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Citizen Science und ihr Nutzen für Forschung und Chronikwesen

28.10.2020, Text: Tiroler Bildungsforum, Bernhard Mertelseder, Redaktion: Julia Janovsky, Tiroler Bildungsforum/Ring ÖBW
BürgerInnen erheben wissenschaftliche Daten und werden so zu wertvollen MitarbeiterInnen für Universität und Wissenschaft.
  • Foto: Pixabay Lizenz, Pixabay, https://pixabay.com
    Citizen Science, BürgerInnen beteiligen sich an Wissenschaft und Forschung.
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, Tiroler Bildungsforum, Workshop Oral History, auf erwachsenenbildung.at
    ChronistInnen üben "Oral History", das Interviewen von Zeitzeugen.

Ortschronisten helfen bei geschichtswissenschaftlicher Auswertung

Erstmals werden durch das Projekt KATI-digital die Begleitdokumente des Franziszeischen Katasters für das Bundesland Tirol für die Öffentlichkeit wie auch die Forschung in ihrer Gesamtheit und flächendeckend sicht- wie nutzbar gemacht. Der Franziszeische Kataster ist der erste vollständige österreichische Liegenschaftskataster. Er enthält die Grundstücke des Gebiets des Kaisertums Österreich. Chronistinnen und Chronisten verwenden in ihrer Arbeit ausschnitthaft immer wieder die sogenannte "Urmappe", den Kernbestand des Katasters. Weit weniger bekannt sind aber die Protokolle, die in den 1850er Jahren parallel zur Urmappe angefertigt wurden und wertvolle Informationen beinhalten, die nunmehr digitalisiert wurden (Grenzbeschreibung, Grund- und Bauparzellenprotokolle mit Angaben zu Eigentümern, Nutzung, Größe etc.). Ziel des Projekts KATI-digital ist, die flächendeckende Erfassung, das heißt Transkription der Protokolle sowie die Verknüpfung der Begleitdokumente mit den Blättern der Urmappe. Diese Verknüpfung nehmen die Tiroler Chronistinnen und Chronisten vor. Sie erhalten so den bequemen Online-Zugang zu den Materialien, können die Informationen für die eigene Chronik verwenden und helfen darüber hinaus mit, eine landesweite geschichtswissenschaftliche Auswertung der Materialien durch die Universität Innsbruck durchzuführen, die in Form von wissenschaftlichen Arbeiten wieder der Allgemeinheit zur Verfügung stehen.

Jeder kann WissenschaftlerIn werden

Mit "Citizen Science" oder "Bürgerwissenschaften" wird allgemein eine Form der wissenschaftlichen Forschung verstanden, die unter Beteiligung von Interessierten, die außerhalb der Universität unterschiedliche Aktivitäten entwickeln, stattfindet.

 

Dabei werden von Interessierten und Laien verschiedene Vorarbeiten und Messungen durchgeführt, Daten erhoben oder Beobachtungen gemeldet.
In einigen Bereichen, wie etwa bei der regelmäßigen Vogelzählung, der Ermittlung und Meldung von Wetter- und Niederschlagsinformationen, der Betreuung von Messstationen oder Meldung von Daten, werden auf diese Weise bereits seit Jahrzehnten wertvolle Informationen zusammengetragen. So stehen sowohl für die Öffentlichkeit als auch für die Wissenschaft nützliche Rohdaten zur Verfügung. Diese vielfach ehrenamtliche Tätigkeit wird bereits seit langem erfolgreich betrieben und steht häufig auch im Zusammenhang mit der Generierung von statistischen Informationen für amtliche Zwecke. Die Hilfestellung der Öffentlichkeit ist deshalb notwendig, weil es finanziell und organisatorisch nicht möglich ist, zum Beispiel an bestimmten Stichtagen flächendeckende Erhebungen durchzuführen.

Schafft Akzeptanz für Forschung, verbessert Wissenstransfer

Seit einigen Jahren sind Universitäten und andere Forschungseinrichtungen verstärkt dazu aufgerufen, ihre Forschungsaktivitäten stärker an die Bevölkerung rückzubinden und die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit zu vermitteln. Dies sollte nicht nur die Akzeptanz für Forschung allgemein heben, sondern auch durch Interaktion zwischen Wissenschaftlern und der Bevölkerung den Wissenstransfer verbessern. Auf diese Weise wird ebenso der mancherorts diagnostizierten Entkoppelung der freien Forschung vom natürlichen Lebenszusammenhang der Bevölkerung entgegengewirkt. Es handelt sich bei Bürgerwissenschaft daher auch um ein wissenschaftspolitisches Konzept.

Was Hänschen nicht lernt... lernt Hans dann später!

Wenn die Tiroler Chronistinnen und Chronisten durch ihre Mithilfe der Wissenschaft dienen, so lernen sie bei ihrer Tätigkeit auch eine Menge. Die forschenden Laien haben hier oftmals ihren ersten Kontakt mit einem Web-Interface und erweitern durch ihre Mitarbeit ihre digitalen Kompetenzen. Auch das historische Wissen wächst, wenn sich Familienhistoriker bzw. die breite Öffentlichkeit über die Besitzverhältnisse ihrer Vorfahren bzw. ihres Wohnortes informieren und mit der Familiengeschichte auseinandersetzen.
Citizen Science ermöglicht für die Laien eine intensive Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen. Der Laie lernt, was Forschung bedeutet, wie Forschungsprozesse stattfinden. Aber er erkennt auch, wie lange es manchmal dauert, bis Daten generiert werden, was es bedeutet, in der Wissenschaft auch Fehlschläge zu haben und damit umzugehen.
Citizen-Science-Projekte haben damit durchaus auch eine Bildungsfunktion inne, die bei den Menschen durch ihr Mitwirken ein vertieftes Verständnis für Wissenschaft und den jeweiligen Forschungsgegenstand aufbauen kann. Citizen-Science bewegt sich also zwischen Wissenschaft, Bildung und zivilgesellschaftlichem Handeln, dessen Bildungsaspekt auf unterschiedlicher Ebene (individuell/sozial/institutionell) wirken kann.

Was machen Chronistinnen und Chronisten?

Mehr als 300 Tiroler ChronistInnen in Tirol dokumentieren Aktuelles (Zeit-Chronik) und begeben sich auf Spurensuche, um positive Erinnerungskultur zu bilden und zu pflegen und das historische Gedächtnis zu stärken. Sie legen Sammlungen an, veröffentlichen Artikel in lokalen Zeitschriften und organisieren Bildungs- und Kulturangebote für den Ort, ihre Gemeinde zB. Führungen, Ausstellungen, Vorträge.
Gerade das Chronikwesen ist prädestiniert für die Einbindung in kulturhistorische oder historische wissenschaftliche Projekte. Nahezu jede Chronistin und jeder Chronist hat in unterschiedlichen Zusammenhängen bereits wissenschaftliche Projekte unterstützt. Dazu zählen studentische Qualifikationsarbeiten ebenso wie Forschungsprojekte, die aufgrund der Fragestellung überlokale und regionale Forschung betreiben. Dabei schöpfen die Forscherinnen und Forscher nicht nur aus den vorliegenden Beständen der Chronik, sondern sie erheben und erfassen gezielt "neue" Informationen. Diese Tätigkeit hilft nicht nur den Forschungsprojekten, sondern erweitert auch die lokalen Sammlungen mit wichtigen Informationen. In der Vergangenheit wurden so bereits mehrere kleinere und größere Initiativen erfolgreich durchgeführt.

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