Basisbildung ganzheitlich umsetzen
Ein Gespräch mit den Basisbildungstrainerinnen Silvija und Ingrid gibt Aufschluss.
Was bedeutet Basisbildung für euch?
Silvija: Basisbildung heißt für mich, dass sich die Teilnehmerinnen Grundkompetenzen aneignen können, die ihnen den Alltag erleichtern. Dabei passen wir uns den Wünschen und Bedürfnissen der Teilnehmerinnen an. Das heißt, wir fragen zuerst, was sie mit ihrem Kursabschluss später machen wollen: Wollen sie zum Beispiel die Pflichtschulprüfung bestehen, bereiten sie sich auf einen Aufnahmetest vor oder möchten sie bestimmte Kompetenzen für ihren Alltag? Je nachdem bereiten wir die kommenden Wochen vor.
Ingrid: Die Ziele der Teilnehmerinnen sind uns wirklich ganz wichtig. Auf deren Basis versuchen wir dann immer eine gute Balance zu finden zwischen Alltagswissen, Berufswissen und Qualifikationswissen.
Die Zugänge zum Lernen sowie Vorerfahrungen sind sehr heterogen, weshalb es uns ein großes Anliegen ist, eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen, die das Erkennen der eigenen Fähigkeiten fördert und neugierig macht auf mehr.
Wie bereitet ihr anschließend die einzelnen Einheiten vor?
Silvija: Die Themen ergeben sich meistens beim Lesen von Texten oder beim Filmschauen. Wir diskutieren darüber und die Teilnehmerinnen können ihre Meinungen und Erfahrungen einbringen. Mir ist das ganz wichtig, dass alle Raum haben, um zu sprechen und Fragen zu stellen.
Ingrid: Ja, die Teilnehmerinnen gestalten den Unterricht aktiv mit. Gerade das Thema Ausbildung ist immer sehr gefragt. Ich erstelle am Anfang einen groben Kursplan auf Basis der gewünschten Themen, der sich dann immer weiterentwickelt. Dann überlege ich mir, wie ich die einzelnen Themen erarbeiten möchte, ob in Gruppen- oder Einzelarbeit, in Lese-, Schreib- oder Hörform, und wie ich sie inhaltlich, aber auch grammatikalisch aufbereiten kann. Eine gute Mischung ist wichtig, auch damit es nicht langweilig wird.
Welche Rahmenbedingungen empfindet ihr bei ABZ*AUSTRIA als besonders unterstützend für Basisbildungskurse/eure Arbeit?
Ingrid: Die Länge von 15 Wochen finde ich sehr gut. Es braucht einfach ein wenig Zeit, sich kennenzulernen, zusammenzuwachsen und die eigenen Lernmethoden zu finden. Auch ist die Gruppengröße von sechs Personen sehr sinnvoll, einerseits für das Gruppenklima und andererseits ist so eine gute Einzelbetreuung möglich. Die reinen Frauengruppen erleichtern das Lernen und bieten einen geschützten Raum, um Neues auszuprobieren. Das bekommen wir auch immer als Feedback von den Teilnehmerinnen. Und natürlich die Exkursionen. Da finden sehr viel informelles Lernen, sowie kulturelle Alltagsbeobachtung und -erfahrung statt. Dieses Mal waren wir zum Beispiel in der Hofburg, in Schönbrunn, in der Bibliothek und im Technischen Museum. Eine Teilnehmerin meinte, dass sie nun auch mit ihren Geschwistern zum Schloss gehen wird und ihnen weitergibt, was sie gelernt hat. Das ist schön, wenn der Transfer in den Alltag auf diese Weise funktioniert.
Silvija: Die Teilnehmerinnen machen in den 15 Wochen wirklich eine wahnsinnige Entwicklung. Das sehen wir auch immer bei den Abschlusspräsentationen. Sie suchen sich die Themen selber aus, machen die Recherche, das Handout und ein Plakat oder eine PowerPoint Präsentation. Am Ende sind sie immer so stolz auf sich, wenn der Applaus der ganzen Gruppe kommt. Auch finde ich die Möglichkeit der externen Beratung für Teilnehmerinnen und den individuellen Lerneinstieg bei ABZ*AUSTRIA sehr sinnvoll. Einmal pro Woche können die Frauen zu einem persönlichen Beratungsgespräch gehen, um private Angelegenheiten zu besprechen. Das entlastet uns als Trainerinnen sehr. Durch den individuellen Lerneinstieg können wir Interessen, Ziele und Kenntnisse schon vor dem ersten Kurstag festhalten. In einem ersten persönlichen Gespräch lernen wir die Teilnehmerinnen kennen und bauen Vertrauen auf. Diese Gespräche sind sehr hilfreich, um festzustellen, welcher Bedarf im Kurs gegeben ist und wohin es in den kommenden Wochen geht.
