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Akademie für Gemeinwohl: Kritische Finanzbildung stärken

05.07.2021, Text: Jennifer Friedl, Redaktion/CONEDU
Menschen motivieren, sich mit den eigenen Finanzen zu beschäftigen und einen kritischen Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu entwickeln – Leiterin Christina Buczko spricht im Interview über die Anliegen der Akademie für Gemeinwohl.
  • Foto: Unsplash-Lizenz, Omid Armin, unsplash.com
    Unser Geld- und Finanzsystem sind von Menschen gemacht, und von daher gestalt- und veränderbar, so Buczko.
Die Akademie für Gemeinwohl hat es sich zur Aufgabe gemacht, finanzielle Kompetenzen sowie kritisches Wissen rund um das Geld- und Finanzwesen im Kontext wirtschaftlicher Zusammenhänge zu vermitteln. Der Fokus liegt dabei auf Finanzpraktiken, die das Gemeinwohl fördern. Im Interview spricht die Leiterin der Akademie, Christina Buczko, über die dahinterliegende Vision eines selbstbestimmten und guten Lebens für alle und Möglichkeiten der demokratischen Mitgestaltung unseres Geld- und Finanzsystems.

Jennifer Friedl: Wie der Name der Akademie bereits nahelegt, geht es in den Weiterbildungen um die Förderung des Gemeinwohls. Welche Bildungsaspekte spielen dabei eine Rolle?

Christina Buczko: Im Zentrum der Angebote transformativen Lernens oder transformativer Bildung steht die Frage, wie Bildung Menschen und auch Institutionen dabei unterstützen kann, globale Zusammenhänge im Zusammenhang mit unserem Geld- und Finanzsystem und ihre oft lokalen Auswirkungen zu verstehen und ihnen zu begegnen. Wie kann eine positive Vision für die Zukunft aussehen, wie kann Geld dem Gemeinwohl dienen, welcher Weg kann uns dahinführen – und was können Einzelne dazu beitragen? Das sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen.

Was sind konkrete Themenbereiche, die z.B. in den Lehrgängen der Akademie häufig behandelt werden?

Die Akademie für Gemeinwohl hat verschiedene Formate im Programm. Diese reichen von öffentlichen Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und thematischen Workshops bis hin zu mehrteiligen Lehrgängen, die teils online, teils als Präsenzveranstaltung konzipiert sind.

 

Die darin behandelten Themen umfassen u.a. Geldkreisläufe und Geldschöpfung durch Geschäftsbanken, den Einfluss von Finanzmärkten auf die Wirtschaft, ethisches Banking in der Praxis oder der Zusammenhang zwischen Geld(system) und Demokratie.

Wie können Erwachsene aus Ihrer Sicht motiviert werden, sich mehr mit den Themen rund um Geld, Zinsen, Umverteilung, etc. zu beschäftigen und welchen Beitrag kann Erwachsenenbildung hierbei leisten?

Gerade bei diesen sehr spezifischen Themen ist es aus unserer Sicht wichtig, in einem ersten Schritt einmal Bewusstsein für ihre Bedeutung zu wecken.

 

Viele Menschen haben große Scheu, sich mit Geld auseinanderzusetzen. Noch mehr betrifft dies internationale Finanzmärkte, Schattenbanken, die Veranlagungsformen großer Investmentfonds und Versicherungen etc. Hier braucht es niederschwellige Bildungsangebote, die auch aufzeigen sollen, dass diese Bereiche sehr konkrete Auswirkungen auf unser aller Leben haben, z.B. auf die Preise unserer Konsumgüter, unser Pensionssystem, stagnierende Löhne oder die höchst ungleiche Verteilung von Vermögen.

Was könnten nachhaltige Entwicklungen sein, die in diesem Kontext Ihrer Ansicht nach anzustreben wären?

Geld ist eine öffentliche Infrastruktur, die der Wirtschaft und dem Gemeinwohl dienen sollte. An oberster Stelle steht daher eine deutlich gestärkte demokratische Mitbestimmung und -gestaltung des Geldsystems, denn die globale Finanzwirtschaft, aber auch die Zentralbanken auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene unterliegen de facto keinerlei demokratischer Kontrolle. Als konkrete Maßnahmen schlagen wir als Genossenschaft für Gemeinwohl u.a. eine Besserstellung gemeinwohlorientierter Banken, neue Regeln für die Kreditvergabe und strenge Zulassungsverfahren für Finanzprodukte vor, wie Interessierte in unserem Moneyfest nachlesen können.

Auf Ihrer Website wird explizit von kritischer Finanzbildung gesprochen. Inwiefern braucht es ein kritisches Bewusstsein in Bezug auf finanzielle Kompetenzen?

Unser Verständnis einer kritischen Finanzbildung bezieht sich auf ein weitreichendes und umfassendes Erkennen von Zusammenhängen und Wirkungen. Allein in Deutschland investiert die Finanzindustrie einer Studie der NGO Finanzwende vom Vorjahr zufolge rund 200 Mrd. Euro in ihre Lobby-Aktivitäten – und übt damit einen unermesslichen Einfluss auf Politik und Medien aus. Oder um ein anderes Bespiel zu nennen: Aktuell ist Green Finance in aller Munde. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich oft heraus, dass nicht alles, was Finanzinstitutionen als grün oder nachhaltig bezeichnen, dies auch tatsächlich ist. Unser Ziel ist es, dass Menschen dies erkennen, darüber Bescheid wissen und als Bürger/innen und Wähler/innen gut informierte Entscheidungen treffen oder auch sich selbst engagieren können.

Welche Bedeutung hat die Vermittlung kritischer Finanzbildung Ihrer Meinung nach für die Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe insgesamt?

Unser Geld- und Finanzsystem sind von Menschen gemacht, und von daher gestalt- und veränderbar. Gerade in diesem Bereich bedeutet eine Veränderung das Bohren sehr harter Bretter. Dennoch ist es umso wichtiger, denn letztendlich steht dahinter die große Vision eines selbstbestimmten, freien und guten Lebens für alle. Dafür kann und soll Geld ein Mittel sein – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa
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