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Buch: Ältere Menschen in der Wissensgesellschaft

07.01.2021, Text: Lucia Paar, Redaktion/CONEDU
Gerade jetzt zeigt sich die große Bedeutung von "Wissen" bei Gesundheitsentscheidungen. Was braucht es beim Vermitteln und Aneignen von Wissen? Was gilt als legitimes Wissen? Diesen Fragen widmeten sich Forscherinnen bereits 2017 in einem Buch.
  • Foto: Pixabay Lizenz, analogicus, https://pixabay.com
    Der Verein akzente hat Ältere befragt: Es brauche Informationsstellen, bei denen relevante Informationen zur Gesundheit leicht zu bekommen sind.
Abstand halten, Hände waschen, impfen – gerade jetzt zeigt sich, die große Bedeutung von "Wissen" und "Nicht-Wissen" im Kontext von Gesundheitsentscheidungen. Wissen ist dabei positiv konnotiert. Nicht-Wissen gilt umgekehrt eher als Mangel, den man mit Lernen überwinden kann. In existentiellen Fragen der Gesundheit spielt Wissen und Nicht-Wissen besonders für ältere Menschen eine wichtige Rolle. Wie kann dieses Wissen vermittelt und angeeignet werden? Welche sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen sind dafür geeignet? Welche Bedeutung haben Wissen und Nicht-Wissen in einer alternden Gesellschaft? Diesen und weiteren Fragen widmeten sich Forscherinnen bereits zwischen 2014 und 2017 im Projekt "Die Bedeutung von Nicht-Wissen für ältere Menschen in der Wissensgesellschaft". In einem Buch bündelten sie die Ergebnisse, die angesichts der Corona-Pandemie nach wie vor besondere Relevanz haben.

Auch Erfahrungswissen ist für Gesundheitsentscheidungen relevant

Die Zuschreibung von Nicht-Wissen wertet ab, verunsichert und schließt aus – auch von Bildungsmöglichkeiten, schreibt Bildungswissenschaftlerin Claudia Stöckl in einem ihrer Buch-Beiträge. Durch die Zuschreibung von Nicht-Wissen an ältere Menschen – etwa über die Bewertung von Bildungsabschlüssen oder die Diagnose fehlender Schlüssel- oder Alltagskompetenzen – wird älteren Menschen Anerkennung entzogen und sie werden sozial abgewertet, so Stöckl. Stöckl appelliert daher für die Anerkennung unterschiedlicher Wissensformen – auch in Bildungsräumen.

 

Welche Wissensformen gemeint sind und wo sich die Problematik der Zuschreibung von (Nicht-)Wissen im Alltag niederschlägt, zeigt Anna-Christina Kainradl (Institut für Moraltheologie/Universtät Graz) am Beispiel der Beziehung zwischen Arzt/Ärztin und PatientInnen.

 

Denn in der Medizin ergeben sich aus den gegenwärtigen Wissenschaftsstandards klare Wertungen der verschiedenen Wissensformen, so Kainradl. Wenn nun in der Beziehung zwischen Arzt/Ärztin und PatientInnen die gleichen Anforderungen an Wissen gelten wie in der medizinischen Forschung, fallen viele Formen des Wissens, wie z.B. Erfahrungswissen oder Handlungswissen, weg. Gerade diese Wissensformen könnten jedoch für Diagnosen und Therapien wichtig sein, so Kainradl. Denn PatientInnen und Angehörige haben Erfahrungswissen, das heißt Wissen um die Person, ihr Leben, ihre Vorlieben und Abneigungen. Beide Formen des Wissens, also Erfahrungs- und medizinisches Wissen, sind notwendig, damit Menschen Gesundheitsentscheidungen selbstbestimmt treffen können. Erst so werden sie handlungsrelevant und wirksam, erläutert Kainradl. Die Autorin relativiert damit die Polarisierung von Wissen und Nicht-Wissen: PatientInnen und Ärztinnen bzw. Ärzte unterscheiden sich nicht darin, dass die einen nicht wissen und die anderen wissen – beide nutzen mehrere Wissensformen. Auch Ärztinnen und Ärzte beziehen professionelles und lebensweltliches Erfahrungswissen in ihr Handeln und ihre Empfehlungen ein.

Im Projekt "Denk-Raum 50 plus" gestalten Ältere Bildungsprogramme mit

Partizipativ erarbeitete Empfehlungen eröffnen Wege, um dem Ausschluss von Menschen entgegenzuwirken, heißt es schon im Klappentext des Buches. In verschiedenen Beiträgen diskutieren die Autorinnen auch Beispiele für partizipative Bildungsmöglichkeiten für ältere Menschen. So beschreiben Elisabeth Bubolz-Lutz, Leiterin des Forschungsinstituts Geragogik in Düsseldorf, und Bildungswissenschaftlerin Claudia Stöckl verschiedene Ansatzpunkte zur Schaffung von Zugängen zu Bildung im Alter. Als Beispiel nennen die Autorinnen u.a. das Projekt "Denk-Raum 50 plus" in Düsseldorf. SeniorInnen erhalten dabei von einem Bildungsforum bzw. einer Bildungseinrichtung die Möglichkeit, ihre eigenen Fragestellungen einzubringen und das Programm der Einrichtung mitzugestalten.

Bei Älteren nachgefragt: Es braucht barrierefreie Anlaufstellen und Informationen

Dorothea Sauer, Geschäftsführerin des Vereins akzente im steirischen Voitsberg, berichtet über die Arbeit der Organisation. Der Verein setzt sich als Einrichtung der Erwachsenenbildung im ländlichen Raum mit Bildung für ältere Menschen auseinander. Akzente setzt u.a. wohnortnahe Lernangebote für ältere Menschen um, die aufgrund geringer formaler Bildungsabschlüsse und mobiler Einschränkungen erschwerten Zugang zu Bildungsangeboten haben. Der Verein führte Interviews mit älteren Menschen in Voitsberg zum Thema "Ältere Menschen in Wissensgesellschaft" mit Fokus auf Gesundheit durch. Die Interviews ergaben u.a., dass für die Befragten die große Informationsbreite im Kontext von Wissen und Nicht-Wissen eine Herausforderung darstellt. Die TeilnehmerInnen wiesen z.B. darauf hin, dass Laien keine Möglichkeit hätten zu bewerten, was richtig oder falsch ist – beispielsweise, wenn der Hausarzt/die Hausärztin und das Krankenhaus eine unterschiedliche Medikation verschreiben.

 

Ein weiterer Tenor der Befragten war, dass Anlauf- und Informationsstellen fehlen, bei denen relevante Informationen zur Gesundheit leicht zu bekommen sind. Die Stelle sollte barrierefrei im Sinne von angebotsneutral, wohnortnah, kostenfrei und ohne sprachliche Hürden sein und ältere Menschen bei Gesundheitsfragen unterstützen, so die Befragten. Als Beispiel nannten sie Apotheken als mögliche Anlaufstellen, in denen man eine "SeniorInnenecke" mit Informationen und Ausstellungsstücken einrichten könnte. Darüber hinaus wiesen die Befragten darauf hin, dass beachtet werden sollte, welchen Medien und Info-Kanälen sie vertrauen, beschreibt Kainradl im Beitrag. Gemeindezeitungen oder Pfarrblätter waren hier konkrete Beispiele.

 

Stöckl, Claudia (Hrsg.): Ältere Menschen in der Wissensgesellschaft. Graz: Grazer Universitätsverlag – Leykam, 2017, 144 Seiten. E-Book 14,90 €. ISBN 978-3-7011-0389-8.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa
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