Welche Kompetenzen brauchen BasisbildungstrainerInnen und was gefällt euch an eurer Arbeit am meisten?
Ingrid: Ich denke soziale Kompetenzen sind genauso wichtig wie fachliche. Als Basisbildnerin sollte ich Interesse an meinen Teilnehmerinnen und ihren Lebenssituationen haben, ich sollte ihnen zuhören können und Einfühlungsvermögen haben, aber auch die Fähigkeiten zur Reflexion, Motivation und zur genauen Beobachtung. Nur dann kann ich wirklich die Bedürfnisse rausfinden und einen lernerinnenkonzentrierten, kreativen Unterricht vorbereiten.
Silvija: Die Kompetenzen von BasisbildungstrainerInnen sind wirklich umfangreich. Aber das Lernen hört auch für uns nie auf. (lacht) Was mir am besten an meiner Arbeit gefällt, sind die Momente, in denen die Teilnehmerinnen selber erkennen, was sie alles gelernt und geschafft haben. Ich erinnere mich an eine Frau, die beim Erstgespräch meinte, dass sie noch nie einen Computer eingeschaltet hätte. Am Ende des Kurses habe ich sie gefragt, ob sie sich noch an ihre Aussage erinnern könnte, woraufhin sie lachte und meinte: „Und jetzt kann ich schon einen Text aufschreiben." Solche Momente machen mich glücklich.
Ingrid: Ja, das ist sehr schön. Der Kurs gibt ihnen die Möglichkeit Seiten an sich zu entdecken, die sie vorher noch nicht gekannt haben.
Vielen Dank für das interessante Gespräch.
Ingrid und Silvija arbeiten seit 2018 bei ABZ*AUSTRIA als Basisbildungstrainerinnen im Projekt „ABZ*Basisbildung wirkt!".
Verwandte Artikel
![]()
VOICES: Migrationsgeschichte(n) hörbar und sichtbar machen
Das Projekt VOICES macht Migrationserfahrungen von Lernenden sichtbar. Es verbindet Oral History, partizipative Methoden und digitale Tools für Deutsch- und Grundbildungskurse.![]()
Profund - Die transformative Kraft der Basis-/Grundbildung sichtbar machen
Lernergebnisse in Alphabetisierung und Basisbildung gehen über Lese-, Schreib- und Mathekompetenzen hinaus, bleiben jedoch oft verborgen. Im Projekt Profund wurden Materialien entwickelt, die lebensverändernde Lernprozesse sichtbar machen.![Logo mit Text: bill Bildung mit Weitblick]()
(Basis-) Bildung mit Weitblick für eine nachhaltige Zukunft
Im Projekt „Bildung mit Weitblick“ entstanden praxisnahe Lernmaterialien und interaktive Unterrichtskonzepte für die Basisbildung. Lernende können in fünf Modulen diverse Aspekte und Perspektiven von Nachhaltigkeit bearbeiten.![]()
Feministische Perspektiven in der Basisbildung
Feministische Ansätze in der Basisbildung können Teilhabe und Vielfalt fördern. Hierfür braucht es aber eigene Räume und geschlechtersensible Methoden.![schwarz-weiß Illustration einer Person, die vor einer Kluft steht]()
Basisbildung und Literalität in einer digitalen Welt
Die Digitalisierung der Welt schreitet weiter voran und ist für gering Literalisierte Risiko und Möglichkeit zugleich. Für die Basisbildung müssen digitale Lernangebote neu gedacht und weiterentwickelt werden.![Foto: (C) Birgit Aschemann]()
Ausbildungslehrgang Basisbildung am bifeb – jetzt rasch anmelden!
Der einjährige Ausbildungslehrgang qualifiziert Teilnehmende, erwachsenengerechten Basisbildungsunterricht im mehrsprachigen und multikulturellen Kontext zu planen, durchzuführen und zu evaluieren. Er startet am 11. September.





