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Gemeinwesenorientierte Erwachsenenbildung sucht Begegnung

07.12.2020, Text: Andrea Koppitsch, Redaktion: Doris Rottermanner, Kärntner Bildungswerk/Ring ÖBW
Ein Blick auf den Umgang mit covidbedingten Veränderungen im Bildungsehrenamt aus Sicht zweier Ehrenamtlicher.
  • Foto: Pixabay Lizenz, Bild von silviarita auf Pixabay., https://pixabay.com/de/photos/frauen-freundinnen-natur-3394510/
    Gemeinwesenorientierte Erwachsenenbildung lebt vom persönlichen Kontakt, vom Zusammentreffen in der Gemeinschaft - auch in Zeiten der Pandemie.
Gemeinwesenorientierte Erwachsenenbildung lebt vom persönlichen Kontakt, vom Zusammentreffen in der Gemeinschaft. "Lernen" wird möglich durch gemeinsames Nachdenken, Tun und Handeln. Was passiert aber, wenn – wie 2020, im von Social Distancing geprägten Jahr der Pandemie – dieser Raum für persönliche Begegnungen nicht mehr möglich ist? Wie gehen jene Menschen mit den Veränderungen um, die sich tagtäglich freiwillig engagiert in ihren Gemeinden und Regionen auf sehr persönlicher und sozialer Ebene um Mitgestaltung, Gemeinschaft und das Gesellschaftsleben bemühen? Und welchen Beitrag kann die (allgemeine) Erwachsenenbildung leisten, um diese Menschen zukünftig bei der Gestaltung ihres Lebensraums zu unterstützen?

Persönliche Sichtweisen zum veränderten Bildungs-Ehrenamt

Das Kärntner Bildungswerk – ebenso wie seine Partnerorganisationen im Ring österreichischer Bildungswerke – berät, begleitet und unterstützt Menschen, die sich um die Gestaltung ihres Lebensraums bemühen. Als eine der Ansprechpersonenen für gemeinwesenorientierte Aktivitäten im Kärntner Bildungswerk ist es mir ein Anliegen, kreative und inspirierende Möglichkeiten des Umgangs mit den aktuellen Herausforderungen aufzuzeigen. Dafür führte ich exemplarisch mit zwei besonders engagierten Ehrenamtlichen telefonische Interviews durch. Neben der Frage zum persönlichen Umgang mit der Corona-Krise, sprachen wir über Möglichkeiten der Vernetzung innerhalb ihrer Vereine/Initiativen und über Ideen, um zukünftig im Ehrenamt, im Ort und der Gemeinde im Gespräch bleiben zu können.

 

Die Sichtweisen sind freilich sehr persönlich und subjektiv. Dennoch geben Sie Einblicke in den doch sehr veränderten Alltag jener Menschen, die gemeinwesenorientierte Erwachsenbildung "leben". Außerdem motivieren sie dazu, weiter aktiv zu bleiben, wenn auch unter veränderten Bedingungen.

 

Im Folgenden möchte ich die Antworten bzw. Gesprächsergebnisse von drei gestellten Fragen skizzieren, zusammenfassen bzw. auch aus den Interviews zitieren. Die interviewten Personen waren Judith Spicker, Obfrau des Vereins "Kärntner Bildungswerk Keutschach am See/ Hodiše", und Helmut Kutej, unter anderem Botschafter der Volkskultur, Chorleiter, Mitgestalter der Kulturinitiative Bleiburg und des Vereins Miteinander-Füreinander.

Verstecken, Reflektieren, neu denken?

Aus beiden Gesprächen zusammenfassend ergeben sich mehrere Möglichkeiten, mit der Corona-Pandemie bzw. den (gesetzlichen) Einschränkungen umzugehen:

 

Den Kopf in den Sand stecken, alles rund herum geschehen lassen und eher gelähmt auf die täglich neuen Situationen unseres Alltags entsprechend reagieren, ist für die beiden GesprächspartnerInnen kaum die Wahl. Alle seien doch bemüht, das Beste aus der Situation zu machen – natürlich sehr oft mit großen Anstrengungen und Mehrfachbelastungen, aber dennoch.

