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Menschenrecht Bildung: Tagung der Wiener Volkshochschulen

03.10.2022, Text: Gerhild Ganglbauer, VHS / lernraum.wien, Redaktion: Angelika Hrubesch, VHS / lernraum.wien
Am 22. September haben Expert*innen und Teilnehmende an der Tagung der VHS Wien Aspekte zum Menschenrecht Bildung verhandelt. Im Anschluss feierte lernraum.wien sein elf-jähriges Bestehen.
  • Grafik: CC BY, Die Wiener Volkshochschulen, VHS-Tagung Menschenrecht Bildung, auf erwachsenenbildung.at
    VHS-Tagung Menschenrecht Bildung
Das Recht auf Bildung bedeutet für die (kritische) Erwachsenenbildung einige Herausforderungen: Kann das Menschenrecht auf Bildung für alle Menschen gleichermaßen gültig sein? Wie kann diesem Menschenrecht entsprochen werden und was bedeutet dies für die Haltung der Institution und der darin Tätigen?


Im Rahmen der Tagung wurden in reflexiver Weise und unter Beteiligung von Expert*innen Positionen einer demokratischen, kritischen und an den Lernenden orientierten Erwachsenenbildung erarbeitet. Eine veränderungsorientierte Erwachsenenbildung versteht sich nicht als "Reparaturwerkstatt" des Bildungssystems, in dem sie ausschließlich Angebote macht, die Menschen hilft "versäumte" Bildungschancen zu kompensieren – sie tut dies. Vor allem aber reflektiert sie gesellschaftliche Herausforderungen und Prozesse und positioniert sich damit eindeutig als Akteurin in einer sich verändernden Gesellschaft.

 

Die Tagung wurde in einem hybriden Setting durchgeführt, wodurch der Teilnehmer*innenkreis erweitert werden konnte. 

Vom Verlernen von Bildung zum Erlernen von Sprache/n

Dem Thema der Tagung widmete sich zunächst der Vortrag von Maria do Mar Castro Varela (Professorin für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin), die sehr grundlegend ein Neudenken und Wiederaneignen von Bildung und Bildungsprozessen fokussierte. Erwachsenenbildung ist demnach heraus- und aufgefordert, über einen Rahmen nachzudenken und ihn so zu gestalten, dass Bildung angenommen werden kann. Ein kritisch-historischer Blick auf die humanistische Tradition in Europa (die noch immer einen wichtigen Bezugspunkt darstellt), legt das koloniale Erbe von Bildung frei, in dem bestimmte (vornehmlich außereuropäische) Diskurse sowohl ausgeschlossen als auch entwertet und andere hingegen in den Kanon aufgenommen werden. Diese Auseinandersetzung sollte nicht zu einer Verwerfung dieses Erbes, sondern zur kritischen Wiederaneignung, (die auch ein Verlernen dessen, was bisher als selbstverständlich galt ist), führen. Pädagogiken haben – in den Worten von Maria do Mar Castro Varela – die Aufgabe, auf Ungleichheiten zu reagieren und ihre eigene Praxis zu reflektieren, wie dies beispielsweise in der Migrationspädagogik, Feministischen oder Inklusiven Pädagogik bereits realisiert wird. Bildungsräume könnten so - als Kontaktzonen - einerseits die Ungleichheits- und Ungerechtigkeitsverhältnisse weiter festigen, jedoch andererseits diese auch ins Wanken und aus dem Gleichgewicht bringen.

 

