„Dieses Feld ist riesig – und genau das hat mich gepackt“
Mit 1. Oktober 2025 wurde Doktorin Maria Stimm zur Professorin an der Karl-Franzens-Universität Graz berufen und hat die Leitung des Fachbereichs Erwachsenen- und Weiterbildung am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften übernommen. Wilfried Frei (Institut CONEDU) sprach mit Maria Stimm über deren Werdegang, über Erwachsenenbildungswissenschaft und die Vorhaben der neuen Professorin für die kommenden Jahre.
Das ausführliche Gespräch veröffentlichen wir auf erwachsenenbildung.at in zwei Teilen. Im ersten Teil gibt Maria Stimm Einblick in ihren Werdegang. Das zweite Interview thematisiert Forschungsschwerpunkte und Agenden: Das Lernen Erwachsener in der sozial-ökologischen Transformation, Wissenschaftskommunikation, und Bildungsziele für den Masterstudiengang Erwachsenen- und Weiterbildung.
Wilfried Frei: Frau Professorin Stimm, sie haben seit Kurzem die Professur für Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Graz inne und sind damit Ihrer ebenfalls aus Deutschland stammenden Kollegin Univ.-Prof. Elke Gruber nachgefolgt. Wer ist Maria Stimm – wie stellen Sie sich hierzulande vor?
Maria Stimm: Die Frage „Wer bin ich?“ ist sehr weitreichend. Wenn man meinen beruflichen Weg nachzeichnet, dann bin ich Erwachsenenbildungswissenschaftlerin – und das nicht aus einer strategischen Entscheidung heraus, sondern aus einer länger zurückliegenden Erfahrung. Bis zum Beginn meines Bachelorstudium der Erziehungswissenschaften war mir, ehrlich gesagt, nicht bewusst, dass Erwachsene überhaupt als eigene Lerner*innengruppe gedacht werden. Als ich dann mit diesem Schwerpunkt in Kontakt kam, war das tatsächlich wie ein Erweckungsmoment. Das klingt pathetisch, aber es war wirklich so ein Wow-Effekt: Dieser pädagogische Bereich ist riesig, und da gibt es so viel zu entdecken, viele Richtungen, in die ich mich eindenken kann.
Sie beschreiben diesen Moment sehr eindrücklich. Was hat Sie daran so angesprochen?
Diese Offenheit. Dieses Gefühl, dass Erwachsenenbildung nicht ein klar umrissener, enger Bereich ist, sondern ein sehr breiter. Man kann sich in unterschiedliche Themen vertiefen, unterschiedliche Kontexte betrachten. Und dieser Eindruck hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Retrospektiv würde ich sagen: Das ist der rote Faden meines beruflichen Weges geworden.
War damals schon absehbar, dass Sie diesen Weg in Richtung Wissenschaft weitergehen würden?
Nein, überhaupt nicht. Diese Erzählung kann man nur im Rückblick so ordnen. Im Bachelor und auch im Master war mir noch nicht klar, dass Wissenschaft mein Handlungsfeld sein würde. Das hat sich erst im Zuge der Promotion herauskristallisiert. In dieser Phase habe ich gemerkt, dass ich nicht nur über Erwachsenenbildung forschen möchte, sondern dieses Feld auch mitgestalten will.
Was heißt für Sie „mitgestalten“?
Zum Beispiel, mich in der Scientific Community einzubringen, Publikationsprojekte aufzubauen oder professionspolitisch aktiv zu sein. Die Mitgründung der Zeitschrift Debatte war für mich ein solcher Schritt. Da ging es darum, einen Raum für Diskussion und Auseinandersetzung zu schaffen.
Sie sprechen auffallend oft von Wissenschaft als „Handlungsfeld“, jenseits der häufig benannten Dichotomie von Wissenschaft und Praxis.
Ich verstehe Wissenschaft als ein Handlungsfeld unter anderen erwachsenenpädagogischen Handlungsfeldern. Neben Wissenschaft gibt es u.a. Beratung, Programmplanung, Lehre, Management. Ich maße mir nicht an, aus der Wissenschaft heraus über diese Felder zu urteilen. Aber ich sehe meine Rolle darin, Verbindungen herzustellen: zwischen diesen verschiedenen Handlungsfeldern, zwischen unterschiedlichen Wissensformen.
Diese Breite scheint Ihnen wichtig zu sein.
Ja, sehr. Mein Forschungsprofil ist bewusst breit angelegt. Mich interessieren Beratung, Programmplanung als Scharnierfunktion, Lehren, didaktische Fragen. Diese Breite ist für mich kein Mangel, sondern Ausdruck dessen, was Erwachsenenbildung ausmacht.
Wie sieht sich Maria Stimm selbst als erwachsene Lernende?