 

Wir könnten uns, soweit es irgendwie geht (und nicht das Homeschooling der Kinder neben dem eigenen Homeoffice zu bewältigen ist), auch einfach entspannen, die Ruhe zulassen, in unseren Garten gehen, die Natur genießen und die nun stillere Zeit dazu nutzen, die Dinge bewusst wahrzunehmen, Kraft zu tanken und zu genießen. Herr Kutej dazu: "Mein Hobby, die Fotografie, bekommt wieder Platz in meinem Leben. Ich nutze Foren, um mich auszutauschen, besuche Webinare zur eigenen Weiterbildung. Es sind einige Fotobücher entstanden und nun mache ich beim weltweit größten Fotowettbewerb mit."

 

Best Case wäre wahrscheinlich, wichtigste Pflichten zu meistern und jene Zeiträume, die ansonsten mit Terminen übersät waren, zu nutzen: zum Rasten, Energie tanken und zum Nachdenken, sich (und vielleicht auch die Dinge um sich herum) neu ordnen, so die beiden Ehrenamtlichen. Judith Spicker erzählte dazu, dass die Zeit der Lockdowns von einigen Vereinsmitglieder für Weiterbildungsveranstaltungen genutzt wurde und zur Reflexion über die Struktur und inhaltliche Ausrichtung des Vereins. Und nicht selten tauchen neue Inspirationen und Ideen bei der Bewegung an der Luft, dem Nachgehen von (alten) Hobbies, der Arbeit im Garten und dem Loslassen auf.

 

Was aber dann? Gemeinwesenorientierte Arbeit, das gemeinsame sich Einsetzen für die Gemeinde, das Entwickeln von Aktivitäten der örtlichen Bildungs- und Kulturarbeit brauchen Ideen und Anliegen der Menschen, die vielleicht durch Auszeiten entstehen. Auch die Reflexion über die eigene ehrenamtliche und die gemeinsame Arbeit ist wesentlich, um sich neu zu orientieren. Irgendwann braucht es aber auch wieder die Begegnung, den Austausch, die persönliche Vernetzung, um letztlich zum gemeinsamen Handeln zu gelangen. Judith Spicker meint dazu: "Was uns wirklich fehlt in Corona-Zeiten ist ein Treffpunkt, in unserem Fall neben dem Gemeinschaftsgarten, das Wirtshaus, als Ort, um Visionen zu entwickeln und planerisch umzusetzen. Erst durch diese herausfordernde Zeit ist uns bewusst geworden, wie wichtig persönliche Zusammenkünfte in lockerer Atmosphäre sind, gemeinsam zu essen und zu trinken - ohne Angst und Abstandsregeln. Mich inspirieren persönliche Begegnungen, und es ist wichtig, Orte zu haben, an denen das möglich ist."

Begegnung im Ehrenamt in Zeiten der Pandemie

Über die Fülle der Antworten auf die Frage, welche Möglichkeiten zur Begegnung in der Gemeinschaft trotz gesetzlicher Einschränkungen umgesetzt wurden, waren sowohl meine GesprächspartnerInnen als auch ich selbst erstaunt:

 

Judith Spicker erzählte von Gartenworkshops, einer Pflanzentauschbörse, einer Kräuterwanderung und Vorträgen, die unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln im Gemeinschaftsgarten umgesetzt werden konnten. Auch die Begegnung im Garten zwischen den BeetbesitzerInnen und jenen, die beim Vorbeigehen über den Zaun spähten, war immer wieder, vor allem im Sommer bei gelockerten Vorgaben, gut möglich. Es wurde praktisches Wissen ausgetauscht und weitergegeben, über soziale Medien überschüssiges Gemüse, wie zum Beispiel Kürbisse, angeboten und verschenkt. "Insgesamt hatten wir Zeit zum Nachdenken, neue Ideen zu spinnen. Ausgetauscht haben wir uns über diverse soziale Kanäle wie Facebook, WhatsApp, aber auch per Mail und Telefon. Es war Zeit zum Berichte schreiben für die Gemeindezeitung, für ein Buch über das Vereinsleben in der Gemeinde und den KulturSpiegel, der Zeitschrift des Kärntner Bildungswerks."

