Drei Methoden zur Demokratiebildung
Die Baden-Württemberg Stiftung hat in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg ein Programm zur Förderung des Demokratieverständnisses initiiert. Unter dem Titel „Läuft bei Dir! Werte.Wissen.Weiterkommen“ will das Programm mit unterschiedlichen Formaten und Methoden eine Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Vertrauensverlust in die Demokratie und in ihre Werte ermöglichen. Zielgruppe des Programms sind Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 27 Jahren. Die im Rahmen des Programms entwickelte Methodensammlung bündelt eine Auswahl von Maßnahmen aus der Demokratiebildung, die Lehrende ohne Vorkenntnisse einsetzen können. Sie ist online frei verfügbar und umfasst insgesamt zehn Methoden.
Drei Beispiele aus der Methodensammlung:
Methode „Ansichtssache“: Berufsbilder und Geschlechterrollen hinterfragen
Die Methode „Ansichtssache“ thematisiert gesellschaftliche Wertvorstellungen von Berufen und deren Einordnung in „Männer- und Frauenberufe“. Dazu notieren die Teilnehmenden ihre eigenen Berufe, Nebenjobs, Praktika oder Traumberufe auf Moderationskarten. Die Karten werden gemischt und verdeckt auf eine Skala gelegt, die zwischen „männlich“ und „weiblich“ sowie „viel Geld und Bewunderung“ und „wenig Geld und Bewunderung“ unterscheidet. Die Trainer*in deckt die Karten auf und die Teilnehmer*innen ordnen sie gemeinsam auf der Skala ein. Die Trainer*innen ergänzen weitere vorbereitete Berufskarten, die die Teilnehmenden ebenfalls auf der Skala einordnen.
Anschließend reflektieren die Teilnehmer*innen gemeinsam mit den Trainer*innen, wie diese Zuordnungen zustande kommen.
Folgende Leitfragen können bei der Reflexion helfen:
- Warum nimmt man bestimmte Berufe als „weiblich“ oder „männlich“ wahr?
- Wie beeinflussen Gehalt, Ausbildung und gesellschaftliche Werte die Wahrnehmung eines Berufes?
- Welche historischen Veränderungen haben diese Wahrnehmungen beeinflusst?
Ziel der Methode ist die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rollenbildern und der Bewertung verschiedener Berufe. Dabei hinterfragen die Teilnehmer*innen eigene Vorurteile und entwickeln ein besseres Verständnis für soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge.
Methode „In guter Gesellschaft!?“: Aufgaben in einer Gesellschaft begreifen
Diese Methode lädt die Teilnehmenden ein, die Gesellschaft als kooperatives System zu begreifen. Ziel der Methode ist es, die Bedeutung von Solidarität zu erkennen und die oft ungleiche Verteilung gesellschaftlicher Aufgaben zu reflektieren.
Ausgangspunkt ist ein Wimmelbild, das verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen Lebens darstellt - zum Beispiel das Bild eines Platzes in einer Stadt, auf dem verschiedene Menschen und Situationen zu sehen sind: Familien mit Kindern, Verkäufer*innen im Kiosk, Junge und Alte, Rad- und Autofahrer*innen, Restaurants, Menschen, die Musik machen usw.
Zunächst erkunden die Teilnehmer*innen in Kleingruppen das Bild: Was ist darauf zu sehen? Was fällt besonders auf? Was fehlt auf dem Bild? Wen oder was sieht man nicht, der oder die auch zur Gesellschaft gehört?
Ihre Ergebnisse präsentieren die Teilnehmer*innen im Plenum. Die Trainer*innen setzen nun den Fokus auf die Aufgabenteilung in einer Gesellschaft. Leitfragen für eine gemeinsame Diskussion können sein:
- Welche Aufgaben sind auf dem Bild zu sehen? Welche Aufgaben fehlen?
- Wer macht welche Aufgaben für wen?
- Wie sehe unsere Gesellschaft und unser Leben aus, wenn niemand Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen würde?
