Green Comp: Welche Kompetenzen braucht es für eine „grüne“ Zukunft?

27.10.2025, Text: Marion Kirbis, Redaktion/CONEDU
Das Kompetenzmodell zeigt, wie Erwachsenenbildner*innen Nachhaltigkeitswerte verankern, Klimathemen verständlich machen und nachhaltige Zukunftsperspektiven in ihre Praxis einbinden können.
Protestierende Menschen, auf einem Schild die Aufschrift "No Nature, No Future""
Menschen zum Handeln für mehr Nachhaltigkeit befähigen – dazu braucht es bestimmte Kompetenzen.
Foto: Unsplash Lizenz, Markus Spiske, https://unsplash.com/

Der Europäische Kompetenzrahmen für Nachhaltigkeit „GreenComp“ stellt die Entwicklung von Kompetenzen für mehr ökologische Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Er soll Erwachsenenbildner*innen Orientierung geben und sie dabei unterstützen, ihre Lehrangebote, Lehrpläne oder Evaluierungen stärker an nachhaltigen Prinzipien auszurichten. Wie das Referenztool in Bildungsangeboten bereits eingesetzt wird, zeigt das Projekt „Green Comp in Action: Nachhaltigkeit lehren und lernen“ vom BFI Wien. Von Oktober 2024 bis September 2025 entwickelte die Organisation Schulungen für Trainer*innen, pädagogisches Personal der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie der allgemeinen Erwachsenenbildung und führte diese durch.

Die vier Dimensionen des „GreenComp“

In vier Bereichen definiert der „Green Comp“ zwölf Kompetenzen, die für eine nachhaltige Entwicklung wichtig sind:

  • Verankerung von Nachhaltigkeitswerten
  • Berücksichtigung der Komplexität der Nachhaltigkeit
  • Visionen für eine nachhaltige Zukunft entwickeln
  • Handeln für Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit grundlegend verankern

Der Bereich „Verankerung von Nachhaltigkeitswerten“ listet die Wertschätzung der Nachhaltigkeit, die Unterstützung der Gerechtigkeit und die Förderung der Natur als grundlegende Kompetenzen auf.

Zur Wertschätzung gehört die Fähigkeit, über persönliche Werte zu reflektieren und zu hinterfragen, ob das eigene Handeln mit diesen übereinstimmt. Lernende sollen in der Lage sein, Nachhaltigkeitswerte und Ziele zu formulieren und unterschiedliche Sichtweisen nachzuvollziehen. Hierfür sollen Akteur*innen Wissen über unterschiedliche Ansätze zum Thema Nachhaltigkeit aufbauen. Der Kompetenzrahmen nennt drei Zugänge, die dabei helfen, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur besser zu verstehen:

  • Anthropozentrismus (humanzentriert)
  • Technozentrismus (technologische Lösungen für ökologische Probleme)
  • Ökozentrismus (naturzentriert)

Gerechtigkeit und Gleichheit sind ein weiterer Schwerpunkt, wenn es um die Verankerung von Nachhaltigkeitswerten geht. Lernende sollen begreifen, dass ethische Konzepte und Gerechtigkeit für derzeitige und künftige Generationen mit dem Schutz der Natur zusammenhängen und sich für die Wahrung der Interessen zukünftiger Generationen einsetzen. Für die Förderung der Natur braucht es Verständnis dafür, dass menschliches Wohlergehen, Gesundheit und Sicherheit vom Wohlergehen der Natur abhängen.

Nachhaltigkeit als komplexes Thema verstehen

Der Kompetenzbereich „Berücksichtigung der Komplexität der Nachhaltigkeit“ umfasst die Kompetenzen systemorientiertes Denken, kritisches Denken und Problemformulierung.

Systemorientiertes Denken befähigt Lernende dazu, ökologische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte der Nachhaltigkeit zu verstehen. Hierfür soll auch kritisches Denken gefördert werden, um etwa Greenwashing erkennen zu können und das Wissenschaftsvertrauen zu wahren.

Die Problemformulierung beschreibt das Identifizieren von Nachhaltigkeitsproblemen und wie diese eingedämmt oder in Zukunft vermieden werden können.

Visionen für eine nachhaltige Zukunft entwickeln

Unter ebendiesem Titel sind Zukunftskompetenz, Anpassungsfähigkeit und forschungsorientiertes Denken versammelt. Der Kompetenzrahmen betont, dass nachhaltige Entwicklung eine Kombination aus kreativem Denken und Experimentieren mit neuen Ideen und Ansätzen erfordert.

Zukunftskompetenz bedeutet, sich nachhaltige alternative Zukunftsszenarien vorstellen zu können und auszumachen, wie diese verwirklicht werden können. Mit Anpassungsfähigkeit sollen Menschen Herausforderungen bewältigen und auch angesichts von Unsicherheit und Risiken Entscheidungen für die Zukunft treffen können.

Für die Kompetenz des forschungsorientierten Denkens soll das rationale Denken von Lernenden gefördert werden. Etwa durch das Erforschen und Verknüpfen verschiedener Disziplinen, den Einsatz von Kreativität und das Experimentieren mit neuen Ideen und Methoden.

Nachhaltig Handeln auf politischer, gemeinsamer und persönlicher Ebene

Der letzte Bereich „Handeln für Nachhaltigkeit“ vereint politisches, kollektives und individuelles Handeln.

Die Kompetenz zum politischen Handeln beinhaltet, sich in politischen Systemen zurechtfinden zu können, politische Verantwortung und Rechenschaftspflicht für nicht nachhaltiges Verhalten zu identifizieren und politische Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit zu fordern.

Kollektives Handeln erfordert das Verständnis dafür, dass zivilgesellschaftliche Gemeinschaften und Organisationen eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung von Nachhaltigkeitszielen spielen sowie die Bereitschaft gemeinsam auf diese hinzuarbeiten. Abschließend geht es bei der individuellen Initiative darum, das eigene Potenzial zu erkennen und einen aktiven Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten.

Über den Kompetenzrahmen

Der „Green Comp“ versteht unter Nachhaltigkeit, dass den Bedürfnissen aller Lebensformen und des Planeten Vorrang eingeräumt wird, indem das menschliche Handeln die Belastungsgrenzen des Planeten nicht übersteigt. Er reiht sich in eine Serie an Kompetenzmodellen des „Joint Research Centre: EU Science Hub“ ein: Den „DigComp“ für digitale Fertigkeiten, „EntreComp“ für Gründer*innenkompetenzen und „LifeComp“ für Kompetenzen zur Anpassung an eine sich verändernde Welt.

 

Serie und Dossier zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Hochwasser, Waldbrände, Hungersnot – Expert*innen der Klimaforschung warnen vor den Folgen extremer Wettereignisse durch den Klimawandel. Bildung ist gefordert Aufklärungsarbeit zu leisten, Diskurse zu ermöglichen und „grüne“ Kompetenzen zu fördern. Wo setzt die Erwachsenenbildung an? In der Serie „Klima- und Umweltschutzbildung“ und dem Dossier „Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Erwachsenenbildung“ widmen wir uns dieser Frage.

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