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Das Verhältnis von Basisbildung und Öffentlichkeit am Prüfstand

18.11.2016, Text: Birgit Aschemann, Redaktion/CONEDU
Eine sehr bunte Fachtagung befasste sich Mitte November in Wien mit „Basisbildung(s)bedarf der Öffentlichkeit“.
  • Foto: BMB
    Moderatorin Ina Zwerger im Gespräch mit Vortragenden
  • Foto: BMB
    Soziologin Eva Flicker im Workshop über visuelle Inszenierungen
Am 14. und 15. November tagte die Community der österreichischen Basisbildung auf Einladung des BMB in Wien und widmete sich unter vieldeutigem Titel den kontroversen Fragen nach dem Zusammenspiel von Basisbildung und Bedarfen, Öffentlichkeit und Öffentlichkeitsarbeit, und allerlei Schnittmengen dieser Begriffe. 

 

Wer bitte hat hier welchen Bedarf?

 

Schon im Tagungstitel klingen Ambivalenzen an, wer denn im Kontext der Basisbildung der Öffentlichkeit und wer der Bildung bedarf. Brauchen wir einfach „mehr“ Öffentlichkeitsarbeit für die Basisbildung? Oder bedarf es einer ganz anderen Öffentlichkeitsarbeit - und hat gar die mehrheitliche, europäische oder fachliche Öffentlichkeit hier einen Bildungsbedarf? 

 

Mit diesen Fragen spielte der Tagungstitel, und dementsprechend befassten sich die Beiträge schwerpunkthaft mit Macht und Vorurteil, mit Perspektiven und Rollen, mit Medien und visuellen Inszenierungen. Als Gemeinsamkeit der Beiträge fiel auf, wie klar sie sich gegen jede Stereotypisierung und Trivialisierung von Basisbildung und gegen jede Defizit-Orientierung wandten.

 

Engagement, Vielfalt, Gespräche

 

Den Auftakt bildete ein Zusammenkommen im Audienzsaal des Bildungsministeriums am Minoritenplatz am Vorabend der Hauptveranstaltung, wo Bildungsministerin Sonja Hammerschmid der österreichischen Basisbildung ihren Dank für ihr großes Engagement übermittelte und die Künstlerin Lena Knilli mit der Installation „Tischgespräche“ auf den kommenden Tag einstimmte. 

 

Vielfältig und heterogen präsentierten sich auch die Beiträge am folgenden Tag im Veranstaltungszentrum „Catamaran“ an der Donaumarina. 

 

Erzählungen sind Machtinstrumente

 

Rudolf Egger von der Universität Graz hinterfragte im Keynote-Vortrag die diskursbestimmenden Erzählungen zur Basisbildung. Großflächige Studien bescheinigen Millionen von EuropäerInnen seit Jahren Defizite hinsichtlich vordefinierter Kulturtechniken, also einen „Basisbildungsbedarf“. 

 

Diese Studien sind nach Egger selbst Bestandteil einer diskursbestimmenden neoliberalen Erzählung. Demnach gebe es ein defizitäres Humankapital, dessen „Upskilling“ von der Erwachsenenbildung zu leisten sei. Aus der Perspektive des individuellen Lebens und der Erwachsenenbildung ermöglicht Basisbildung den Lernenden jedoch nicht nur Zugehörigkeit, sondern auch Emanzipation und Mitgestaltung – und diese Bedürfnisse gilt es primär zu erfüllen. 

 

Basisbildung wird in Österreich mehrheitlich als emanzipatorische Bewegung verstanden, welche die soziale Teilhabe und Gestaltungskompetenz der Lernenden erhöht. Diese Interpretation ist in der aktuellen europäischen Agenda für Basisbildung höchstens am Rande repräsentiert. 

 

Lego statt Puzzle: Bildung als Baustein für das Eigene 

 

Egger entlarvte die Appelle zur Selbststeuerung, Kompetenzorientierung und Output-Orientierung als Mythen im Dienst eines neoliberalen Wirtschaftsdiktats. Er ruft PädagogInnen dazu auf, diese Konzepte im genuin pädagogischen Sinn zu wenden und ver-wenden: im Sinne von Anerkennung bestehender Ressourcen und im Sinne mündiger Handlungsfähigkeit zu Lösung selbst definierter Probleme. 

