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Blended und Flipped Learning in der Basisbildung

23.09.2020, Text: Lucia Paar, Redaktion/CONEDU
Das Netzwerk learn forever setzt mit seinen aktuellen Angeboten für bildungsbenachteiligte Frauen auf Flipped und Online-Lernen. Wie das gelingt, erzählt die Leiterin des Netzwerks im Interview.
  • Montage: Pixabay Lizenz, Gerd Altmann/bearb. durch Paar/CONEDU, https://pixabay.com
    "Umgedreht" lernen: Beim Flipped Learning erarbeiten die LernerInnen ihr Wissen selbst, Üben und Vertiefen erfolgt gemeinsam.
Das Netzwerk learn forever hat sich zum Ziel gesetzt, die Weiterbildungsbeteiligung von bildungsbenachteiligten Frauen zu erhöhen. Acht beteiligte Organisationen bieten dazu bereits seit 2005 im Rahmen des Netzwerks verschiedene Leistungen an. So entwickeln sie beispielsweise Lernangebote für bildungsbenachteiligte Frauen, bieten Know-How-Transfer für ErwachsenenbildnerInnen oder erheben die Bildungsbedarfe ihrer Zielgruppe. Ganz aktuell arbeiten die ProjektpartnerInnen mit dem Modell "Flipped Learning" und entwickeln dazu Angebote. Das verrät Elke Beneke, Projektleiterin des Netzwerks und Bildungsmanagerin beim Verein Bildung und Lernen, im Gespräch.

Lucia Paar: Das Netzwerk von learn forever bietet umfassende und vielfältige Leistungen an: Know-How-Transfer in der Erwachsenenbildung, Lernangebote für bildungsbenachteiligte Frauen und auch Forschungsleistungen. Woran arbeitet das Netzwerk gerade ganz aktuell?

Elke Beneke: Wir setzen neue Impulse für die Basisbildung, in dem wir auf "Flipped Learning" umsteigen. Das ist eine Art "umgekehrter" Unterricht – die Lernerinnen erarbeiten den theoretischen Stoff selbst, im Klassenraum wird dann geübt, und geklärt, was sie nicht verstanden haben. Das wird von den ProjektpartnerInnen in zwei unterschiedlichen Angeboten umgesetzt. Der Verein nowa und die Frauenstiftung Steyr integrieren das Flipped Learning in ihre Lernrarrangements und wir entwickeln mit dem Verein akzente und dem Bildungszentrum Saalfelden einen virtuellen Basisbildungslehrgang, in dem wir das Konzept auch umsetzen.

Wann findet der virtuelle Basisbildungslehrgang statt?

Den ersten Durchgang haben wir von Oktober 2019 bis Mai 2020 durchgeführt, jetzt folgt die Evaluationsphase. Der nächste Lehrgang startet dann wieder im Oktober 2020.

Gerade im Zuge des Frühjahrslockdowns wurde in der Erwachsenenbildung immer wieder diskutiert, ob/wie sich Basisbildung online umsetzen lässt, da dies einige Ansprüche an die TeilnehmerInnen stellt. Wie gelingt das im Lehrgang?

Wir führen die Teilnehmerinnen schrittweise heran. Wir stellen den Teilnehmerinnen Tablets bzw. Laptops zur Verfügung, die sie auch mit nach Hause nehmen können. Damit wird gewährleistet, dass Lernen zu Hause auch möglich ist. Die Programme, die wir im Lehrgang nutzen, haben wir teilweise vorinstalliert. Den Lehrgang selbst führen wir zu Beginn für einen bis zwei Monate in Präsenz durch. Dort konzentrieren wir uns dann darauf, die Tools kennenzulernen, mit denen wir arbeiten. Wie funktioniert Zoom, wie komme ich ins Internet, wie nutze ich Moodle uvm. Und jede Teilnehmerin will auch etwas Anderes lernen. Da schauen wir zunächst, dass wir einen guten Rhythmus finden. Das Üben von E-Learning und "Flipped Learning" ist dann der nächste Schritt. Besonders wichtig ist die mentale Einstellung zu den digitalen Medien. Viele Frauen haben Angst. Diese Angst versuchen wir ihnen zu nehmen und eine Leichtigkeit zu vermitteln. Die Teilnehmerinnen lernen das Lernen mit Videos und anderen Selbstlernmaterialien. Um die Blockaden abzubauen, üben die Teilnehmerinnen zunächst vor Ort. Die Lehrenden sind dabei für eine bestimmte Zeit in einem anderen Raum, während die Teilnehmerinnen sich an die neue Lernmethode gewöhnen.

 

In weiterer Folge lernen die Teilnehmerinnen dann jeweils einen Tag vor Ort und einen Tag von zuhause aus. Gerade beim ersten Durchgang haben wir dann im März schlagartig auf reine Online-Lehre umgestellt. Es hat uns überrascht, dass das so gut funktioniert hat. Nur für die Lernprozessbegleiterinnen ist das anstrengender. Geholfen hat hier, dass wir in der Partnerschaft vorab rund 20 Lernpakete mit vielen "flipped" Lernmaterialien entwickelt haben. Wenn man das nicht gehabt hätte, wäre es wohl nicht so einfach gewesen.

Was wollen Sie beim nächsten Lehrgang ab Oktober anders gestalten als beim ersten Durchgang?

