„Frei.Räume“ der Transformation im Quartier fördern die Demokratie

04.09.2025, Text: Martina Nies, Redaktion: Bianca Friesenbichler, Redaktion/CONEDU
Freiwillig Engagierte in ganz Deutschland entwickeln mit „Frei.Räumen“ offene Begegnungsorte. Sie bieten konsumfreien Raum für Transformation und Demokratie. Damit bilden sie einen Gegenpol zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen.
Frei.Räume bewegen sich an der Schnittstellte zu anderen Handlungsfeldern und verbinden Querschnittsaufgaben miteinander
Grafik: CC BY, Martina Nies, 2024, auf erwachsenenbildung.at

Gesellschaftliche Umbrüche schüren Ängste, fördern Einsamkeit und mindern das Vertrauen in die Demokratie

Aktuell leidet die Demokratie unter extremen Kräften und Vertrauensverlust. Große Umbrüche schüren Ängste und Einsamkeit ist nicht mehr nur ein Thema von Senior:innen, sondern betrifft zunehmend auch junge Menschen und Berufstätige. Zugleich verlieren religiöse Gemeinschaften an Bedeutung und auch die Anbindung an Vereine wird etwa in Deutschland loser. Kneipen, einst Treffpunkte von verschiedenen Vereinen und Stammtischen sind vielerorts weniger geworden. Dabei haben genau diese Orte eine wichtige Funktion für die Demokratie. Denn üblicherweise treffen hier Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten zusammen. Sie tauschen (politische) Meinungen und Ansichten aus und diskutieren gesellschaftliche Themen. Sie überlegen, wie Gemeinschaft gestaltet werden kann, oder entwickeln neue Ideen für das Quartier.

Offene, selbstorganisierte „Frei.Räume“ entstehen als neue Begegnungsorte

Der Wunsch nach sozialen Begegnungen im Quartier bzw. im Viertel oder Grätzel verbunden mit häufig fehlenden konsumfreien Treffpunkten führt in Deutschland dazu, dass seit einigen Jahren freiwillig Engagierte eine neue Form von Begegnungsorten entwickeln: Frei.Räume.

„Frei.Räume sind offene, selbstorganisierte (Laden)lokale in Quartieren, welche einen nicht kommerziellen, niederschwelligen Begegnungsraum für unterschiedliche Menschen aus dem Quartier und darüber hinaus bieten (wollen). Sie agieren in flachen Hierarchien mit offenen Entscheidungsformaten (häufig Konsens), sind offen für neue Mitmacher:innen und fördern das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Frei.Räume bieten Experimentierfelder, um Wissen und Praktiken zur Umsetzung des sozialökologischen Wandels und damit zur Klimaneutralität zu mehren und zu verbreiten.“ Diese Definition hat die Autorin mit ihrem Team auf der Grundlage von Gesprächen und Besuchen von offenen Begegnungsorten in ganz Deutschland gefunden.

Frei.Räume verbinden nachhaltige Stadtentwicklung, Gemeinwesenarbeit und Hilfe zur Selbsthilfe

Frei.Räume lassen sich an den Schnittstellen von Stadtentwicklung, Kunst und Kultur, sozialen Hilfesystemen, Engagementförderung und ihren entsprechenden Institutionen verorten. Sie nehmen Einfluss auf die räumliche und gesellschaftliche Stadtentwicklung, häufig mit Mitteln der Kunst und Kultur und bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Ihre Basis ist ein Wirken im Sinne einer nachhaltigen Transformation. Sie geben niederschwelligen Zugang zu Themen der nachhaltigen Entwicklung und treiben beispielsweise durch Interventionen im öffentlichen Raum die nachhaltige Entwicklung im Quartier voran. Zudem entwickeln sie Blaupausen für ein interkulturelles Zusammenleben und demokratisches Miteinander. Frei.Räume agieren freier als Quartiersmanagements, sind thematisch offener als soziokulturelle Zentren mit ihren meist kulturellen Schwerpunkten und für einen breiteren Personenkreis zugänglicher als religiöse Einrichtungen. Sie sind ein gelungenes Beispiel für die Selbstermächtigung von Menschen, da Menschen in Frei.Räumen in die Gestaltung ihres Lebensumfelds selbsttätig handelnd eingreifen.

Frei.Räume bieten vielfältige Angebote: Vom täglich geöffneten Cafè über den wöchentlichen Gruppentreff bis zum Repair-Cafè

Die Gestaltung von Frei.Räumen ist ganz unterschiedlich. Was genau stattfindet, ist vor allem abhängig von den Gegebenheiten des Raumes und den Vorlieben der Engagierten. Finden sich viele Menschen, die regelmäßig aktiv sind, wie z.B. im Fachgeschäft für Stadtwandel in Essen-Holsterhausen, dann können auch tägliche Öffnungszeiten mit kostenfreiem Café und Second Hand Verkauf realisiert werden. In anderen Frei.Räumen wird die Woche eher von offenen Gruppentreffen oder Mitmach-Angeboten, wie z.B. Repair-Cafés oder Gesprächsrunden strukturiert. Frei.Räume leben von Vielfalt. So sind neben Fahrradinitiativen auch Foodsharing, multikulturelle Musikgruppen, Selbsthilfegruppen oder Schachvereine anzutreffen. Bewährt haben sich niederschwellige offene Angebote, bei denen Menschen ungezwungen bei einem Getränk oder Essen mit anderen ins Gespräch kommen können. Wichtig ist auch eine große Fensterfront, die Einblicke in das Tun im Frei.Raum ermöglicht und damit zum Mitmachen motiviert.

