Die Lernenden müssen im Mittelpunkt der Validierung stehen

27.05.2024, Text: Gudrun Breyer, Weiterbildungsakademie Österreich (wba)
Darüber waren sich die Teilnehmenden der 5. VPL-Biennale, einer internationalen Validierungstagung, einig. Außerdem gewinnen Microcredentials weiter an Bedeutung.
Teilnehmende der Biennale
Vier Länder, ein Anliegen: die Anerkennung von Lernergebnissen
Foto: Alle Rechte vorbehalten, VPL Biennale, Tischgruppe bei der 5. VPL-Biennale, https://www.facebook.com/photo/

Von 6. bis 8. Mai fand die VPL-Biennale 2024 in Kilkenny, Irland, unter dem Motto „People, validation and power: democracy in action?“ statt. VPL steht für „Validation of Prior Learning“, also die formale Anerkennung erworbener Lern- und Arbeitserfahrungen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, inwieweit Validierung Demokratie stärkt. In Podiumsdiskussionen und Workshops wurden bildungspolitische Aspekte sowie Beispiele und Instrumente vorgestellt, in denen Lern- und Arbeitserfahrungen anerkannt werden, um Kompetenzen sichtbar zu machen und aufzubauen. Das soll dazu beitragen, das Individuum zu stärken, Mobilität zu fördern und Inklusion zu ermöglichen.

Validierung für mehr Bildungszugang und Demokratisierung

In seiner Eröffnungsrede betonte Ted Fleming (Maynooth University, Irland), dass Anerkennung sowohl ein persönlicher als auch ein politischer Prozess sei. „We are pre-programmed for recognition“, so Fleming. Anerkennung habe mit „gesehen werden“ zu tun, mit Wertschätzung und Vertrauen auf beiden Seiten. Anerkennung bildet für Fleming einen wesentlichen Eckpfeiler der Demokratie. Die Anerkennung bereits erworbener Lern- und Arbeitserfahrungen ermögliche Zugänge zu Bildung (etwa durch die sogenannte Externist:innenmatura), die vorher verschlossen waren. Kritisch sieht er die Anerkennung von „prior learning“ insofern, als sie dazu verleiten kann, die vergangenen Leistungen in den Vordergrund zu rücken und das Potenzial der Person im Sinne einer Ermöglichung auszublenden. Denn Validierungsverfahren tendieren dazu, aufzuzeigen, was fehlt.    

Validierung macht indigenes Wissen sichtbar

Validierung hat das Potential, vorhandene Kompetenzen sichtbar zu machen – auch von benachteiligten Bevölkerungsgruppen. In Mexiko beispielsweise arbeitet CONOCER mit der Pacific Alliance zusammen, die Green Skills der indigenen Bevölkerung validiert und damit die Umsetzung nachhaltiger Praktiken forciert. Demokratie, so der einhellige Tenor der Biennale, ist ohne Nachhaltigkeit nicht möglich, und dafür braucht es Validierung über die Grenzen hinweg.

Validierung überwindet Grenzen

Validierung spielt eine wichtige Rolle bei der Integration von Flüchtlingen. Hier sind nicht nur Länder der nördlichen Hemisphäre gefordert, sondern zum Beispiel auch Südafrika, das zum Zielland afrikanischer Asylsuchender geworden ist. Bei einer Arbeitslosenquote von über 32% ist der Bedarf an Qualifizierung für den Arbeitsmarkt enorm.

Anrechnung und Mobilität betreffen aber auch andere Zielgruppen. Südkorea hat eine Academic Credit Bank aufgebaut, die es Kandidat:innen ermöglicht, ihre erworbenen Lernergebnisse zu dokumentieren und unabhängig von ihrem derzeitigen Wohnort für weitere Abschlüsse anrechnen zu lassen. Dieses System unterstützt, anders als etwa in den USA, die Mobilität der Kandidat:innen. Denn in den USA können erworbene Lernerfahrungen nicht in einen anderen Bundesstaat übertragen werden.  

Validierung basiert auf persönlichen Geschichten – dort gilt es anzusetzen

Validierung ist wirkungsvoll, weil Lernerfahrungen aus den unterschiedlichsten Kontexten anerkannt werden können: aus dem formalen Bildungssystem (Schule, Hochschule) ebenso wie aus dem non-formalen Bildungssystem (Erwachsenenbildung) sowie informell erworbene Lernerfahrungen (learning by doing). Dies erfordert geeignete Instrumente sowie ausreichende Ressourcen und Zeit. Das bedeutet, dass Validierung nicht immer der schnellere und billigere Weg zu einer Qualifikation ist, jedenfalls aber der nachhaltigere. Entscheidend ist jedoch, dass im Validierungsprozess die „Sprache“ der Lernenden gesprochen wird, denn oft finden sich die Lernenden in den Prozessen nicht wieder. Dabei braucht es sie und ihre Geschichte, braucht es Nachweise, die ihnen gerecht werden. Eine Teilnehmerin brachte diese Perspektive einer Lernenden auf den Punkt: “Why can´t I sing my learning?“ 

Validierung zwischen Inklusion und Benachteiligung

Durch Validierung entsteht Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einer Profession. Durch Anerkennung und Wertschätzung werden nicht nur Barrieren abgebaut, sondern auch neue Wege eröffnet. Das kanadische ONCAT arbeitet etwa daran, mit Hilfe künstlicher Intelligenz eine Übereinstimmung zwischen eingereichten Nachweisen und geforderten Kompetenzen anhand von festgelegten Lernergebnissen zu ermitteln, und setzt dabei Audiounterstützung für Personen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten ein.  

