Zukunftswerkstätten als demokratisches Bildungsformat

15.09.2025, Text: Antonia Unterholzer, Redaktion/CONEDU
Zukunftswerkstätten ermöglichen Lernenden, sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen, demokratische Prozesse praktisch zu erleben und kollektive Handlungsmöglichkeiten zu erschließen.
Post-Its auf blauem Plakat.
In einer Zukunftswerkstatt lernen die Teilnehmer*innen, wie Austausch und Zusammenarbeit funktionieren und wie Lernen ohne Hierarchien möglich wird.
Foto: Unsplash Lizenz, FORTYTWO, https://unsplash.com

Vor rund dreißig Jahren entwickelte der Zukunftsforscher Robert Jungk gemeinsam mit Kolleg*innen das Format der Zukunftswerkstatt. Heute ist es ein etabliertes Instrument in der politischen Bildung, Bürger*innenbeteiligung und Organisationsentwicklung. Im Zentrum stehen offene Kommunikation, Selbstbestimmung und basisdemokratisches Aushandeln.

Prinzipien der Zukunftswerkstätten

Wie  Mitbegründer Norbert R. Müllert betont, verlaufen Zukunftswerkstätten in klaren Phasen. Inhaltlich werden sie von den Teilnehmer*innen selbst getragen, beispielsweise durch Kleingruppenarbeiten, kurze Beiträge im Plenum oder in Diskussionen. Die Aufgabe der Moderation besteht darin, den methodischen Ablauf zu sichern, Abstraktes in Konkretes zu übersetzen und die Aufmerksamkeit auf das zu lösende Problem zu lenken.

Zukunftswerkstätten vermitteln dabei verschiedene Haltungen und Fähigkeiten, die Müllert als Effekte beschreibt:

  • Kommunikationseffekt
  • Demokratieeffekt
  • Lerneffekt
  • Motivationseffekt
  • Kreativitätseffekt

Im Verlauf einer Zukunftswerkstatt erleben die Teilnehmer*innen, wie konstruktiver Austausch gelingt (Kommunikationseffekt), wie sie aktiv an gemeinsamen Anliegen mitwirken können (Demokratieeffekt) und wie Lernen ohne Hierarchien möglich wird (Lerneffekt). Sie erfahren, dass sich Probleme auch ohne Expert*innenwissen auf Basis kollektiver Erfahrung lösen lassen (Selbstbestimmungseffekt) und wie gemeinsames Arbeiten Motivation und Energie freisetzt (Motivationseffekt). Zukunftswerkstätten machen verborgene kreative Potenziale sicht- und nutzbar (Kreativitätseffekt).

Die drei Phasen der Zukunftswerkstätten: Kritik, Fantasie und Verwirklichung

Zukunftswerkstätten folgen klaren didaktischen Prinzipien und gliedern sich in drei strikt voneinander getrennte Phasen:

  • Beschwerde- und Kritikphase
  • Fantasie- und Utopiephase
  • Realisierungs- und Strategiephase

In der Beschwerde- und Kritikphase sollen die Teilnehmer*innen den Ist-Zustand bestimmen. In der ersten Phase machen die Teilnehmer*innen den Anlass des Treffens sichtbar, haben Raum für Kritik und können Unmut und Veränderungswünsche äußern. Das Ziel besteht darin, gemeinsame Herausforderungen zu erkennen und Vertrauen zu schaffen.

In der Fantasie- und Utopiephase nutzen die Teilnehmer*innen die Kritikpunkte der ersten Runde als kreative Ressource. Hier können Teilnehmer*innen gemeinsam Brainstormen und über Visionen und Träume reden. Im Mittelpunkt stehen Neugier, Experimentierfreude und das Entfalten des Potenzials der Gruppe. In dieser Phase entwickeln die Teilnehmer*innen neue Ideen und nutzen einen offenen Raum, der Innovationen ermöglicht.

Der letzte Schritt ist die Realisierungs- und Strategiephase. Hier werden die zuvor entwickelten Ideen und Visionen auf ihre Machbarkeit geprüft und konkretisiert. Die Teilnehmer*innen beginnen, Prioritäten zu setzen, Verantwortlichkeiten zu klären und erste Umsetzungsschritte zu planen. So entsteht aus den zuvor gesammelten Einfällen ein realistischer Handlungsplan, der den Übergang von der kreativen Vision zur praktischen Umsetzung ermöglicht.

Zielgruppen und Anwendungskontexte

Zukunftswerkstätten werden in vielen Bereichen genutzt: von Organisations- und Unternehmensentwicklung über Projektmanagement bis hin zu Gemeinde- und Regionalentwicklung, Raum- und Stadtplanung oder der Gestaltung von Lebensräumen. Auch in schulischer und außerschulischer Demokratiebildung haben sie ihren festen Platz. Je nach Thema und Zielgruppe dauern sie von wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen

Zukunftswerkstätten als Demokratiewerkzeug: Harland und Du

Ein Beispiel dafür, wie Zukunftswerkstätten in demokratische Prozesse eingebunden werden können, liefert das Projekt „Harland und Du“ in St. Pölten. Ziel war es, gemeinsam mit den Bewohner*innen des Stadtteils Harland konkrete Zukunftsideen zu entwickeln. Beim ersten Treffen – bei dem über 70 Personen teilnahmen – standen Themen wie Generationen, Sport und Freizeit, Identität und Engagement im Mittelpunkt. Dabei entstanden zahlreiche Vorschläge zur Weiterentwicklung des Stadtteils, die nun vom Kernteam der Zukunftswerkstatt weiterbearbeitet und umgesetzt werden.

Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen

An der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) in Salzburg wird die Methode der Zukunftswerkstätten gepflegt und weiterentwickelt. Die Bibliothek widmet sich der Forschung und Dokumentation von zukunftsbezogener Literatur und bietet selbst Zukunftswerkstätten an. Interessierte können dort auch an Ausbildungen zur Zukunftswerkstätten-Moderator*in teilnehmen.

Nachrichtenserie „Demokratiebildung in der Erwachsenenbildung“

Der Sturm auf das US-Kapitol im Jahr 2021, Angriffe auf deutsche Politiker*innen während des EU-Wahlkampfes und das Erstarken demokratiefeindlicher Bewegungen zeigen, wie tief die Demokratie in der Krise steckt. Wie können wir sie schützen und gestalten? Unsere Nachrichtenserie beleuchtet, welche Rolle Demokratiebildung dabei spielt und informiert über Neuigkeiten, Projekte und Publikationen.

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