Die Menschen, die unsere Adressat*innen und Teilnehmer*innen sind, gestalten Gesellschaft, übernehmen Verantwortung und treffen Entscheidungen. Erwachsenenbildung trägt hier eine enorme Verantwortung, die sich nicht allein über kurzfristige Verwertungslogiken legitimieren lässt. Bildung ist ein öffentliches Gut.
„Das Wissen ist da – aber der Schritt ins Handeln bleibt schwierig“
In Teil 2 des ausführlichen Gesprächs mit Univ.-Prof.in Dr.in Maria Stimm zum Antritt ihrer Professur für Erwachsenen- und Weiterbildung an der Karl-Franzens-Universität Graz spricht sie mit Wilfried Frei (Institut CONEDU) über ihr Verständnis von Lernen in der sozial-ökologischen Transformation, über Wissenschaftskommunikation, und Bildungsziele für den Masterstudiengang in Graz. Im ersten Teil gibt Maria Stimm Einblick in ihren Werdegang.
Wilfried Frei: Frau Professorin Stimm, wenn Sie von Lernen Erwachsener sprechen, dann meinen Sie nicht nur klassische Weiterbildung oder Kursformate. Können Sie dieses Verständnis genauer beschreiben?
Maria Stimm: Ja. Wenn ich vom Lernen Erwachsener spreche, meine ich auch all die anderen Kontexte, in denen Erwachsene lernen: soziale Bewegungen, Medien, Wissenschaftssendungen, Social Media. Lernen findet in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen statt, viele davon sind nicht vordergründig pädagogisch organisiert oder gerahmt.
Welche Bedeutung hat das für die Erwachsenenbildung als Profession?
Ich sehe darin keine Auflösung der Erwachsenenbildung, sondern eher eine Herausforderung. Gerade zum Beispiel vor dem Hintergrund der Digitalisierung müssen wir uns mit diesen offenen Lernkontexten auseinandersetzen. Erwachsenenbildung kann hier zeigen, dass auch dort pädagogische Fragen relevant sind: Wie eignen sich Menschen Wissen an? Welche Rahmenbedingungen unterstützen Lernen? Und wo liegen Grenzen?
Sie haben zur Wissenschaftskommunikation promoviert. Wie fügt sich dieses Thema in Ihre erwachsenenpädagogische Perspektive ein?
Sehr gut, weil die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens historisch immer ein Thema der Erwachsenenbildung war – oder der Volksbildung. Das lässt sich über mehr als hundert Jahre zurückverfolgen. Gleichzeitig ist dieses Thema aus dem Blickfeld der Erwachsenenbildungswissenschaft geraten. Mich interessiert genau diese Schnittstelle: Vermittlung auf der einen Seite und Aneignung auf der anderen.
Sie sprechen bewusst von Aneignung – nicht nur von Vermittlung.
Aneignung ist etwas, das nur die Lernenden selbst leisten können. Wir können als Pädagog*innen Rahmen schaffen, Angebote machen, Strukturen gestalten. Aber was Menschen daraus machen, entzieht sich unserer direkten Steuerung. Und wir wissen, dass es zwischen Vermittlung und Aneignung ein großes Gap gibt.
Dieses Gap wurde während der Covid-Pandemie besonders sichtbar – Stichwort Wissenschaftsskepsis.
Genau. Da wurde sehr stark auf Vermittlungslogiken gesetzt: Man müsse den Menschen Wissenschaft besser erklären. Aber das reicht eben nicht. Viele Menschen verfügen über Wissen, wissen auch, wo sie es abrufen oder vertiefen können – und kommen trotzdem nicht ins Handeln.
Sie beziehen diese Beobachtung auf sozial-ökologische Transformationsprozesse.
Weil es dort besonders deutlich wird. Das Wissen über Klimawandel, Nachhaltigkeit oder globale Ungleichheiten ist weit verbreitet. Und trotzdem fällt es vielen Menschen schwer, den Schritt ins Handeln zu gehen. Für mich ist das eine zentrale Frage für die Erwachsenenbildung.
Was folgt daraus für Ihren Auftrag?