Validierung steht aber auch in der Kritik diejenigen zu benachteiligen, die über keine oder nur wenig anrechenbare Lernerfahrungen verfügen oder sie nicht ausdrücken können. In Kombination mit digitalen Technologien wird die Kluft zwischen denen, die sichtbar sind, und denen, die unsichtbar bleiben, noch größer. Die Instrumentalisierung von Validierung trägt dann weniger zur Demokratisierung als zur Meritokratisierung bei, indem Individuen allein aufgrund ihrer (bisherigen) Leistungen bewertet werden. Meritokratisierung ist ein gesellschaftliches Prinzip bzw. ein Prozess, nach dem Menschen aufgrund von „Leistung“ oder „Verdienst“ in Führungsrollen und berufliche Positionen gelangen. Dieses Leistungsprinzip wird u.a. deshalb kritisiert, weil Leistung durch soziale Ungleichheit beeinflusst wird und Leistung schwer messbar und oft nicht nur einer Person zurechenbar ist.

Microcredentials, Lernergebnisorientierung und KI

Microcredentials sind oft ein Anreiz, sich mit einem Thema zu beschäftigen und weiter zu lernen. Sie treten als Nachweisform in der Validierung immer häufiger in Erscheinung. Der irische RPL Digital Badge beispielsweise richtet sich an Hochschulpersonal und vermittelt grundlegende Informationen zur Anerkennung von Lernerfahrungen. Auch das Thema KI spielt zunehmend eine Rolle, bringt aber auch Herausforderungen mit sich.

CIMEA, das offizielle italienische Zentrum innerhalb des NARIC-Netzwerks, nutzte zum Beispiel im Projekt MARTe Künstliche Intelligenz, um Qualifikationen auf Basis von Microcredentials zu bewerten. Dabei zeigte sich: werden Qualifikationen nicht ausreichend lernergebnisorientiert formuliert, können geeignete Nachweise vom System nicht als relevant eingestuft wurden.  

Die Fäden zusammenhalten – die Arbeit der Validierungsfachkräfte 

Validierungsfachkräfte sind auf verschiedenen Ebenen tätig, was für das Voranbringen der Validierung von entscheidender Bedeutung ist, denn es bedarf dabei sowohl eines Bottom-up- als auch eines Top-down-Ansatzes. Als Mitwirkende in der Bildungspolitik, als Programmplaner:innen, Trainer:innen, Assessor:innen oder Berater:innen arbeiten sie in einem mehrfachen Spannungsfeld, begleiten Individuen in einem System, wirken regional/national und denken global, wägen Kompetenzanforderungen gegen Lernprozesse ab, folgen losen Richtlinien in einem starren Regelwerk. Ihre Aufgabe ist es, die Lernenden zu sehen.

Erste Strukturen für Validierung sind da – es braucht noch breitere Anerkennung

Mit der Umsetzung der Empfehlung des Rates der Europäischen Union vom 20. Dezember 2012 zur Validierung nichtformalen und informellen Lernens und den Cedefop-Leitlinien für die Validierung nicht-formalen und informellen Lernens wurden die Strukturen geschaffen, damit Validierung in der Gesellschaft ankommen kann. Nun muss sichergestellt werden, dass durch Validierung erworbene Qualifikationen nicht nur rechtlich den formalen Qualifikationen gleichgestellt sind, sondern auch real anerkannt werden und für die Inhaber:innen verwertbar sind.

Podiumsdiskussion im Rahmen der VPL-Biennale (Alle Rechte vorbehalten, Gudrun Breyer)

Eine Veranstaltung mit globaler Reichweite

Die VPL-Biennale hat im Lauf der Jahre an Teilnehmenden und Wirkkraft gewonnen. Sie hat sich zu einer globalen Konferenz entwickelt, die vielfältige Perspektiven auf Validierungspraktiken aufgreift und sich mit Erfahrungen und Ideen dazu auseinandersetzt. 260 Personen aus 31 Ländern tauschten auf der diesjährigen Konferenz Wissen aus, lernten Instrumente und Praktiken kennen und reflektierten diese gemeinsam. Neben zahlreichen europäischen Ländern und Nordamerika waren auch die Mongolei, Südkorea, Uganda, Südafrika, Mexiko, Australien, Grönland, die Färöer-Inseln und viele mehr vertreten. Darunter waren Mitarbeitende aus NGOs, Ministerien, Universitäten und Bildungseinrichtungen, Personalverantwortliche, selbständige Trainer:innen und Bildungsmanager:innen, Bildungs- und Berufs- und Unternehmensberater:innen. Ein buntes Bild, das widerspiegelt, dass Validierung sowohl den Bildungsbereich (von Erwachsenenbildungseinrichtungen bis zu Universitäten) als auch Wirtschaft, Politik, Arbeitsmarkt und andere Sektoren betrifft. 

Initiiert wurde die Biennale vom niederländischen European Centre for Validation of Prior Learning, das sich mit den Funktionen und Auswirkungen der zunehmenden Validierung auf die Gesellschaft und Individuen im Kontext des Lebenslangen Lernens beschäftigt.

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