Alternative Zukunftsentwürfe denken und gestalten
Utopiekompetenzen helfen dabei, gesellschaftliche und persönliche Herausforderungen greifbar und gestaltbar zu machen und stärken kreatives Denken, Zukunftsorientierung und die aktive Mitgestaltung gesellschaftlicher Prozesse. Solche Konzepte, wie etwa „Futures Literacy“ (UNESCO) sind aber nicht ganz neu in die Erwachsenenbildung. Ebenso greift Oskar Negt bereits in den 1980er Jahren in seinem Konzept der Schlüsselkompetenzen das Thema Utopien im Zusammenhang mit Bildung auf.
Das Futures Literacy Konzept der UNESCO
Futures Literacy ist die Kompetenz, alternative Zukunftsentwürfe zu entwickeln, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu hinterfragen und daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Sie hilft uns dabei zu verstehen, warum und wie wir die Zukunft nutzen, wie wir uns darauf vorbereiten können und wie wir mit der Komplexität und Neuartigkeit unserer Gesellschaft umgehen können. Die UNESCO hat "Futures Literacy" als zentrale Kompetenz des 21. Jahrhunderts hervorgehoben.
Futures Literacy Laboratories
Um diese Form der Zukunftskompetenz zu fördern, setzt die UNESCO auf sogenannte Futures Literacy Laboratories. Die UNESCO hat diese konzipiert, setzt sie selbst um und stellt Tools bereit, damit auch andere Organisationen sie durchführen können. In ihnen wird das Potenzial kollektiven Wissens (biografisches, alltägliches oder geschichtliches) genutzt, um eine wünschenswerte Zukunft zu denken und zu gestalten. Dabei setzen sie auf vier Prinzipien und Ziele:
- die Zukunft nutzen, um die Gegenwart zu überdenken
- eine vielfältige Zukunft fördern durch „learning by doing“ im gemeinschaftlichen Austausch und Tun
- Handlungsmöglichkeiten und -fähigkeiten eröffnen und fördern
- zu einem kreativeren, offeneren und experimentelleren Zugang zur Gegenwart und Zukunft befähigen.
Futures Literacy Laboratories: von der Diskussion zu konkreten Schritten
Ort, Inhalte und Ziel des Laboratoriums werden im Vorhinein festgelegt. Das Future Literacy Lab ist dann in der Regel in vier Phasen gegliedert.
In der ersten Phase geht es darum, Annahmen über Gegenwart und Zukunft zu diskutieren, einzubetten und zu sammeln. Beispielsweise wird gebrainstormt, wie die Teilnehmer*innen in Zukunft zusammenleben wollen. Dabei haben gute und schlechte Zukunftsaussichten Platz. Ziel ist es gemeinsam zu verstehen, dass wir bestimmte Vorstellungen über die Zukunft haben und diese unter anderem gesellschaftlich und kulturell eingebettet sind.
In der zweiten Phase sollen sich Teilnehmer*innen Zukunftsszenarien vorstellen, die unwahrscheinlich und nicht wünschenswert sind. Dies soll eigene Annahmen in Frage stellen und provozieren. Dabei steht im Vordergrund, dass verschiedene Zukunftsvorstellungen denkbar sind: Also die Frage, welche Vorstellungen für die Zukunft wünschenswert sind und welche nicht.
Die dritte Phase widmet sich der Reflexion der vorangegangenen Gruppenarbeiten und Diskussionen. Die Teilnehmer*innen kehren nun gedanklich in die Gegenwart zurück. Sie sollen jetzt gemeinsam ihre aktuellen Wahrnehmungen sammeln, ihre neuen Erkenntnisse bewerten und Fragen, die sich aus dem bisherigen Prozess ergeben haben, stellen.
In der letzten Phase dreht sich nun alles um die weiteren Schritte, die Teilnehmer*innen setzen können und wollen. Das Ziel besteht darin, die Fragen, Erkenntnisse und Lehren der Gruppe zu bündeln und mögliche Maßnahmen für künftige Veränderungen zu ermitteln.
Oskar Negts „historische Kompetenz“
Eine theoretische Grundlage aus dem Bildungsbereich bot der in der Erwachsenenbildung viel rezipierte Soziologe Oskar Negt schon in den 1980er Jahren an. Er versteht Utopiekompetenz als die Fähigkeit, sich an Vergangenes zu erinnern und Zukunftsperspektiven zu entwerfen. Sie umfasst das Wissen über gesellschaftliche Entwicklungen, politische Umbrüche und individuelle Erfahrungen. Dieses bewusste Erinnern dient nicht nur dem Verständnis der Gegenwart, sondern hilft auch dabei, politische Herausforderungen zu erkennen und zu bewältigen. Zugleich eröffnet es die Möglichkeit, bestehende Strukturen zu hinterfragen und neue Zukunftsentwürfe zu entwickeln, hin zu Utopien.