Für uns war es ja überraschend, dass alle so gut auf virtuelles Lernen umsteigen konnten, daher wollen wir das auch weiter forcieren. Gleichzeitig möchten sich die Teilnehmerinnen auch vernetzen und sozial lernen. D.h. wir werden wahrscheinlich immer je einen Tag in Präsenz durchführen und einen von zuhause aus. Verstärken möchten wir auch, dass wir die Webinare im Lehrgang projektpartner-übergreifend durchführen. Da haben wir die Erfahrung gemacht, dass das mit den Teilnehmerinnen gut funktioniert, auch wenn die Trainerinnen wechseln. Denn die Trainerin ist eine wichtige Bezugsperson, aber wenn das Vertrauen da ist, können sich die Teilnehmerinnen auch auf andere Trainerinnen einstellen. Und was wir aus dem letzten Lehrgang auch mitnehmen: Je selbstverständlicher man selbst mit den digitalen Medien umgeht, desto selbstverständlicher gehen auch die Teilnehmerinnen damit um. Das muss einfach etwas sein, was man in den Lernalltag integriert und nicht als etwas unglaublich Besonderes darstellen.

Wie gewinnen Sie die Teilnehmerinnen für den Lehrgang?

Das ist sehr unterschiedlich je nach Region. Unser Projektpartner in Voitsberg beispielsweise hat guten Kontakt zum AMS, die die Teilnehmerinnen während des Kurses dann auch nicht weiter vermitteln. Das ermöglicht eine stabile Teilnahme. Das Bildungszentrum Saalfelden ist selbst in der Basisbildung tätig und sehr bekannt. Die KollegInnen konnten den Lehrgang also gleich mit ihren anderen Angeboten mitbewerben. Für den Verein akzente und uns ist Basisbildung ein neues Angebot, daher konnten wir nicht auf bestehende Erfahrungen aufbauen. Das haben wir viel über unsere Netzwerke gelöst, aber auch Inserate geschaltet. Zu Beginn war bei uns der Abbruch auch etwas höher. Zum Beispiel ist eine Teilnehmerin in der Lehrgangszeit nach Wien gezogen, eine andere hatte inzwischen einen Job bekommen. Letztendlich hatten wir aber eine gut gemischte Gruppe aus Migrantinnen und Österreicherinnen. Diese Mischung haben wir als Bereicherung empfunden.

Der Lehrgang ist zwar neu, das Netzwerk arbeitet aber schon sehr lange mit der Zielgruppe. Nehmen Sie Veränderungen wahr, was die Bildungsbedarfe der Frauen in der Basisbildung betrifft?

Ungebrochen ist zum Beispiel, dass es den Frauen darum geht, digitale Kompetenzen aufzubauen. Was sich aber schon verändert hat, ist, dass die Zielgruppe deutlich segmentierter ist. Die Bedarfe sind schwerer mit allgemeinen Angeboten zu decken. Das ist eine Herausforderung, gerade auch in ländlichen Räumen. Ungebrochen ist auch, dass wir an Kompetenzen und Potentialen der Frauen arbeiten. Das Reflektieren der eigenen Fähigkeiten und Potentiale ist ein großes Thema.

 

Unverändert ist auch die Bereitschaft der Frauen sich weiterzuentwickeln. Es gibt immer noch fast keine Kursabbrüche, die darin begründet sind, dass den Frauen das Angebot nicht gefällt. Ein Abbruch hat meistens andere Gründe, wie zum Beispiel einen Jobwechsel oder eine Krankheit. Das hängt natürlich auch mit dem Luxus zusammen, dass die Frauen unsere Angebote freiwillig in Anspruch nehmen. Gleichzeitig könnte das natürlich auch ein Risiko sein, da es dadurch unverbindlicher scheint und man an der Motivation arbeiten muss. Aber das gelingt. Und ein weiterer wichtiger Grund, wieso die Frauen zu uns kommen, ist: Sie brauchen eine Tagesstruktur, die ist ihnen wichtig. Und sie brauchen soziales Lernen, sie wollen einmal weg von zu Hause und sich mit anderen austauschen.

Welche weiteren Pläne des Netzwerks gibt es für die Zukunft?

Das ist natürlich abhängig von der nächsten ESF-Förderperiode. Das wissen wir also noch nicht genau. Grundsätzlich möchten wir jedoch weiterhin auf unsere Erfahrungen und unser Wissen aufbauen und damit weiterhin durch unsere Entwicklungsarbeit zu Innovationen in der Basisbildung beitragen. Gerade das organisationsübergreifende Zusammenarbeiten empfinden wir als sehr bereichernd.

Über das Netzwerk

Das Netzwerk wurde 2005 gegründet und widmet sich seither der Basisbildung bildungsbenachteiligter Frauen. Grundlage der Netzwerkarbeit bildet die Verknüpfung verschiedener gesellschafts- und bildungspolitischer Anliegen: Die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung von bildungsbenachteiligten Frauen und die gleiche Teilhabe von Frauen und Männern an der Informations- und Wissensgesellschaft. NetzwerkpartnerInnen sind die Non-Profit-Organisationen der Verein akzente, das Bildungszentrum Saalfelden, die Frauenstiftung Steyr, der Verein nowa, und der Verein Bildung und Lernen. Finanziert wird das Netzwerk aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung und des Europäischen Sozialfonds.

 
 
Weitere Informationen:
 
 
Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa
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