Basisbildung sichtbar machen – nicht nur, aber auch am World Literacy Day
In Österreich leben ca. eine Million Erwachsene mit niedrigen Lesekompetenzen. Viele der betroffenen Menschen leiden unter Hürden in Beruf und Alltag und unter den ihnen entgegen gebrachten Vorurteilen bzw. der ständigen Angst, entdeckt zu werden.
Im Dezember 2024 werden die Ergebnisse der aktuellen – von der OECD durchgeführten – PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) erwartet. PIAAC untersucht fortlaufend international Schlüsselkompetenzen, die für die Teilhabe am täglichen gesellschaftlichen Leben wichtig sind. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2011/12 erreichten 11,4 % der 16- bis 65-Jährigen (ca. 640.000 Menschen) nur niedrige Kompetenzwerte in allen drei Testdomänen - Lesekompetenz, Alltagsmathematische Kompetenz und das Problemlösen im Kontext neuer Technologien. Es sind sowohl in Österreich geborene, deutschsprachige Personen als auch Zuwanderer*innen gleichermaßen betroffen.
Basisbildungsbedarf in der Öffentlichkeit sichtbar machen – Wozu?
Schwierigkeiten beim Lesen und in grundlegenden Kompetenzen (wie z.B. auch im Umgang mit digitalen Anwendungen) sind ein weit verbreitetes – aber gleichzeitig höchst tabuisiertes – Phänomen. Scham und die Überzeugung der Betroffenen, dass alle anderen Menschen lesen, schreiben und rechnen könnten, sind die Kehrseite dieses strukturellen Problems. Durch das Sichtbarmachen des Ausmaßes soll dieses Phänomen nicht skandalisiert, sondern – ganz im Gegenteil – enttabuisiert werden. Das aus Mitteln des BMBWF geförderte Projekt Sichtbar! (ab 2023) bzw. Sichtbar! Unterwegs (ab 2024) will damit einerseits zu einer Normalisierung in der Öffentlichkeit und zum Abbau schriftsprachlicher Hürden in der Gesellschaft beitragen. Andererseits sollen die Menschen auch von Lern- und Entwicklungsangeboten in der Erwachsenenbildung erfahren. Viele Betroffene wissen nicht, dass auch viele andere die gleichen Schwierigkeiten haben und hören zum ersten Mal von den Lernmöglichkeiten.
Arbeit mit Themenbotschafter*innen
Im Projekt gelingt die Sensibilisierung und Information besonders gut mit Themenbotschafter*innen. Damit sind hier Menschen gemeint, die Basisbildungskurse besuchen oder besucht haben und sowohl von ihren Schwierigkeiten mit grundlegenden Kompetenzen als auch von ihren Lernerfahrungen als Erwachsene berichten können und darüber, was in ihrem Leben gut gelungen ist. Sie erzählen auch von Diskriminierungserfahrungen und Ängsten. An Infoständen und als Workshop-Co-Leiter*innen werden sie als eloquente und handlungsfähige Gesprächspartner*innen sichtbar.
In der Öffentlichkeitsarbeit, die das Projekt leistet, hinterlassen die Auftritte der Themenbotschafter*innen nachhaltige Eindrücke. Und umgekehrt berichten die Botschafter*innen in der Reflexion von einem Gefühl des Empowerments, da alle noch souveräner im Umgang mit unterschiedlichen Öffentlichkeiten geworden sind.
Pop-up-Infostände und Schreibstuben
In diesem Jahr tritt das Projekt mit Infoständen und „Pop-up-Schreibstuben“ an die Öffentlichkeit. An den Infoständen, die in unregelmäßigen Abständen an (halb)öffentlichen Orten „aufpoppen“, informieren jeweils eine Projektmitarbeiterin und ein*e Themenbotschafter*in interessierte Passant*innen über Basisbildung, Grundkompetenzen und Kursangebote. In „Pop-up-Schreibstuben“ – hier ist jeweils eine Projektmitarbeiterin vor Ort – bekommen Anwesende an unterschiedlichen öffentlichen Orten (z.B. am Magistratischen Bezirksamt, aber auch in Lokalitäten der Gebietsbetreuung) ein (stellvertretendes) Schreibangebot. Die Schreiberin füllt für sie Formulare oder Anträge aus, schreibt eine Nachricht in Schoolfox, aber kann auch eine Glückwunschkarte schreiben. Die Schreibstuben sind bewusst an öffentlichen Orten angelegt, um zu zeigen, dass sich niemand schämen muss, Schreibhilfe anzunehmen und um sichtbar zu machen, dass es durchaus viele Personen gibt, die Unterstützung brauchen.
Sensibilisierungsworkshops
Bereits seit 2023 bietet das Projektteam kostenlose Sensibilisierungsworkshops für Institutionen an, die sich vorwiegend an Berater*innen bzw. Menschen mit Kund*innenkontakt richten, die nicht primär Bildung oder Basisbildung im Fokus haben (z.B. ÖGK, diverse Servicestellen, AMS, …). In den Workshops informieren Trainer*innen über Basisbildung (Zahlen, Fakten, Größenordnung) und sensibilisieren die Teilnehmer*innen für die Thematik und etwaige (schriftsprachliche) Barrieren in der eigenen Institution. Bei der Sensibilisierung ist vor allem die Frage relevant, wie ein nicht beschämender Umgang mit Klient*innen gelingen kann, bei denen sich in der Beratungssituation zeigt, dass diese nicht (so gut) lesen oder schreiben können.
Die Workshops werden gemeinsam von einer Projektmitarbeiterin und einer (einem) Themenbotschafter*in durchgeführt. Interessierte können die Workshops via E-Mail-Kontakt buchen.
Eine Broschüre über die Workshopinhalte zur Sensibilisierung für Basisbildungsbedarf ist kostenlos auf der Projektseite abrufbar.
World Literacy Day am 8. September
Der „Weltalphabetisierungstag“ (auch Weltbildungstag) am 8. September wurde von der UNESCO im Anschluss an die Weltkonferenz zur Beseitigung des Analphabetismus im September 1965 in Teheran ins Leben gerufen und erstmals am 8. September 1966 begangen. Rund um diesen Tag finden auch in Österreich zahlreiche Aktionen verschiedener Institutionen statt, die das Bewusstsein für Basisbildung in unserer Gesellschaft schärfen wollen. Solche Aufmerksamkeit für Alphabetisierung und Basisbildung – jenseits von Skandalisierung – ist gut und nötig. Täglich!
- Projekt Sichtbar
- Unesco: International Literacy Day
- Informationen zu PIAAC (Statistik Austria)
- Vorschau PIAAC 2024 auf erwachsenenbildung.at
- Zentrale Beratungsstelle für Alphabetisierung/Basisbildung (Öffentlichkeitsarbeit)
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