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Christian Kloyber bleibt Direktor des Bundesinstituts f. Erwachsenenbildung

26.10.2015, Text: Wilfried Hackl, Redaktion/CONEDU
Ein Antrittsgespräch über den Mut zur Schräglage und Erwachsenenbildung als aktiven Balanceakt.
  • Dr., Christian Kloyber, Direktor des bifeb Foto: Bundesinstitut für Erwachsenenbildung
    Kloyber: EB als Antwort darauf, in welcher Gesellschaft wir leben wollen
[Red] Gratulation, Christian Kloyber, zur jetzt definitiven Bestellung als Direktor des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung - bifeb), die auch mit deiner Ernennung zum Hofrat verbunden war. Das bifeb) ist landesweit und darüber hinaus als jener Ort im österreichischen Zentralraum bekannt, wo inzwischen Generationen von Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildnern sich für ihre Aufgaben kompetent gemacht, Innovationen erarbeitet und Mußestunden am See genossen haben. Bitte erzähl mir und unseren LeserInnen kurz, wie du ans bifeb) gekommen bist.

 

[Christian Kloyber] Die Abteilung Erwachsenenbildung im Unterrichtsministerium habe ich 1988 kennen gelernt. Ich kam damals aus Mexico City nach Wien, um an der Ausstellung "Wien 1938" mitzuarbeiten. Im Rahmen meiner Forschungsarbeit zum österreichischen Exil am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands konnte ich an dieser ersten großen Ausstellung zum Jahr 1938 mitwirken. Friedrich Stadler - der damals in der Abteilung Erwachsenenbildung arbeitete - machte mich dort bekannt. 1991 begann ich dann als pädagogischer Mitarbeiter am bifeb). 

 

Zwischen 1977 und 1990 hatte ich in Mexiko gelebt, studiert, geforscht und an zwei Universitäten gearbeitet, an der Universidad Nacional Autónoma de México und am Instituto Politécnico Nacional. Eigentlich hatte ich in Mexiko auch Karriere gemacht, meine letzten Funktionen waren Leiter eines neuen Sprachenzentrums der Politechnischen Universität mit rund 1000 Studierenden. Dazu hatte ich noch die Leitung der Abteilung für Deutsch als Fremdsprache an der gleichen Universität inne. 

 

Als Mexikanist und Exilforscher beschäftige ich mich noch immer mit mexikanischer Kulturgeschichte und mit dem deutschsprachigen Exil 1933 - 1945 in Mexiko. Als ich 1991 meine Arbeit am bifeb) begann, stand auch noch ein zweites Projekt in meinem Hauptinteresse, die Vorbereitung der ersten Retrospektive eines in Wien geborenen und in Österreich vergessenen Surrealisten - Wolfgang Paalen. Diese Retrospektive fand dann auch 1994 im Museum Moderner Kunst, eigentlich im Zwanziger Haus, statt - mein leider schon verstorbener Freund Dieter Schrage war der Kurator dieser Ausstellung über einen österreichischen vergessenen Künstler.

 

Mexiko steht auch für meine Erfahrungen als Erwachsenenbildner. Zum einen habe ich mich schon ab 1977 mit der kritischen Erwachsenenbildung und der Kritik am eurozentrischen Diskurs über Bildung, Lernen, Autonomie, Pädagogik und Didaktik beschäftigt. Ein Zentrum dieser kritischen Expertise war damals auch das CISE (Centro de Investigaciones y Servicios Educativos) an der Mexikanischen Nationaluniversität UNAM, wo ich eine Zusatzausbildung absolvierte. Die Arbeiten von Paulo Freire, Erich Fromm und Ivan Illich waren damals Leitmotiv und Quelle kritischer Beschäftigung. Wissenschaftskritisch und gesellschaftskritisch wurde ich in Mexiko und in der kontinuierlichen Auseinandersetzung zwischen Exilforschung und postkolonialer Gesellschaftskritik. War es das, was mich für die Erwachsenenbildung in Österreich interessant machte?

 

Deine daher rührende Handschrift ist ja lange schon am bifeb) zu erkennen, ich denke da etwa an die Reihe "The dark side of LLL", in der du mit Daniela Holzer und anderen seit Jahren Licht in die schattigen Winkel des lebenslänglichen Lernens wirfst. Ich muss aber auch über deine Antwort lachen, denn so habe ich dich in den letzten zehn Jahren kennengelernt - als jemanden, der auch auf kurze Fragen differenzierte Antwort gibt. Was bedeutet die Bestellung zum Direktor für dich zuallererst?

 

Verantwortung und Freude weiterhin im bifeb-Team und mit den MitarbeiterInnen und ExpertInnen wie PraktikerInnen den Weg der Erwachsenenbildung zu gestalten. Nach einem Jahr interimistischer Leitung liegt mir sehr viel daran, diesen eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Wirtschaftsbetrieb und pädagogischer Betrieb gelingt am bifeb) erfolgreich mit diesem Team. Die enge Zusammenarbeit mit der Abteilung Erwachsenenbildung des BMBF ist für mich eine besondere Qualität unseres Instituts. Das Projekt und die Programme des Kooperativen Systems der Österreichischen Erwachsenenbildung mit zu gestalten eröffnet auch dem bifeb) Perspektiven. Ja, an den Perspektiven der Erwachsenenbildung in Österreich mitgestalten zu können, das hat eine zentrale Bedeutung für mich.