Erwachsenenbildung sollte sich nicht darauf beschränken, Wissen zu vermitteln. Es geht auch darum, Handlungsperspektiven zu eröffnen: Optionen sichtbar zu machen, Umgangsweisen zu entwickeln, Räume für Reflexion und für das Entwickeln von Visionen zu schaffen. Und vielleicht auch ganz andere, kreativere Settings zu nutzen, als wir es bislang gewohnt sind.
Sie befassen sich – aus Deutschland kommend – mit der österreichischen Erwachsenenbildungslandschaft, und können erste Vergleiche ziehen. In Österreich wird seit Jahren eine neue gesetzliche Grundlage für Erwachsenenbildung in Aussicht gestellt. Sie liegt aber noch nicht vor. Was nehmen Sie bislang wahr?
Ich finde die österreichische Situation grundsätzlich spannend, gerade im Vergleich zu Deutschland. Das Erwachsenenbildungsförderungsgesetz hat Besonderheiten – etwa, dass Bibliotheken darin mitgedacht werden. Das ergibt historisch Sinn. Gleichzeitig sehen wir Bruchlinien.
Worin bestehen diese Bruchlinien aus Ihrer Sicht?
Nicht alle Akteur*innen, die Erwachsenenbildung gestalten, fallen unter diese gesetzlichen und förderpolitischen Rahmen. Lernen Erwachsener findet viel breiter statt, als es institutionell abgebildet wird. Diese Differenz prägt die Landschaft.
Welche Rolle kommt der Erwachsenenbildungswissenschaft in diesem Spannungsfeld zu?
Für mich bedeutet das, dass wir diese Vielfalt sichtbar machen müssen. Unsere Aufgabe ist es, Lernen Erwachsener nicht nur dort zu betrachten, wo es gut organisiert und gefördert ist, sondern auch dort, wo es jenseits institutioneller Strukturen stattfindet. Und gleichzeitig Professionalisierungsprozesse in diesen unterschiedlichen Handlungsfeldern zu unterstützen.
Damit sind wir bei der Frage nach dem öffentlichen Auftrag der Erwachsenenbildung.
Wie übersetzen Sie diesen Anspruch in Ihre Lehre?
Mir geht es nicht darum, Studierenden einen Methodenkoffer mitzugeben. Pädagogisches Handeln ist komplex und mit Unsicherheit verbunden. Diese Unsicherheit muss man aushalten können. Ich versuche, ein Geländer zu bieten – im Sinne von Orientierung und Reflexionsmöglichkeiten –, aber keine einfachen Rezepte.
Studierende wünschen sich dennoch oft sehr konkrete Werkzeuge.
Das verstehe ich gut, gerade in Zeiten von Unsicherheit. Aber Sicherheit entsteht nicht durch Methodenlisten. Entscheidend ist, dass Studierende lernen, ihr Handeln professionell zu begründen, Situationen zu analysieren und Verantwortung zu übernehmen. Erwachsenenbildung braucht Gestalter*innen – auch in Leitungsfunktionen.
Sie beforschen Wissenschaftskommunikation Wie reflektieren Sie Ihre eigene Praxis?
Gute Wissenschaftskommunikation ist für mich keine Frage von Entertainment, sondern von pädagogischer Gestaltung. Es geht immer um die Frage: Wer sind die Adressat*innen? In welchem Medium spreche ich? Welche Sprache ist angemessen? Dabei bleibe ich Erwachsenenbildungswissenschaftlerin – auch wenn ich meine Sprache anpasse oder didaktisch über Formate nachdenke.
Woran möchten Sie Ihre Arbeit in Graz in ein paar Jahren gemessen wissen?
Daran, ob es gelingt, Resonanzräume zu schaffen – zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Wissen und Handeln, zwischen individuellen Lernprozessen und gesellschaftlichen Herausforderungen.
Das ausführliche Gespräch zwischen Maria Stimm und Wilfried Frei wurde mit Einverständnis der Professorin gekürzt und zur Veröffentlichung aufbereitet. Klicken Sie hier für Teil 1 mit dem Titel „Dieses Feld ist riesig -und genau das hat mich gepackt“.
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