- Was macht die dargestellten Situationen demokratisch? Was macht sie ggf. undemokratisch?
In einer weiteren Phase der Methode können die Teilnehmenden schließlich in Einzelarbeit darüber nachdenken, welche Position sie in der Gesellschaft einnehmen. Jede*r kann sich selbst in das Wimmelbild zeichnen.
Die Trainer*innen beenden die Methode nach einer abschließenden Auswertung und Reflexion.
1m²-Methode: Selbstwirksamkeit erfahrbar machen
Bei der 1m²-Methode erhalten die Teilnehmer*innen einen Quadratmeter im öffentlichen Raum, der ihren Platz in der Gesellschaft symbolisiert. Sie können diesen Quadratmeter selbst gestalten und entscheiden, welche Ideen, Regeln und Themen sie dort platzieren. Zum Beispiel bieten sie auf ihrem 1m² etwas an, das sie der Gesellschaft geben möchten oder machen auf etwas aufmerksam, das ihrer Meinung nach fehlt. Dazu wird an einem belebten, öffentlichen Platz für jede Person 1m² mit Klebeband abgeklebt. Die Teilnehmer*innen füllen den Raum während der Umsetzung selbst aus. Für eine erfolgreiche Ideenfindung empfiehlt es sich, die 1m²-Methode gemeinsam vorzubereiten und Ideen zu sammeln. Dann können die Teilnehmer*innen überlegen, welches Thema ihnen wichtig ist und wie sie dieses umsetzen können.
Bei der Gestaltung des eigenen Quadratmeters orientieren sich die Teilnehmer*innen an folgenden Fragen: Was möchte ich der Gesellschaft geben (z.B. eine Frage, ein offenes Ohr, ein gutes Gespräch, eine Diskussion, eine Kritik)? Was braucht die Gesellschaft meiner Meinung nach (z.B. Visionen, Respekt, Austausch)? Die Quadratmeter aller Teilnehmer*innen bilden gemeinsam eine Ausstellung im öffentlichen Raum, die Passant*innen zum Austausch einlädt. Während der Umsetzung treten die Teilnehmer*innen mit den Passant*innen in Kontakt. Dabei ist es wichtig, das Anliegen der Aktion deutlich zu machen. Die Trainer*innen können dazu Erklärungsplakate vorbereiten und sollten als Ansprechpartner*innen für Passant*innen zur Verfügung stehen. Nach der Aktion reflektieren die Teilnehmer*innen gemeinsam mit den Trainer*innen das Geschehene, z.B. mit Hilfe folgender Leitfragen:
- Was ist passiert? Welche unterschiedlichen Emotionen sind aufgekommen?
- Mussten die Teilnehmer*innen ihre Komfortzone verlassen?
- Was war gut/schlecht an der Erfahrung?
- Was war überraschend?
- Was würde man jetzt anders machen?
Ziel der Methode ist es, Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen und den eigenen Handlungsspielraum kennen zu lernen. Außerdem geht es darum, den eigenen Mut zu stärken und die Erfahrungen in den gesellschaftlichen Kontext einzuordnen.
Wenn die Aktion im öffentlichen Raum für eine Lerngruppe nicht geeignet ist, können die Trainer*innen die Methode auch abgeschwächt umsetzen - z.B. indem sie die Methode mit zwei unterschiedlichen Lerngruppen durchführen, die sich gegenseitig ihren Quadratmeter zeigen.
Nachrichtenserie „Demokratiebildung in der Erwachsenenbildung“
Der Sturm auf das US-Kapitol im Jahr 2021, Angriffe auf deutsche Politiker*innen während des EU-Wahlkampfes und das Erstarken demokratiefeindlicher Bewegungen zeigen, wie tief die Demokratie in der Krise steckt. Wie können wir sie schützen und gestalten? Unsere Nachrichtenserie beleuchtet, welche Rolle Demokratiebildung dabei spielt und informiert über Neuigkeiten, Projekte und Publikationen.
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