Ich lerne eigentlich immer. Egal ob in der Lehre, in Forschungsprojekten oder im Austausch mit Kolleg*innen aus anderen Handlungsfeldern. Wenn mich ein Thema interessiert, kann ich sehr tief eintauchen. Aber ich arbeite nicht an Themen, nur weil sie gerade politisch oder gesellschaftlich gesetzt sind. Es ist wirklich das Interesse, das mich leitet.
Hat diese Haltung Auswirkung auf Ihre Lehre?
Ja, absolut. In einer hochschuldidaktischen Weiterbildung sollten wir einmal einen Leitspruch formulieren, der beschreibt, wie wir uns als Lehrpersonen verstehen. Meiner war sinngemäß: Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen. Ich sehe meine Aufgabe darin, Studierenden diesen Blick auf das Feld zu eröffnen, den ich selbst habe – diese Faszination für die Breite und Komplexität der Erwachsenenbildung.
Sie sind nun von Deutschland, wo Sie zuletzt eine Vertretungsprofessur an der Pädagogischen Hochschule Freiburg inne hatten, nach Österreich gekommen. Was hat Sie an dieser Professur in Graz besonders angesprochen?
Die Ausschreibung hat bei mir eine starke Resonanz ausgelöst. Zum einen wegen der thematischen Schwerpunkte der Universität, aber auch den professionsorientierten Gestaltungsmöglichkeiten im Masterstudiengang Erwachsenen- und Weiterbildung, zum anderen wegen der Fakultät, in der diese Professur verortet ist. Die Fakultät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaften ist ein sehr interessantes Konstrukt. Hier verbinden sich Themen, die sonst häufig getrennt sind – etwa Bildung und sozial-ökologische Transformationsprozesse. Das ist genau mein Thema.
Sie erzählten, dass auch andere Schwerpunkte der Fakultät eine Rolle für Sie spielen?
Ja. Zum Beispiel die Genderforschung. Geschlechterfragen habe ich immer als Querschnittsthema verstanden – etwa mit Blick darauf, wer wie beraten wird, wer als Adressat*innengruppe gedacht wird oder wie Frauen in der beruflichen Bildung mitgedacht werden. Auch die Nähe zur Sozialpädagogik finde ich spannend, weil sich hier Handlungsfelder überschneiden. Dieses Gesamtbild – dieses Puzzle – habe ich so an keiner anderen Universität gefunden.
Und wie war Ihr Eindruck vom Ort Graz selbst?
Ich war vorher noch nie in Graz. Aber ich habe mich hier sehr schnell wohlgefühlt. Nicht im Sinne von Heimat – das wäre übertrieben –, aber vertraut. Das ist mir wichtig, wenn ich mir vorstelle, an einem Ort zu arbeiten und auch zu leben. Dieses Gefühl von Vertrautheit war für mich bei den ersten Begegnungen und Stadterkundungen spürbar.
Wie verstehen Sie Ihre Rolle im bestehenden österreichischen Erwachsenenbildungsfeld?
Ich verstehe mich nicht als jemand, die irgendwo landet und sofort weiß, wie alles funktioniert. Mein Anspruch ist es, die Strukturen zu verstehen, die historisch gewachsen sind, und mit ihnen in Resonanz zu gehen. Das braucht Zeit, und mein Radius wird sich dabei sukzessive weiten. Aber genau darauf habe ich Lust.
Das ausführliche Gespräch zwischen Maria Stimm und Wilfried Frei wurde mit Einverständnis der Professorin gekürzt und zur Veröffentlichung aufbereitet. Klicken Sie hier für Teil 2 „Das Wissen ist da – aber der Schritt ins Handeln bleibt schwierig".
Ausgewählte Berufliche Stationen von Univ.-Prof.in Dr.in Maria Stimm
- Vertretungsprofessur (W3) für Erwachsenen- und Weiterbildung (PH Freiburg)
- Lehrkraft für besondere Aufgaben (Universität Koblenz)
- Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)
- Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Humboldt-Universität zu Berlin)
- Mitorganisatorin der Werkstatt »Forschungsmethoden in der Erwachsenenbildungswissenschaft« der Sektion Erwachsenenbildung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft
- Mitarbeiterin des Zertifikatsprogramms „Berliner Zertifikat für Hochschullehre“ (Berliner Zentrum für Hochschullehre)
- Konzeption, Planung und Durchführung des Basismoduls »Erwachsenenpädagogische Qualifizierung im Blended-learning-Format« (Brandenburgischer Volkshochschulverband e. V.)
Maria Stimm hat für ihre Lehrtätigkeit mehrere Auszeichnungen der Humboldt-Universität zu Berlin erhalten.
- "Das Wissen ist da - aber der Schritt in Handeln bleibt schwierig". Interview Teil 2, Maria Stimm
- Beiträge von Maria Stimm im Magazin erwachsenenbildung.at
- Universität Graz: Fachbereich Erwachsenen- u. Weiterbildung
- "Erwachsenenbildung ist politisch am wenigsten sichtbar": Interview mit Elke Gruber zur Emeritierung
- Debatte – Beiträge zur Erwachsenenbildung
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