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Handeln in und gestalten von sozialen Räumen

04.07.2022, Text: Christoph Stoik, FH Campus Wien, Redaktion: Ondrej Lastovka, Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb)
Sozialräumliche Soziale Arbeit setzt sich mit sozialen Räumen auseinander - wie am Masterstudiengang für Sozialraumorientierung an der FH Campus Wien, bzw. bei der Tagung der Gemeinwesenarbeit am bifeb.
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, FH Campus Wien/Schedl, Menschen auf der Straße im Sommer., auf erwachsenenbildung.at
    Sozialräumliche Soziale Arbeit im Alltag.
Mit "Sozialer Arbeit" werden traditionellerweise individuelle Hilfen verbunden. Häufig wird an Bewährungshelfer*innen und Sozialarbeiter*innen vom "Jugendamt" oder vom "Sozialamt" gedacht. Soziale Arbeit hat sich aber seit jeher auch mit Gruppen, Communities, Stadtteilen und dem "Gemeinwesen" beschäftigt.

Wie hat sich sozialräumliche Soziale Arbeit historisch entwickelt?

Sie bezieht sich dabei z.B. auf die Settlementbewegung im angloamerikanischen Raum um 1900 oder auf Community Organizing in den USA. Im deutschsprachigen Raum fand während der Student*innen-Bewegung um 1968 mit der Gemeinwesenarbeit eine Politisierung der sozialen Arbeit statt. Dabei rückte nicht nur der physische Raum, sondern besonders auch die Gesellschaft in den Blick. Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung sollten thematisiert und bearbeitet werden. In gewisser Weise nahm diese Diskussion den sog. "spatial turn" der Sozialwissenschaften vorweg: Im Zuge dieser raumkritischen Wende wurde der Raum um 1990 zum empirischen und theoretischen Gegenstand von Kultur- und Sozialwissenschaften. Weil Raum sozial hergestellt wird, verschob sich die Auseinandersetzung von physischen Raum zum Wechselverhältnis von gesellschaftlichen Strukturen, menschlichem Handeln und sozialen bzw. physischen Räumen. Mit dem spatial turn wurde auch in der Sozialen Arbeit eine systematische Auseinandersetzung mit sozialen Räumen ausgelöst.

Wie manifestiert sich sozialräumliche Soziale Arbeit im Alltag?

Soziale Arbeit ist auf ganz unterschiedlichen Ebenen mit sozialen Räumen konfrontiert. Sie agiert in öffentlichen Räumen wie bei Streetwork oder der offenen Jugendarbeit, sie gestaltet Einrichtungen, sie gestaltet Settings der Beratung in Einrichtungen und sie bringt sich in die Gestaltung öffentlicher Räume und in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ein. Mit dem spatial turn findet in der Sozialen Arbeit nun eine systematischere Auseinandersetzung mit der Herstellung und dem Agieren in sozialen Räumen statt. Das wirkt sich auf die Forschung aus, aber auch auf die Ausbildung von Sozialarbeiter*innen.

Wie gelange ich in das Berufsfeld der sozialräumlichen Sozialen Arbeit?

Im Masterstudiengang für Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit bildet der Vertiefungszweig "Sozialraumorientierung" genau dafür aus. Vermittelt werden Kompetenzen des professionellen Handelns in Offener Jungendarbeit, Streetwork und der Arbeit im Wohnungslosenbereich sowie in der Gemeinwesenarbeit in der Stadt- und Regionalentwicklung. Aber auch Forschungskompetenzen stehen im Studium im Fokus. Spezielle Methoden der Sozialraumanalyse werden ebenso behandelt wie die Anwendung von qualitativer und quantitativer empirischer Methoden, mit dem Ziel, dass Absolvent*innen Phänomene im sozialen Raum möglichst breit verstehen. Um sich auch in öffentliche Diskurse einbringen zu können findet darüber hinaus eine Beschäftigung mit Gesellschaftsanalysen statt, u. a. mit sozialen Ungleichheiten und urbanen Transformationen. Das vollakademische Studium steht nicht nur Sozialarbeiter*innen offen, sondern auch Absolvent*innen anderer Bachelorstudien der Kultur- und Sozialwissenschaften, Politikwissenschaften, der Bildungswissenschaften sowie anderer Raumwissenschaften (Planung etc.). Für das Studium ab Mitte September 2022 ist es noch möglich, sich bis 21.8.2022 zu bewerben. Der Masterstudiengang für Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit steht außerdem im Rahmen der Organisierung der Gemeinwesenarbeit-Tagungsreihe am bifeb in einer langjährigen Kooperation mit dem Kompetenzzentrum bifeb, wodurch auch die Fortbildungsschiene bespielt wird. Das Thema "Handeln in und gestalten von sozialen Räume" wird in der diesjährigen GWA-Tagung am bifeb aufgegriffen.

Welche Fortbildungsmöglichkeiten gibt es im Bereich der Sozialräumlichen Sozialen Arbeit?

Am bifeb findet im Herbst 2022 (19. - 21. Oktober 2022) eine Tagung der Gemeinwesenarbeit mit dem Thema "Raum (zurück)gewinnen für eine emanzipatorische und solidarische Gesellschaft" statt, worin gemeinsam die Fragen der Gestaltung von sozialen Räumen sowie der Nutzung dieser für die Erwachsenenbildung, Gemeinwesenarbeit, Kulturarbeit und soziale Begegnungen bearbeitet werden. Das vorrangige Ziel dieser Tagung ist es, die Teilnehmenden durch das erneute Reflektieren - interpersonal / intergruppal - in einen regen Diskurs zu versetzen, um eine neue Sichtweise für Wahrnehmungen von Fragestellungen und Lösungsansätzen zu ermöglichen, die die Teilnehmenden dann in ihren jeweiligen individuellen und gesellschaftlichen Positionen erproben und umsetzen können. Für die GWA-Tagung werden Anmeldungen ab sofort erbeten.

 

Über den Autor: Christoph Stoik ist an der FH Campus Wien im Bereich Soziale Arbeit tätig und ist Mitglied der Steuerungsgruppe der Werkstätte Gemeinwesenarbeit (GWA) am bifeb.

Dieser Text ist nicht lizenziert, die Rechte liegen beim Urheber / bei der Urheberin. Er darf ohne Erlaubnis zur Verwertung nicht verwendet werden.
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