Heterogene Gestalter:innen und Teilnehmer:innen

Frei.Räume werden in erster Linie von der Nachbarschaft genutzt, ziehen aber auch Menschen aus anderen Stadtteilen an. Die Menschen, die in den Frei.Räumen anzutreffen sind, sind eher heterogen bezogen auf ihr Alter, ihre soziale und kulturelle Herkunft sowie ihre Interessen. Das betrifft sowohl diejenigen, die den Frei.Raum mit ihrem freiwilligen Engagement aktiv gestalten, als auch diejenigen, die ihn besuchen.

Generell bieten Frei.Räume verschiedene Möglichkeiten zum Engagement: Vom kurzfristigen oder punktuellen Einsatz z.B. bei einer Veranstaltung, über mehrstündige Mitwirkung bei regelmäßigen Angeboten (wie z.B. im Café oder in Selbsthilfe-Werkstätten) oder der Organisation eines eigenen Angebots (einzelne Veranstaltung oder Veranstaltungsreihen, Gruppentreffen) bis hin zur verantwortlichen Organisation. Menschen können sich nach eigenen Möglichkeiten einbringen und engagieren.

Freiwilliges Engagement und gemeinsame Entscheidungen fördern Selbstwirksamkeit

Frei.Räume sind meist in flachen Hierarchien überwiegend auf der Basis von freiwilligem Engagement organisiert und bieten vielfältige Möglichkeiten selbst aktiv zu werden. Entscheidungen werden größtenteils über Konsens oder Konsent-Verfahren getroffen. Wesentlich ist den Frei.Räumen, dass vor allem eine Haltung des selbst aktiv Werdens gefördert werden soll.

In der Praxis bedeutet das, dass Wünsche von Besucher:innen in Bezug auf Angebote eher nicht in Form eines Dienstleistungsverständnisses aufgenommen und abgearbeitet werden. Vielmehr unterstützen die Engagierten gern mit den vorhandenen Strukturen, Gegebenheiten und Expertisen, so dass der oder die Wünschende eigenständig das Angebot umsetzen kann. Auf den Satz „Ihr müsstet mal …“ folgt somit eher eine Einladung zum Mitmachen und die Frage, was benötigt wird, damit der Wunsch realisiert werden kann.

Bezahlte Kräfte sind in den Frei.Räumen nur vereinzelt zu finden (z.B. Bundesfreiwilligendienste). Frei.Räume bestehen daher so lange, wie es Menschen gibt, die sich aktiv in ihnen und für sie einbringen.

Frei.Räume sind Orte des Lernens und der Demokratiebildung

Die Ausführungen zeigen: Frei.Räume bieten Möglichkeitsräume für informelles, selbstbestimmtes und nicht-institutionalisiertes Lernen. Sie fördern demokratisches Miteinander. Durch ihre Offenheit und Durchlässigkeit können sie als Resonanzräume für soziale Systeme fungieren, in denen unterschiedliche Lebenswelten aufeinandertreffen, sich wechselseitig und konstruktiv irritieren. Solche Orte ermöglichen emergente Lernprozesse, bei denen Individuen neue Perspektiven integrieren und kollektive Sinnbildungsprozesse angestoßen werden können. Formate der Erwachsenenbildung und insbesondere der politischen Bildung können helfen, informelle Lernprozesse durch formelle Lernformate zu unterstützen und zu ergänzen.

Treten Sie mit Ihrem Frei.Raum dem europäischen Netzwerk „Frei.Raum.Forum“ bei

Erste Recherchen zeigen: offene Orte der Begegnung wie die Frei.Räume in Deutschland gibt es auch in anderen Ländern Europas. Nur haben sie dort andere Namen. In Österreich sind sie wahrscheinlich eher unter Grätzeltreff bekannt. Gibt es noch weitere Namen?

Ist Ihnen beim Lesen ein Frei.Raum in ihrer Nähe in den Sinn gekommen? Oder sind Sie selbst in einem aktiv? Dann schreiben Sie mir an hallo@freiraumforum.org. Unter der Überschrift „Frei.Raum.Forum“ entsteht gerade ein Netzwerk, das Frei.Räume miteinander verbindet, sie sichtbarer macht und unterstützen möchte.

 

Über die Autorin: Martina Nies, Dipl.-Geographin, ist freiberufliche systemische Beraterin und Organisationsentwicklerin (IF Weinheim) und Gründerin von herdenintelligenz. Sie begleitet co-kreativ Entwicklungs- und Beteiligungsprozesse in und für Initiativen, NPOs, Kommunen sowie Universitäten und Forschungseinrichtungen. Thematische Schwerpunkte sind Stadt, Klima und Engagement. Ein Thema, das sie besonders beschäftigt, sind selbstorganisierte Gruppen in der transformativen Stadtentwicklung. Durch ihr freiwilliges Engagement in der Initiative für Nachhaltigkeit e. V. und dem "Fachgeschäft für Stadtwandel" in Essen kennt sie auch die Innensicht selbstorganisierter Gruppen. Kontakt: herdenintelligenz@posteo.de

 

Nachrichtenserie „Demokratiebildung in der Erwachsenenbildung“

Der Sturm auf das US-Kapitol im Jahr 2021, Angriffe auf deutsche Politiker*innen während des EU-Wahlkampfes und das Erstarken demokratiefeindlicher Bewegungen zeigen, wie tief die Demokratie in der Krise steckt. Wie können wir sie schützen und gestalten? Unsere Nachrichtenserie beleuchtet, welche Rolle Demokratiebildung dabei spielt und informiert über Neuigkeiten, Projekte und Publikationen.

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