 

Bei der Bestellung zum interimistischen Leiter vor einem Jahr hast du - so hätte ich das im Interview von Anna Head mit dir gelesen - Kontinutität in der Weiterentwicklung versprochen. Geht die Reise des Bundesinstituts schon dorthin, wo ein Christian Kloyber es sieht? Wie wirst du das bifeb weiter positionieren?

 

Es ist die Balance zwischen der Freude an Veränderungsprozessen - ich habe das einmal mit dem dynamischen Bild der Schräglage beschrieben, darum auch das Titelblatt des letzten bifeb-programm aktuell - und der Sicherheit, die in der Kontinuität der Weiterentwicklung liegt. Diese Weiterentwicklung orientiert sich an den Perspektiven der Erwachsenenbildung. Sie ist also vor allem zukunftsorientiert. So gesehen geht die Reise nicht an einen bestimmten geografischen Ort als definitives Ziel, sondern in die Zukunft. Dafür tragen wir eine große Verantwortung.

 

Mit der Metapher des geographischen Ortes meine ich einen beschränkten Raum für eine bestimmte Theorie, Methode, Modellierung der Praxis der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Das bifeb steht für einen weiten Blick - der Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet - und für ein konkretes Angebot für Diskurs, Aus- und Weiterbildung von ErwachsenenbildnerInnen. So gesehen bedeutet "Positionieren" nichts Statisches und Autoritäres sondern vielmehr einen dynamischen Prozess im Austausch und im gemeinsamen Entwickeln unseres Programms. "Gemeinsam" verstehe ich als Angebot für die große Community der Erwachsenenbildung in Österreich und über die Grenzen hinaus.

 

Als Direktor des bifeb) bist du gleichzeitig Co-Herausgeber des Online-Fachjournals "Magazin erwachsenenbildung.at". Die Metapher das Raums passt da gerade gut herein, weil wir ja am 5. November erstmals im "virtuellen Seminarraum" des bifeb) einen wEBtalk über Perspektiven der Erwachsenenbildung durchführen. Das wird so eine Art Mini-Webinar, bei dem wir Inhalte aus dem Magazin online und per Videokonferenz diskutieren. Wie siehst du das: Sind wir in der österreichischen Erwachsenenbildung medial schon so aufgestellt, wie es die Community brauchen würde?

 

Nun, ich verbessere ich mich jetzt gleich selbst - ich habe ja vorher von "der" Community gesprochen. Meines Erachtens formieren sich aber gerade sehr unterschiedliche "Communities" im weiten Feld. Das ist ein Feld, das von innen nach außen als Erwachsenenbildung beschrieben wird. Aber von außen nach innen wird es sehr heterogen und vielfältig gesehen. Oder oft einmal wird es auch gar nicht gesehen oder wahrgenommen. 

 

Wir müssen uns die Komplexität einmal vor Augen halten: Berufliche Erwachsenenbildung, allgemeine Erwachsenenbildung, Community Education, Freiwilligenarbeit, Poltische Bildung, Kunst und Kultur, Literatur und die Verbreitung im Rahmen der Aufgaben der ehrenamtlichen und hauptberuflichen BibliothekarInnen, Lernen in der nachberuflichen Lebensphase, Integration, lebenslanges Lernen, lernen in der nachberuflichen Lebensphase, Diversität, Inklusion, Migration, Mobilität, Asyl, formales Bildungsangebot, Validierung, Anerkennung, Kompetenzen, Qualifikationen usw. usf. Das sind lediglich Oberflächenbeschreibungen einer noch weiteren und komplexeren Polyphonie. 

 

Die Medien der Erwachsenenbildung sollten dieser Polyphonie entsprechen, durch Vielstimmigkeit einerseits orientieren und andererseits selbst vielfältig sein. Auch hier schlage ich mehr Mut zur "Schräglage" vor und zur aktiven "Balance" zwischen den Interessen, dem Bedarf und den Bedürfnissen, den Erwartungen und der verdeckten Absichten oder gar Irrwegen. Wie ich das schon einmal unter dem Titel "Let's C" beschrieben habe.

 

Erwachsenenbildung ist ja immer auch ein Frage-Antwortprozess, wo die richtigen Fragen oft wichtiger sind als die angemessenen Antworten. Denkt Christian Kloyber als Erwachsenenbildner privat über die gleichen Fragen nach, wie als EB-Profi? Falls ja, teil bitte ein paar deiner Fragen mit unseren LeserInnen.

 

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Und was trägt die Erwachsenenbildung und mein eigenes persönliches Handeln und Wollen dazu bei? In welcher Gesellschaft werden die nächsten Generationen leben? Was tragen wir jetzt dazu bei, was verhindern und was behindern wir durch Erwachsenenbildung? Ja, auch im persönlichen, im privaten Reflektieren stellen sich mir die gleichen Frage: Denn auch meine eigenen Wünsche und Erwartungen für meine Zukunft (und die meiner Familie und Freunde) sind Teil davon.

 

Danke für das Gespräch und gutes Wirken im neuen Amt!

 

Richtigstellung: Im Newsletter 19/2015 hatten wir irrtümlich berichtet, Dr. Christian Kloyber sei für fünf Jahre zum Direktor des bifeb) bestellt worden. Richtig ist vielmehr, dass die Bestellung ohne Befristung erfolgte. 

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