Massimiliano Spotti (Professor im Department of Culture Studies der Universität Tilburg) entführte beredet und schön bebildert das Publikum nach Antwerpen. Im ethnographisch-linguistisch beforschten Stadtteil "Berchem", liebevoll als das "Ende der Welt" bezeichnet, geben die Linguistik Landscapes Forschungen einen umfassenden Einblick in die verwendeten Sprachen und ihre schriftlichen Varietäten. Entsprechend einer extrem diversen Bevölkerung mit unterschiedlichen Erstsprachen, sind in diesem Stadtteil "community languages" dominant. Das Flämische – eine der drei Amtssprachen in Belgien und im nördlichen Belgien weit verbreitet – hat aber in diesem Stadtteil von Antwerpen trotzdem die Funktion einer "lingua franca", die jenseits unterschiedlicher Erstsprachen und Zugehörigkeiten verbindende und übergreifende, konvivale Funktion zeitigt. In der pragmatischen Aneignung der "lingua franca" (phonetische Verschriftlichungen, Wortneuschöpfungen in Verbindung mit anderen Sprachen, syntaktische Verschiebungen) wird gleichzeitig die Dekonstruktion der Hegemonialsprache Flämisch sichtbar.
Die Sprach/enaneignung als Selbsttätigkeit der Bevölkerung kann auch als aktives Handeln im Sinne des Menschenrechts auf Bildung gelesen werden.

Aufsuchende Bildungsarbeit: Skeptische Distanz

Im moderierten Gespräch mit Rubia Salgado (Erwachsenenbildner*in), Daniela Holzer (Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin) und Mark Kleemann-Göhring (Wissenschaftlicher Referent) wurde die Frage nach dem Menschenrecht auf Bildung noch einmal sehr konkret in der Frage nach der Legitimität (bzw. Nicht- Legitimität) von aufsuchender Bildungsarbeit. Am Podium wurde die Diagnose geteilt, dass "wir" in einem Zeitalter leben, in dem das Recht auf Bildung (und der Kampf um Zugang zu Bildung) mittlerweile in einen Zwang zu Bildung verkehrt worden ist, sinnbildlich ausgedrückt in der Möglichkeit des "lifelong learning", das zur Pflicht geworden ist, außerdem veranschaulicht  in der Individualisierung von Bildungsversagen an Stelle gesellschaftlicher Verantwortung so wie dem Wetteifern und -laufen nach Zertifikaten, die aus Menschen noch das letzte Kapital schlagen. In diesem Kontext bestand grundsätzlich Übereinkunft der Diskutierenden, dass man aufsuchender Bildung gegenüber sehr aufmerksam sein müsse. Sie könne quasi nur dann angeboten werden, wenn man sich dieser gesellschaftlichen Widersprüche bewusst ist.

Workshops: Work in progress

Da der lernraum.wien im Rahmen der Tagung sein elf-jähriges Bestehen feierte, nahmen die Workshopleitenden (allesamt im lernraum.wien in Angewandter Forschung und Lehre tätig) ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte zum Ausgangspunkt der Diskussionen. Die Workshops gaben Einblick in die vielfältigen Schwerpunkte: "Mehrsprachigkeit", "Diskriminierung, Rassismus, Intersektionalität, Linguizismus", "Migrationsgesellschaft und Erwachsenenbildung", "Ent-/Begrenzung des Lernens - Lernort-Konstruktionen", "Alphabetisierung/Basisbildung" und "Roma Lernhilfe".


In den jeweils einstündigen Workshops konnten einerseits Bezüge zur Bildungspraxis in den Wiener Volkshochschulen und andererseits zu den Inputs am Vormittag hergestellt und Fragen nicht (nur) beantwortet, aber aufgeworfen und vertieft werden.

Jubiläum lernraum.wien - Vergangenheit und Zukunft

Der lernraum.wien feierte sein elf-jähriges Bestehen als spezialisierte (Forschungs-)Einrichtung der Wiener Volkshochschulen mit Mehrsprachigkeit, Integration und Bildung auf seiner Agenda. Die Feierlichkeit wurde sowohl durch den Blick in die Vergangenheit als auch in die Zukunft begleitet. Wegbegleiter*innen, Partner*innen und Freund*innen des lernraum.wien fanden sich ein, um auf diesen besonderen Geburtstag anzustoßen, die Bedeutung des lernraum.wien hob Hannes Schweiger (Universität Wien) als Festredner hervor. Anlässlich des 65. Geburtstag von Thomas Fritz, Gründer und Leiter des lernraum.wien, wurde von seinem Team eine Festschrift herausgegeben und dem Jubilar im Rahmen der Feier überreicht.

Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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