetzen lassen.

 

Kleine Schritte zu Solidarität beim Lernen

Mit ein wenig methodischer Fantasie können wir gängige Methoden leicht umbauen: Wir reduzieren Konkurrenz und erweitern gemeinsames Arbeiten. Ein Teilnehmer am Solidaritäts-Seminar kritisierte das: „Das Lernziel Solidarität lässt sich nicht mit ein wenig mehr Teamwork erreichen." Recht hat er! Aber zumindest die Richtung stimmt!

 

Beispiele:

Bei der Kartenabfrage (Beispiel: Was unterstützt die Integration der Frauen?) lassen wir die TeilnehmerInnen nicht allein, sondern zu zweit, dritt oder viert die Karten schreiben. Die kurzen Diskussionen in diesen Kleingruppen zeigen, wie gemeinsam Erfahrungen und Wissen ausgetauscht und zusammengebracht werden.

 

Lernplakate (z.B. Stolpersteine für neue Betriebsratsmitglieder) fassen Lernprozesse zusammen und verankern Wissen. Ihre Herstellung im Team nach einem ExpertInnen-Input gleicht Wissensunterschiede aus. Im gemeinsamen Arbeitsprozess kann jeder seine Stärken einbringen.

 

Allein vorbereitete Kurzpräsentationen sind Stress, in der Gruppe geht das einfacher.

 

Unreflektiert übernehmen wir gerne bekannte Quizformate (z.B. Millionenshow, Kahoot), die immer Gewinner und damit auch Verlierer erzeugen. Wie wäre es zumindest gelegentlich mit einem Umbau: Wie viele Punkte erreichen wir gemeinsam als Gruppe?

 

Einfach ist es bei den Auflockerungsübungen bzw. Energizern zwischendurch. Da gibt es viele, die auf Kooperation und Teamwork basieren. (Siehe auch das Titelbild dieses Beitrages) Wie lange schafft es das Team aller TeilnehmerInnen, eine Münze auf einer Plane am Rollen zu halten. Gemeinsame Turmbauübungen und vieles andere mehr lassen sich hier einsetzen. (Siehe auch hier die Dokumentation des Solidaritätsseminars)

 

Fazit drei: Der ganz kleine Schritt in die Richtung Solidarität in unseren Lehrveranstaltungen sind minimale Veränderungen gängiger Methoden. Weg von Konkurrenz und isoliertem Lernen und hin zu mehr Zusammenarbeit.

 

Die Idee einer „ Wächterfunktion Solidarität"

In Besprechungen und Workshops haben sich Wächterfunktionen bewährt. Es gibt den Ziel-, Zeit-, Mitschreib- und Klimawächter. Es könnte auch eine Wächterfunktion „Solidarität" in unseren Schulungen und Seminaren geben. Am besten wird zu Beginn eine Teilnehmerin, ein Teilnehmer (oder auch ein Tandem) gesucht, das aufpasst, dass keine Konkurrenz entsteht, dass - wann immer es möglich ist - gemeinsam gearbeitet und gelernt wird. Die Wächter achten darauf, dass niemand wegen fehlender Voraussetzungen „abgehängt" wird. Pia Lichtblau hat in ihrem Beitrag in dieser Reihe (http://blog.refak.at/solidaritaet-solidaritaet/) unter der Überschrift „Solidarität als didaktisches Prinzip" .... „ prinzipiell gleichberechtigte.. Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, wo nicht Unwissende von ExpertInnen belehrt werden..." gefordert. Ich möchte das in der Praxis erleben, dass eine Solidaritäts-WächterIn im laufenden Lernprozess die Belehrung „von Oben herab" bemängelt.

 

Allein die Einführung und Besprechung einer Wächterfunktion Solidarität zu Beginn einer Veranstaltung wird die Wahrnehmung aller Beteiligten verändern und für fehlende Solidarität sensibilisieren. Damit verlassen wir auch die rein methodische Ebene. Solidarität wird inhaltlich angesprochen und für die Lernsituation konkretisiert.

 

Unsere Erfahrung: Als DozentInnen und ReferentInnen übersehen wir leicht vorhandene Chancen, wenigstens stückchenweise Solidarität beim Einsatz von Lehrmethoden zu realisieren. Frei nach Bertold Brechts Solidaritätslied (https://www.youtube.com/watch?v=bcllk8-wEy0): Vorwärts und nicht vergessen, worin unsre Stärke besteht. Beim Hungern, beim Lernen und beim Essen, vorwärts und nie vergessen: die Solidarität.

 

Serie: Solidarität, Teilhabe und Ermächtigung in der Erwachsenenbildung

In welcher Gesellschaft wollen wir miteinander leben? In Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche und demokratischer Erosion ist diese Frage für Erwachsenenbildung von steigender Bedeutung. Mit freiem Auge erkennen wir die gesellschaftlichen Brüche und Verwerfungen, die von einer zunehmend entsolidarisierten Gesellschaft zeugen. Wie wir leben wollen ist eine Frage, die beim Umgang mit uns selbst und unseren Nächsten anfängt, aber bei weitem nicht dort endet. In postdemokratischen Zeiten stehen die Verhältnisse, Strukturen und Exklusionsmechanismen mindestens ebenso sehr zur Verhandlung, wie humanistische Wertvorstellungen und Aufklärungsideale. Ein Blick, den uns das "Bildungsevangelium" als Erzählung vom persönlichen Erfolg durch Bildung immer wieder verstellt. Alle bisher zur Serie #ebsoli erschienen Beiträge finden Sie hier.

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