Rezension: Wenn Kursleitende lernen
Forschungsfrage: Lernen Kursleitende anders?
Lernen Kursleitende denn anders als KursteilnehmerInnen? So lautet die Frage, die sich die Autorin eingangs stellt. Sie beantwortet diese Frage anhand eines qualitativen Forschungsdesigns und kombiniert dabei Interviews mit einer teilnehmenden Beobachtung im Rahmen einer berufsbegleitenden Weiterbildung für Kursleitende.
"Berufsgruppe der KursleiterInnen ist nicht ausreichend professionalisiert"
Die Arbeit ist in der Professionsforschung der Erwachsenenbildung einzuordnen und beginnt folgerichtig mit einer Diskussion der Konzepte Profession, Professionalisierung und Professionalität.
Schepers zeigt anhand einer Reihe von Kriterien (wie z.B. Akademisierung, Interessensvertretung, Lizenz, Hauptamtlichkeit), dass von einer Profession Erwachsenenbildung nicht gesprochen werden kann. Die Erwachsenenbildung ist ein sehr heterogenes Feld mit unterschiedlichen Beschäftigungs-verhältnissen, Berufsbezeichnungen, Berufsbiografien und Arbeitsformen. Sie entbehrt einer verpflichtenden Grundausbildung mit definierten Inhalten. Ebenso fehlt eine Berufsgruppe "ErwachsenenbildnerIn".
Das bedeutet auf der einen Seite ein Fehlen von Reflexionsräumen und Orten der Selbstvergewisserung (nach innen), auf der anderen Seite das Fehlen einer Lobby und der damit verbundenen Verhandlungsstärke nach außen.
Professionalisierung erfolgt in diesem Feld im Sinne einer individuellen Professionalitätsentwicklung als Leistung Einzelner. Diese Leistung wird dadurch erschwert, dass ohne entsprechende Strukturen eine professionsspezifische Sozialisation kaum möglich ist.
Weiterbildung hat kompensatorische Funktion
PraktikerInnen in der Erwachsenenbildung verfügen häufig über keine Grundausbildung in der Erwachsenenbildung und haben dementsprechend zu grundlegenden Konzepten (z.B. Bildung, Emazipation, TeilnehmerInnen-Orientierung, Lernprozessmoderation) wenig Bezug. In dieser Situation erfüllen berufsbegleitende Weiterbildungen häufig eine kompensatorische Funktion, indem sie gerade die genuin andragogische Kompetenz nachliefern sollen. Daher haben Weiterbildungen eine tragende Rolle für die Professionalität der Kursleitenden. Inwiefern Weiterbildungen das leisten (können), hinterfragt die Autorin kritisch.
Rahmenbedingungen verursachen Weiterbildungsbarrieren
Seit Jahren ist im Feld der Erwachsenenbildung eine zunehmende Prekarisierung zu beobachten, die parallel zur Professionalitätsentwicklung stattfindet. Weiterbildungsbarrieren bei Kursleitenden sind daher oft finanzieller Natur, weil Fortbildungszeit häufig Verdienstausfall bedeutet. Auch mangelnde Aufstiegschancen und geringe institutionelle Anbindung bewirken eine reduzierte Lernmotivation.
Lernwiderstände - "Zwang" zur Weiterbildung
Unabhängig von solchen Barrieren (die eine Teilnahme verhindern) untersucht Schepers die Lernwiderstände von Kursleitenden, die dennoch an Weiterbildungen teilnehmen. Als Theoriehintergrund dafür dient ihr die subjektwissenschaftliche Lerntheorie Klaus Holzkamps (1995). Nach Holzkamp bekommt Lernen einen defensiven Charakter, wenn dadurch ein Verlust an Lebensqualität abgewendet werden soll. Das ist besonders der Fall, wenn Lernen in Abhängigkeit von Disziplinierungsmitteln und Institutionen realisiert wird. Das Subjekt befindet sich dann in einer Situation, die es zum Lernen zwingt, und erfährt eine "widersprüchliche Mischung aus Lernen und Lernverweigerung" (Holzkamp 1995).
Lernverpflichtungen - ein Blick in die Realität…
Real sind verpflichtende Lernkontexte auch für Kursleitende immer wieder gegeben und treten als "Lernen zur Sicherung der Verbleibs-Chance" z.B. im Kontext von Zertifizierungen auf. Solche Vorgaben (in Österreich z.B. in den Kontexten von Weiterbildungsakademie und Initiative Erwachsenenbildung) sind zwar unverzichtbar als Qualitätssicherung und als Kompensation der unterschiedlichen Herkunftsberufe in der Erwachsenenbildung. Unter der Bedingung von unterentwickelten Professionsstrukturen (fehlende Wertschätzung und Absicherung) können sie jedoch den paradoxen Effekt haben, die einzelnen Kursleitenden in ihrem Lerninteresse zu demotivieren.
