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COVID-19: Erwachsenenbildung darf nicht vernachlässigt werden

27.04.2020, Text: Daniel Baril, UNESCO; Deutsch: Jennifer Friedl, Redaktion/CONEDU, Redaktion: Lucia Paar, Redaktion/CONEDU
Seit Beginn der Pandemie hat sich das Krisenmanagement in der Bildung auf Kinder und Jugendliche konzentriert. Erwachsenenbildung sei ebenso wichtig, meint Vorsitzender des UNESCO-Instituts für Lebenslanges Lernen Daniel Baril.
  • Foto: Pixabay Lizenz, Wokandapix, https://pixabay.com
    Regierungen müssen in der Krise auch Erwachsenenbildung stärker in den Fokus nehmen, so Baril.
Die COVID-19-Pandemie erschüttert unsere Gesellschaften und testet unsere Handlungsfähigkeit bis an die Grenzen. Jeder große Gesellschaftsbereich muss einen Beitrag leisten, sei es durch die Betreuung und Unterstützung der Infizierten, die Eindämmung der Ausbreitung des Virus oder die Sicherstellung der Versorgung von Familien mit essentiellen Gütern und Dienstleistungen. Auch vom Bildungssektor wird viel verlangt, insbesondere angesichts der Entscheidung der Regierungen, Schulen und andere Bildungseinrichtungen zu schließen.

Erwachsenenbildung wird nicht ausreichend beachtet

Die Bildungsministerien haben die Bildungseinrichtungen ermutigt, Online- und Fernunterricht zu nutzen, um ein kontinuierliches Lernen zu gewährleisten. Die Erwachsenenbildung hat jedoch noch nicht die Aufmerksamkeit der Regierungen auf sich gezogen. So wurde die öffentliche Erwachsenenbildung bei den ersten Regierungsentscheidungen zur Krise nicht berücksichtigt. Die Sorge, dass beständige Lernmöglichkeiten vielleicht nicht weiterhin möglich sein werden, beschränkte sich auf das Lernen von Kindern und Jugendlichen.

Menschen nutzen Online- und Fernunterricht für Zeit in Isolation

Über staatliche Maßnahmen hinaus ist klar, dass die Erwachsenenbildung keineswegs inaktiv ist. Der private Online-Schulungsmarkt nutzt die einmalige Gelegenheit, seine Dienste bekannt zu machen. Darüber hinaus lernen Personen, die in Isolation zu Hause sind, online - auf unterschiedliche Art und Weise und zu verschiedenen Themen.

Mehr Aufmerksamkeit für die Bildung Erwachsener

Angesichts dessen, dass viele Angebote in ursprünglich geplanter Form nicht stattfinden können, denken Anbieter der Erwachsenenbildung nun über die Umsetzung von Notfallplänen nach. Einige sind möglicherweise in der Lage, ihre Angebote anzupassen, während dies für andere, deren pädagogischer Ansatz auf dauerhaften persönlichen Beziehungen und face-to-face beruht, unmöglich ist. Es wird eine Weile dauern, bis die Situation geklärt ist, insbesondere wenn die Schließung von Organisationen anhält.

 

Erwachsenenbildung hat selten staatliche Priorität. Eine Ausnahme bildet nur die berufliche Bildung, um der Nachfrage und dem Angebot von Qualifikationen am Arbeitsmarkt gerecht zu werden, insbesondere um Arbeitskräftemangel zu entgehen. Während Bildung von Kindern und Jugendlichen als wichtig angesehen wird, wenn es um die Priorisierung von Bildungsmaßnahmen geht, bleibt Erwachsenenbildung auch im Kontext des Krisenmanagements ein marginales Tätigkeitsfeld. Es wird speziell dann abgerufen, wenn es darum geht Notfälle zu bewältigen: zum Beispiel bei geringer Literalität von Erwachsenen, wenn Bildungsabschlüsse fehlen oder bei Missverhältnissen zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Die öffentliche Bildungspolitik bemüht sich immer noch, die Perspektive des lebenslangen Lernens, die sie seit der Wende der 1970er Jahre ausgerufen hat, umzusetzen.

Erwachsenenbildung als wichtiger Bestandteil moderner Gesellschaften

Wie in der letzten Zeit die Zunahme von Gesundheitsbildung und die hohe Nachfrage nach digitalen Kompetenzen, persönlichen Finanzmanagementfähigkeiten und Elternkompetenzen gezeigt haben, ist die Erwachsenenbildung ein grundlegender Bestandteil für das Funktionieren moderner Gesellschaften, die von den Menschen immer mehr Wissen und Fähigkeiten verlangen. Aus diesem Grund gilt es, beständige Lernmöglichkeiten auch für Erwachsene, öffentliche Bildungseinrichtungen, für Netzwerke von Gemeinschaftsorganisationen und Arbeitskräfte aufrecht zu erhalten, unabhängig davon, ob Menschen noch erwerbstätig oder zwangsarbeitslos sind. Spezifische Maßnahmen in dieser Richtung sollten ergriffen werden.

 

Zweifellos ist die Bildung von Kindern und Jugendlichen von wesentlicher Bedeutung, da die Zukunft unserer Gesellschaften auf dem Spiel steht. Die Erwachsenenbildung ist jedoch wichtig, um die Gesellschaft der Gegenwart sicherzustellen. Beispielsweise basiert unsere Fähigkeit, diese Krise zu bewältigen, auf dem Wissen und den Fähigkeiten, die Erwachsene erworben haben. Der Ansatz der Bildungspolitik – nur die Bildung von jungen Menschen zu priorisieren und die Erwachsenenbildung zu vernachlässigen - entspricht nicht mehr der Realität von Gesellschaft, in der Wissen sowohl in gewöhnlichen wie insbesondere in Krisenzeiten ein Entwicklungsmotor ist.

 

Daniel Baril ist Vorsitzender des UNESCO-Instituts für Lebenslanges Lernen (UIL) und Generaldirektor des kanadischen Instituts für Zusammenarbeit in der Erwachsenenbildung (ICEA). Der vorliegende Gastbeitrag ist am 2. April am Lifelong Learning Blog des UIL erschienen und wurde von Jennifer Friedl/Redaktion erwachsenenbildung.at mit freundlicher Genehmigung des Autors ins Deutsche übertragen.

Dieser Text ist nicht lizenziert, die Rechte liegen beim Urheber / bei der Urheberin. Er darf ohne Erlaubnis zur Verwertung nicht verwendet werden.
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