 

Dem Bild eines vordefinierten Wissenserwerbs in Form eines „Puzzles“ stellt er für die Basisbildung die Metapher des „Legos“ gegenüber, bei dem die Lernenden aus den Wissensbausteinen erzeugen können, was sie möchten. Voraussetzung dafür bilden anschlussfähige, also mit ihren Lernergebnissen beschriebene Bildungsangebote. Dafür plädierte Egger und warnte zugleich davor, Outputs und Standards nicht überzubewerten.

 

Gibt es noch Unschuld in diesem Diskurs?

 

Schon der Begriff der Grundbildung an sich ist in Machstrukturen eingebettet und reproduziert tendenziell Interessen von Entscheidungsträgern - wie Caroline Euringer am Beispiel der öffentlichen Bildungsverwaltung in Deutschland zeigte. Sobald eine „Zielgruppe“ wie „Menschen mit Basisbildungsbedarf“ ausschließlich über ein Merkmal beschrieben wird, wird damit eine Differenzlinie geschaffen, welche leicht als Basis für Stereotypisierung und Abwertung missbraucht werden kann, so Anke Grotlüschen von der Universität Hamburg. Wie sehr „Bildungsverweigerung“ mit Schuldzuweisungen belegt wird, war bereits auf der Basisbildungstagung 2015 Gegenstand der Diskussion.

 

Literacy als abverlangte Copingstrategie?

 

Auch die “Financial Literacy“ ist – unbenommen ihrer praktischen Wichtigkeit – alles andere als unschuldig, wenn sie als Basisbildungsinhalt verstanden wird. Dann nämlich wendet sie sich vorrangig an Personen, welche aus strukturellen Gründen vermehrt armutsgefährdet sind, zeigte Katharina Kurzmann. 

 

Financial Literacy wird dann leicht zur Fähigkeit, mit sehr geringen Ressourcen auszukommen – und Armut leicht als mangelnde Kompetenz etikettiert. Analog wurde aus Deutschland berichtet, dass „health literacy“ mit dem Rückzug des öffentlichen Gesundheitswesens zunehmend praktische Bedeutung erlangt. 

 

Dazugehören und mitreden

 

Zahlreiche österreichische und deutsche ForscherInnen lieferten in weiterer Folge tragenden Input zur Tagung.

 

Natalie Pape von der Universität Duisburg-Essen präsentierte Ergebnisse über milieuspezifische Grundmuster der Literalität, die unter anderem auf die hohe Bedeutung von Zugehörigkeit verweisen. Für Lernende wird ein Kursbesuch vor allem dann bedeutsam, wenn die Zugehörigkeit zum eigenen Milieu bedroht ist oder der Wunsch der Zugehörigkeit nach einem anderen Milieu entsteht. 

 

Interessante neue Forschungsansätze stellten auch Monika Kastner, Irene Cennamo und Ricarda Motschilnig von der Universität Klagenfurt vor, die im Projekt ParForAlpha mit einem ergebnis¬offenen partizipativen Ansatz die (potenziellen) Lernenden zur Kooperation auf Augenhöhe einladen. 

 

Gute Öffentlichkeitsarbeit als hohe Kunst

 

Für die weitere Öffentlichkeitsarbeit besonders wertvoll war ein Workshop mit Eva Flicker, Soziologin an der Universität Wien und Begründerin der Methode des „soziologisches Filmlesens“. Nach Einblicken in Theorie und Methode waren die Teilnehmenden eingeladen, sich entlang von Analysefragen mit drei Videoclips zur Basisbildung auseinanderzusetzen. 

 

Obwohl alle drei Clips vor dem Hintergrund einer ausgewiesenen Basisbildungsexpertise entstanden, schien es in keinem der Clips möglich, Basisbildung ohne negative Botschaften und zugleich glaubwürdig zu thematisieren. Zugleich sind „viele Clips zum Thema in Musik, Machart und Stimmungsbild erschreckend infantilisierend“, so die Soziologin nach einer umfassenden Analyse. 

 

Weitere Berichte und Fokusgruppen sind geplant

 

Das Bildungsministerium kündigte zur Tagung eine Dokumentation mit Veröffentlichung aller Beiträge sowie weiterführende Interviews auf erwachsenenbildung.at an. 

 

Die Tagung selbst war Teil eines Erasmus+-Projekts zum Thema „Basisbildung und Öffentlichkeitsarbeit“, das sich über den Zeitraum 2016-17 erstreckt. Im Rahmen dieses Projekts sind auch sechs Fokusgruppen vorgesehen, welche die inhaltliche Basis für konkrete Kampagnen und Werbematerialien liefern sollen. Die kritischen Reflexionen der Tagung bilden dafür einen guten Ausgangspunkt.

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