 

Auch Helmut Kutej berichtete davon, dass soziale Kontakte im kleinen Rahmen stattgefunden haben, alles unter Einhaltung der Vorgaben. Die Zeit des ersten Lockdowns wurde für die Produktion eines Theaterstückes genutzt, dass schließlich im Sommer, als die Einschränkungen gelockert wurden, aufgeführt werden konnte. "Beim Nachdenken, was wir mit dem Florianisingen machen sollten, kam uns die Idee, statt des Singens von Haus zu Haus Postkarten zu gestalten und Palmbuschenkreuze zu basteln. Wir teilten uns die Haushalte auf, besuchten die Menschen im Freien mit Abstand und übergaben Ihnen die Karte samt Kreuz. Auch wenn nicht gesungen wurde, die Menschen freuten sich sehr darüber", erzählte Kutej.
Einiges wurde digital umgesetzt: ein musikalisches Online-Treffen zur Osterzeit, der erste virtuelle Kirschblütenlauf sowie Kochrezepte, die gegenseitig ausgetauscht wurden, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

Kontaktpflege im Ehrenamt – die Aufgaben der Erwachsenenbildung

Helmut Kutej: "Eine Idee wäre, eine Plattform zu schaffen, auf der Vereine sich selbst, aufgenommene Videos oder Lieder hinaufstellen könnten. So könnte bereits im Advent ein 'virtuelles Adventsingen' stattfinden. Die Plattform könnte dann weiter bespielt werden, zum Beispiel im Fasching mit Aufnahmen der Vereine, zu Ostern mit Osterbräuchen."
Wie wichtig eine Plattform für den Austausch untereinander ist, wurde durch die Gespräche ebenfalls deutlich – hier bieten sich ebenfalls digitale Möglichkeiten, beispielsweise "Veranstaltertreffen" über Videokanäle an. Ein Lernen voneinander bzw. ergänzend durch einen Input zu einem bestimmten Thema, stehen dabei im Vordergrund.

 

Ein weiterer Vorschlag für die zukünftige Begegnung der Menschen eines Ortes oder Region, die sich aus beiden Gesprächen ergab, war die Idee eines Fotowettbewerbs - für Vereine, aber auch Einzelpersonen. Judith Spicker und ihr Team haben dazu bereits ein konkretes Projekt geplant: "Unser neuestes Projekt nennt sich 'EIN-UM-AUS-Blicke'. Es geht hier um die schönsten Orte in der Gemeinde. Es handelt sich dabei um ein identitätsstiftendes Kleinprojekt, es dient der innerörtlichen Vernetzung und Förderung der Kommunikation zwischen den BewohnerInnen des Ortes. Durch den Austausch über die subjektiv schönsten Plätze in den einzelnen Ortsteilen sollen die BewohnerInnen ihre Gemeinde besser kennenlernen. (...) Zehn Fotos werden letztlich mit Hilfe eines Online-Tools ausgewählt und prämiert, eine kleine Projektbroschüre gestaltet und eine Fotoausstellung veranstaltet."

 

 

Für uns als Erwachsenenbildungseinrichtung gilt es, konkrete Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten zu schaffen, damit gemeinwesenorientierte Aktivitäten weiter stattfinden können. Dafür braucht es vor allem auch die Offenheit gegenüber den Anliegen unserer ehrenamtlichen AkteurInnen. Hierzu können Plattformen für einen offenen Dialog dienen, die in digitaler Form eingerichtet werden können. Ein Austausch über Aktivitäten der AkteurInnen selbst sowie kurze Inputs zu bestimmten Themen (Vorstellung von Fotoprojekten und der Aktion "Natur im Garten", Beschäftigung mit Kulturgütern der Gemeinde, Suche nach den "Juwelen" des Ortes usw.) könnten erste Schritte sein. Letztlich gilt es, gemeinsam Aktivitäten zu entwickeln, die den Anliegen der Menschen im Ort entsprechen und die auch von diesen umgesetzt und weitergetragen werden können. Die persönliche Begegnung spielt dabei eine wesentliche Rolle.

 

Helmut Kutej: "Sich im Schneckenhaus zurückzuziehen, ist nicht ideal. Es ist wichtig, die Zeit zu nutzen, darüber nachzudenken, was wir tun können."

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