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Gesichter des Lernens

09.03.2020, Text: Doris Rottermanner, Kärntner Bildungswerk/Ring ÖBW
Auf der Suche nach Lösungswegen der Großmüttergeneration lernen junge Frauen im Projekt "An den Ufern der Drau" mehr über die Region und über sich selbst.
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, © Kärnten Werbung, Daniel Zupanc - Frühsommer an der Drau , Frühsommer an der Drau, auf erwachsenenbildung.at
    Ein Leben an den Ufern der Drau - Herausforderungen und Chancen in Vergangenheit und Zukunft.
Seit Ende 2019 trifft sich eine Gruppe von jungen Frauen, um über Herausforderungen und Chancen des Lebens in der Unterkärntner Region an den Ufern der Drau in Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Im Zentrum dieser Überlegungen steht die Sicht der heutigen Großmüttergeneration, deren Lebenserfahrungen und Bedürfnisse in jungen Jahren eine nachrangige Rolle spielten. Heute bieten diese Anhaltspunkt zur Reflexion über die Entwicklung und Gegenüberstellung der Anforderungen an Frauen und deren Lösungswege damals und heute. Drei Spannungsverhältnisse dienen dabei als Grundlage zur Suche nach Lösungswegen und Lernansätzen: Familiäre Verpflichtungen vs. der Wunsch nach persönlicher Verwirklichung, gesellschaftliche Normen vs. individuelle Sehnsüchte, männlich dominiertes (politisches) Geschehen vs. Haltungen, Gedanken- und Gefühlswelt der Frauen.

Von Alltagsheldinnen und regionsrelevanten Persönlichkeiten

Die insgesamt fünf engagierten Frauen setzen sich auf unterschiedliche Weise persönlich-kreativ mit den damaligen Lebensbedingungen, Handlungsmöglichkeiten und persönlichen Lösungswegen im Vergleich zu den eigenen heute auseinander. Eine der Frauen macht sich zum Beispiel gemeinsam mit ihrer eigenen Oma – Oma Lissi – durch lebensgeschichtliche Gespräche auf die Suche nach Themen, die für das Leben der Großmutter bezeichnend und erzählenswert sind. Eine andere junge Frau widmet sich hingegen einer bereits verstorbenen regionsrelevanten Persönlichkeit, indem sie sich mit Material über diese Person beschäftigt und versucht, so individuelle Lösungswege zu identifizieren.

 

Die Erkenntnisse werden im Laufe des Jahres 2020 kreativ zu einer Ausstellung aufbereitet. Dabei soll unter anderem eine "Wall of fame" entstehen, die informell wichtige weibliche Persönlichkeiten aus der Unterkärntner Region rund um Völkermarkt von damals und heute sichtbar macht. Dabei soll immer der Bezug auf persönliche Lösungswege zu vergangenen und aktuellen Spannungsverhältnissen im Leben dieser Frauen im Zentrum stehen. Ziel ist, damalige Herausforderungen und Chancen mit ganz persönlicher Beziehung auch für Außenstehende erlebbar zu machen.

Dialogischer Lernprozess statt "nur" Lernergebnis

Die Gruppe der Frauen, die sich mit der Großmüttergeneration und deren alltäglichen Herausforderungen beschäftigt, setzt sich ganz unterschiedlich zusammen. Sie verbindet in erster Linie das Interesse am damaligen Leben in der Region, in der sie selbst beheimatet sind oder zu der sie einen persönlichen Bezug haben. Ansonsten bringt jede Frau eigene Zugänge, biografische Hintergründe und Erfahrungen und vor allem Interessen am Thema mit. Diese gilt es, in einem gruppeninternen Aushandlungsprozess auf ein gemeinsames Verständnis in Bezug auf Produkt (Form einer geplanten Ausstellung) und Inhalt (Schwerpunkt dieser Ausstellung) zu bringen.

 

Dieser Aushandlungsprozess findet primär in monatlichen Treffen statt. Darüber hinaus werden Fragestellungen, Ideen, Anregungen und Informationen in einem sogenannten Padlet – einer virtuellen Pinnwand – gesammelt, die allen Mitgestalterinnen zum Austausch zur Verfügung steht.

Versteckte Lernprozesse sichtbar machen

Insgesamt geht es im Projekt neben der Auseinandersetzung mit dem Leben der Großmüttergeneration und damit verbundenen Anforderungen darum, in der Gruppe in Austausch zu treten sowie voneinander und durch eigene Reflexionsprozesse über sich selbst zu lernen. Fragen zur eigenen Identität (wer bin ich in meiner Region, was kann ich in meinem Lebensumfeld bewirken und beitragen) führen zu einem neuen und veränderten Bewusstsein für eigene Heimat und Region in Relation zum eigenen Selbst.

 

Diese inneren Reflexionsprozessen werden manchmal – bei genauem Hinsehen – nach außen sichtbar. Das zeigt sich beispielsweise, wenn eine der Frauen vom "Woazanan" erzählt, den die Oma "drei Rosenkränze lang" im Ofen gebacken hat und ihre Augen während des Erzählens zu leuchten beginnen. Solche Momente, in denen sich bei den Projektteilnehmerinnen offensichtlich etwas regt, werden im Projekt durch sogenannte "Vignetten" als neutrale Beobachtungsnotizen eingefangen. Sie dienen im Anschluss für die am Projekt beteiligte Wissenschaftlerin Irene Cennamo als Grundlage, die in solchen Momenten vorerst versteckten Lernprozesse zu analysieren und durch das Schreiben einer interpretativen Lektüre sichtbar zu machen. Methodisch einzuordnen ist diese Vorgehensweise in die Vignetten- bzw. Anekdotenforschung, die primär im schulischen Kontext eingesetzt wird.

 

Durch die Adaption in die Erwachsenenbildung möchte das Kärntner Bildungswerk zeigen, wie unterschiedlich Lernprozesse außerhalb eines typisch formalen Settings und mit Fokus auf einen partizipatorischen Ansatz und dialogischen Zugang aussehen können.

Hintergrund: das Projekt "An den Ufern der Drau"

Die Gruppe der Frauen ist nur eine von insgesamt drei repräsentativen Gesellschaftsgruppen, die sich im Zeitraum von Mai 2019 bis Oktober 2020 mit Fragen rund um das Leben in der Region "an den Ufern der Drau" beschäftigt. Im Projekt "An den Ufern der Drau" der Kärntner Bildungswerk Betriebs GmbH wird auf Erinnerungsarbeit im Unterkärntner Bezirk Völkermarkt durch unterschiedliche Perspektiven drei wesentlicher Gesellschaftsgruppen gesetzt: Kulturvereine, Jugendliche und Frauen. Ziel ist die Erstellung von Kulturprogrammen, die in partizipativer, demokratischer und prozessorientierter Arbeitsweise entstehen.

 

Anlass für dieses Projekt gibt das 100-jährige Jubiläum der Kärntner Volksabstimmung über den Verbleib der mehrsprachigen Regionen Unterkärntens bei Österreich. Landesweit wird dieses Ereignis im Format "CarinthiJA 2020" des Landes Kärnten durch 89 Projekte aufbereitet und gefeiert.

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