Demokratiebildung in deutschen Betrieben: Unternehmen werden zu Lernorten
Wie Demokratiebildung in Unternehmen aussehen kann, zeigt die deutsche Initiative „Business Council for Democracy“, kurz: BC4D. Mit ihren Angeboten will die Initiative Mitarbeitende unter anderem befähigen, Desinformation zu erkennen und bei Hassrede deeskalierend zu intervenieren. Der Lernort ist dabei der Betrieb, da er einer der wenigen Räume ist, in denen Menschen regelmäßig außerhalb sozialer Filterblasen zusammenkommen. Dort begegnen sich Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Ethnien, Bildungswege und Milieus. Somit eignet er sich besonders, um demokratische Prinzipien und kritische Medienkompetenz zu vermitteln.
Der Business Council for Democracy
Der BC4D ist eine Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, des Institute for Strategic Dialogue (ISD) und der Robert Bosch Stiftung. Ihr Ziel ist es, Unternehmen als Orte demokratischer Bildung zu stärken. Gestartet hat der BC4D mit digitalen Schulungsangeboten für Unternehmen. An den ersten Kursen nahmen sechs Pilotunternehmen teil, die das Angebot ausprobieren wollten. Mittlerweile gehören 190 Unternehmen zum Netzwerk und bieten ihren Mitarbeiter*innen regelmäßig demokratiepolitische Lernformate. In den Angeboten lernen Mitarbeitende beispielsweise, wie man konstruktiv argumentiert, kritisiert und zuhört - auch bei unterschiedlichen Meinungen. Angedacht ist auch, das Angebot in den DACH-Raum auszuweiten und das Netzwerk für Unternehmen aus Österreich und der Schweiz zu öffnen.
Niederschwellige Bildungsangebote in Präsenz und Online
Mittlerweile bietet BC4D nicht mehr nur digitale Kurse an. Über die letzten vier Jahre hat sich das Angebot ausdifferenziert. Das Besondere daran ist, dass die Formate überwiegend niederschwellig, praxisnah und kostenlos sind und direkt im Arbeitskontext stattfinden. Nun gibt es eine ganze Palette von Lern- und Netzwerkangeboten sowohl online als auch in Präsenz. So bietet BC4D mehrwöchige Online-Basisschulungen an und führt „Lunch & Learn“-Sessions durch. In Präsenz finden Netzwerktreffen und die Module des „Leaders for Democracy Fellowships“ statt. Das neueste Tool ist der „Conflict-Coach“. Das ist ein speziell programmierter KI-Chatbot, der auf Wunsch wechselnde Rollen einnehmen kann. Mit ihm lässt sich das Streiten über jedes noch so abgelegene Thema üben und hilft so dabei, sich auf ein schwieriges Gespräch vorzubereiten. Viele der Unternehmen führen im Anschluss an BC4D-Trainings intern eigene Demokratieformate durch – beispielsweise in Form von regelmäßigen Dialogformaten, Mitmach-Events oder Demokratie-Sprechstunden.
Desinformation, Online-Hetze und Verschwörungserzählungen sind Angriffsformen
Warum konzentriert sich das BC4D-Programm gerade auf die Themen Desinformation, Hassrede und Verschwörungserzählungen? Weil dieser toxische Dreiklang zwar nicht die einzige, aber doch eine der zentralen Herausforderungen für die Demokratie darstellt, und das weltweit. Und natürlich haben Desinformation, Hassrede und Polarisierung längst auch den betrieblichen Alltag erreicht. An der Kaffeemaschine, im Kantinenraum oder auf dem Betriebsausflug treffen Ansichten, Halbwahrheiten und Überzeugungen sowie die unterschiedlichsten biographischen Lebensläufe aufeinander. Alle drei Angriffsformen haben gemeinsam, dass sie gezielt das Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben, gesellschaftliche Spaltungen vertiefen und rationale Auseinandersetzungen durch emotionale Debatten ersetzen. In einer Demokratie, die auf Meinungsfreiheit und dem Austausch von Argumenten basiert, wirken gezielte Falschinformationen wie ein schleichendes Gift: Sie zersetzen die Grundlage informierter Entscheidungen und machen konstruktive politische Diskurse nahezu unmöglich. Das Gleiche gilt, wenn durch Hassrede gezielt Stimmen vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen und marginalisierte Gruppen und Minderheiten mundtot gemacht werden.
Unternehmen profitieren von Demokratiebildung: Corporate Political Responsibility (CPR)
Die Angebote des BC4D zielen im Kern darauf ab, Unternehmen nicht nur als wirtschaftliche Akteure, sondern auch als soziale Lernorte für demokratische Prinzipien zu sehen. Das Programm bietet Werkzeuge, Wissen und Netzwerke, um Betriebe dabei zu unterstützen, demokratische Werte im Arbeitsalltag zu verankern. Auf diese Weise tragen sie zur Stärkung der Gesellschaft bei und sichern somit auch die Voraussetzungen für den eigenen Erfolg. Der Zusammenhang zwischen Demokratie und marktwirtschaftlichem Erfolg ist längst durch Studien (siehe z.B. Rechtsaußen-Erstarken in Deutschland: Implikationen für den Wirtschaftsstandort - Institut der deutschen Wirtschaft (IW) belegt. CPR, also die politische Unternehmensverantwortung, ist eine Art Lebenselixier für die Demokratie im Wirtschaftsleben, denn sie vitalisiert die demokratische Resilienz. Schließlich bilden stabile demokratische Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt die Basis für langfristigen Wohlstand.
Demokratiebildung in Unternehmen wird immer wichtiger
Als im Frühjahr 2021 sechs Pilotunternehmen an den ersten Kursen des BC4D teilnahmen, musste noch genau erklärt werden, warum es dieses Projekt überhaupt gibt. Stärkung der Demokratie als Aufgabe für Unternehmen? Und zwar nicht als klassisches Mäzenatentum oder kommunalpolitisches Engagement in der Heimatstadt? Das war neu. Die meisten dachten bei den Worten Demokratie und Unternehmen zuallererst an Mitbestimmung oder Betriebsrät*innen. Vier Jahre später fragt nach dem „Warum“ kaum noch jemand. Ob Politik, Medien, Zivilgesellschaft oder Unternehmen - viele suchen heute nach neuen Allianzen, um die Demokratie zu stärken. Die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und um die Widerstandsfähigkeit unserer Institutionen ist groß. Unternehmen, die sich dem BC4D-Netzwerk anschließen, werden zu Vorreitern und zeigen: Wirtschaft und Demokratie sind keine Gegensätze, sondern Partner, die einander brauchen, um zu funktionieren.
Über die Autorin: Susanne Nasr ist Seniorreferentin beim Business Council for Democracy, einer gemeinsamen Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und des Institute for Strategic Dialogue Germany.
Nachrichtenserie „Demokratiebildung in der Erwachsenenbildung“
Der Sturm auf das US-Kapitol im Jahr 2021, Angriffe auf deutsche Politiker*innen während des EU-Wahlkampfes und das Erstarken demokratiefeindlicher Bewegungen zeigen, wie tief die Demokratie in der Krise steckt. Wie können wir sie schützen und gestalten? Unsere Nachrichtenserie beleuchtet, welche Rolle Demokratiebildung dabei spielt und informiert über Neuigkeiten, Projekte und Publikationen.
- Die Initiative Buisiness Council for Democracy
- LinkedIn-Kanal der Initiative
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