Spezifische Verstrickungen und Lernschleifen
Schepers findet anhand ihrer Daten spezifische "Verstrickungen und Lernschleifen" bei Kursleitenden in Weiterbildungen:
- Kursleitende nehmen als TeilnehmerInnen einen doppelter Blick auf den Lerninhalt und gleichzeitig auf das potenzielle Rollenmodell ein: Es wird quasi nebenbei getestet, ob der/die DozentIn als Vorbild geeignet ist, und passende Teile seines/ihres Verhaltens werden für die eigene Arbeit übernommen.
- Angebotenes Wissen wird integriert, insbesondere wenn es die eigene Praxis bestätigt.
- Häufig ist in Weiterbildung für KursleiterInnen zu beobachten, dass bisher "aus dem Bauch heraus" eingesetzte Methoden oder Verhaltensweisen in der Weiterbildung einen Namen bekommen und theoretisch eingeordnet werden. Das stärkt die Lernenden in ihrem berufsbezogenen Selbstbild.
- Selbst KursleiterIn zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, eine erwachsenengerechte Lernprozessgestaltung einzufordern oder sich als Lernende/r aktiv einzubringen. Auch die Lerngruppe und die Akzeptanz der Leitung sind ähnlich wichtig wie für Lernende aus anderen Berufen.
Berufliche Selbstkonzepte kaum professionell geprägt
Auch in dieser Studie finden sich bei den befragten Kursleitenden berufliche Selbstkonzepte, die Elemente der Andragogik enthalten, aber von anderen Logiken dominiert sind. So können z.B. eine Dienstleistungslogik, ein psychologisch-therapeutisches Verständnis oder die inhaltliche Fachexpertise das berufliche Selbstkonzept von Kursleitenden bestimmen. Ein Selbstkonzept als LernprozessmoderatorIn oder ExpertIn für Lernprozesse Erwachsener war nicht nachzuweisen, und die individuellen Bildungskonzepte der befragten Kursleitenden waren ohne ganzheitlichen oder emanzipatorischen Anspruch. Einen ähnlich losen Professionsbezug fand Christine Hartig (2008) in ihrer Untersuchung beruflicher Selbstbeschreibungslogiken von Kursleitenden.
Erwachsenenbildungswissenschaft in die Praxis bringen
Die Kombination aus Beobachtung und Interviews erwiest sich für Schepers als sehr wertvoll, wenngleich sie Widersprüche enthält: während Schepers selbst einen instruktiven Unterricht mit wenig Freiräumen für Selbstbestimmung beobachtete, war in den Interviews von großer Zufriedenheit mit diesem Lernmodell die Rede. Die Forscherin vermisste sowohl bei den teilnehmenden Kursleitenden als auch beim Seminarleiter eine grundsätzliche Ausrichtung, die dem Stand der aktuellen Erwachsenenbildungswissenschaft entspricht. Dementsprechend lautet eine ihrer dringlichsten Forderungen als Konsequenz ihrer Arbeit: "Es ist sicherzustellen, dass Inhalte und Konzepte der Erwachsenenbildungswissenschaft in Kursleiterinnen-Fortbildungen einfließen."
Reflexion braucht Räume, Entwicklung braucht Strukturen
Wenn erwachsenengerechtes Arbeiten in Kursen nicht nur die Antragsprosa dekorieren soll, dann braucht es eine reflektierte andragogische Grundhaltung bei Kursleitenden, die explizit zu entwickeln ist - sei es nun in Grundausbildungen oder Weiterbildungen. Und wenn die Professionalitätsentwicklung der Kursleitenden nicht an deren Lernwiderständen scheitern soll, braucht es Strukturen, die ein ausreichendes Maß an Wertschätzung und Sicherheit gewährleisten. Die Dissertation von Claudia Schepers belegt diese Zusammenhänge deutlich.
Ausblick: Magazin-Ausgabe zur Situation der TrainerInnen
Im Oktober 2015 wird eine Ausgabe des "Magazin erwachsenenbildung.at", Meb, erscheinen, die sich kritisch der Situation der KursleiterInnen in Österreich widmet. Sie wird von Birgit Aschemann und Kurt Schmid herausgegeben. Der Aufruf zur Artikeleinreichung wird Ende Dezember 2014 veröffentlicht.
Schepers, Claudia (2014): Wenn Kursleitende lernen. Orientierungssuche im Rahmen einer individuellen Professionalitätsentwicklung. Münster: Waxmann Verlag. ISBN: 978-3-8309-3018-1, Euro 27,99.
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