Gesellschaften verändern sich und mit ihnen wird das Undenkbare möglich. Utopie heißt so viel wie Nicht-Ort. Gerade darin liege ihre Kraft, neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, so unter anderem Negt. Utopien, die vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten undenkbar waren, sind heute Realität geworden: Wer hätte vor Jahrhunderten gedacht, dass wir eines Tages den Weltraum bereisen oder einst tödliche Krankheiten heilen können?
Utopie bei Negt ist aber kein starrer Zukunftsentwurf, sondern offen, dynamisch und ohne konkrete Ziele. Genau in dieser Offenheit kann die Möglichkeit der Veränderung und Kritik entstehen. Dieses Verständnis grenzt sich von geschlossenen Utopien, wie etwa dem Sozialismus, ab. Negt zufolge laufen diese perfektionistischen und geschlossenen Entwürfe für die Zukunft Gefahr, erst wieder unterdrückend, ausschließend und ausbeuterisch zu sein.
Utopie als neuer Möglichkeitsraum und Kompetenz
Die Bildungswissenschaftlerinnen Antje Pabst und Melanie Benz-Gydat weisen daher auf das Potenzial von Utopien in der Erwachsenenbildung hin: Utopien würden nämlich einen neuen Möglichkeitsraum eröffnen, welcher die Gestaltung von Bildungsprozessen erweitert. Mit der Reflexion des Bestehenden und dem Blick auf das Zukünftige wird Selbstermächtigung möglich.
Hendrik Schröder plädiert aus denselben Gründen für eine Utopiekompetenz. Die Fähigkeit utopisch zu denken, könne ermöglichen, dass Menschen autonom an politischen Diskursen über ein zukünftiges Zusammenleben, Miteinander und der Gestaltung davon teilzunehmen.
Die Möglichkeiten der Utopie
Die UNESCO schafft mit den Futures Literacy Laboratories Räume für gemeinschaftliches Denken und Handeln, in denen Zukunft nicht nur gedacht, sondern aktiv gestaltet werden kann. Negts Ansatz ergänzt dies um eine politische Dimension: Utopisches Denken ist für ihn ein Werkzeug der Kritik und Transformation – offen, prozessorientiert und immer mit dem Ziel, neue Handlungsspielräume zu erschließen.
Insgesamt wird deutlich: Utopiekompetenz ist eine Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts. Sie ermutigt dazu, neue Perspektiven zu entwickeln, Alternativen zu denken und aktiv an einer lebenswerten Zukunft mitzuwirken.
- UNESCO Futures Literacy & Foresight
- Christine Zeuner: Entwicklung und Umsetzung eines didaktisch-methodischen Konzepts zur politischen Bildung. Oskar Negts "Gesellschaftliche Kompetenzen"
- Hendrik Schröder: Utopiekompetenz in Politische Ideen und politische Bildung
- Erwachsenenbildung als kritische Utopie? (PDF)
Verwandte Artikel
![]()
Klimaschutz in der Erwachsenbildung etablieren
Bildung gilt als wichtige Treiberin für den Klimaschutz. Auch Erwachsenenbildungseinrichtungen können Verantwortung übernehmen: durch nachhaltige Angebote, eigene Maßnahmen und regionale Kooperationen.![]()
Demokratiewerkstatt zu politischen Beteiligungsmöglichkeiten
Im Oktober diskutierten Teilnehmende eines Workshops in Graz über politische Beteiligungsmöglichkeiten jenseits des Wahlrechts, wie etwa Bürger*inneninitiativen, Volksbegehren, politischen Aktivismus oder Nachbarschaftshilfe.![]()
Rechtsextremismus als Herausforderung für Demokratie und Erwachsenenbildung
Bildungsforschung und Angebote der politischen Bildung zeigen, wie die politische Erwachsenenbildung auf Rechtsextremismus reagieren, präventiv wirken und langfristig demokratische Haltungen stärken kann.![Mitarbeiter*innen der ÖGPB bei der Aufnahme einer Podcast-Episode]()
RedeEcke: Über das Politische reden
Mit "RedeEcke" hat die ÖGPB ein Podcast-Format zu politischen Themen und Fragen gestartet. Die ersten Episoden sind nun online.![Sprechblasen, darüber steht "Das Politische hören / Das politische Hören"]()
Richtig gehört: Hören ist politisch!
„Das Politische hören / Das politische Hören“ - Mit dieser Sammlung von authentischen Hörtexten öffnet der lernraum.wien Raum für Auseinandersetzung mit Politik im Deutschunterricht.![]()
Feministische Perspektiven in der Basisbildung
Feministische Ansätze in der Basisbildung können Teilhabe und Vielfalt fördern. Hierfür braucht es aber eigene Räume und geschlechtersensible Methoden.





