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Die Geschichte der Fremdsprachendidaktik

23.07.2012, Text: Adrian Zagler, Online-Redaktion
Fremdsprachenunterricht vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert: Ein Rückblick auf einen wechselvollen Wandlungsprozess. (Serie: Fremdsprachendidaktik heute, 1)
Die Beherrschung mindestens einer Fremdsprache ist in der Praxis eine Schlüsselkompetenz. Dies bestätigte die Europäische Kommission im Jahr 2000 auf dem Lissabonner Gipfel. Fremdsprachenunterricht ist längst ein elementarer Teil der Schul- und Erwachsenenbildung. Die Artikelserie "Fremdsprachendidaktik heute" auf erwachsenenbildung.at beschäftigt sich in den nächsten Wochen mit der Frage, was die Fremdsprachendidaktik in der Erwachsenenbildung so besonders macht, beleuchtet das zentrale Konzept der "Fremdsprachenkompetenz" und stellt einige PraktikerInnen vor.

Umso mehr lohnt es sich, einen Blick auf die Geschichte der Fremdsprachendidaktik zu werfen, die vor allem in den letzten 100 Jahren von Umbrüchen gekennzeichnet ist. Mittlerweile stehen bei der Sprachendidaktik die Lernenden im Mittelpunkt: Ihre Bedürfnisse strukturieren den Unterricht - so zumindest lautet der Anspruch. Besonders in der Erwachsenenbildung hat die Lernbegleitung gegenüber der herkömmlichen Belehrung im Frontalunterricht stark aufgeholt. Hinter dieser Neuorientierung liegt ein langer Prozess einander abwechselnder Methoden. Auch wenn viele dieser Methoden längst überholt sind, wirken sie in einzelnen Aspekten doch bis heute nach.

Die Grammatik-Übersetzungsmethode
Die Grammatik-Übersetzungsmethode ist möglicherweise das älteste Modell eines organisierten Fremdsprachunterrichts, erklärt Louis G. Kelly in seinem Buch "25 Centuries of Language Learning". Besonderer Beliebtheit erfreute sie sich im deutschen Sprachraum in mittelalterlichen Klosterschulen und neuzeitlichen Gymnasien, besonders im Lateinunterricht. Die beiden Kernfelder des Unterrichts sind - wie der Name bereits sagt - die Lehre der Grammatik und das Einüben durch Übersetzungen. Die Lernenden müssen grammatische Regeln abstrahierend auswendig lernen, und diese durch Übersetzungen und Lückentexte festigen. Die Unterrichtseinheiten werden um grammatische Themengebiete herum organisiert. Ist die grundsätzliche Grammatik verinnerlicht, werden Texte von der Zielsprache in die Muttersprache übersetzt. Leseverständnis ist das Hauptziel dieses Unterrichts, und die Schriftsprache die Messlatte der Sprachkompetenz. Besonders sogenannte "tote" Sprachen wie Latein werden auch heute noch auf diese Weise unterrichtet.

Direkte Methode
1882 publizierte Wilhelm Viëtor die Streitschrift Der Sprachunterricht muss umkehren! Darin prangerte er die Grammatik-Übersetzungsmethode als lebensfern an. Viëtor entwickelte Reformen, indem er einerseits die Fremdsprache auch zur Unterrichtssprache machte und andererseits auf Übersetzungsübungen verzichtete. In der direkten Methode wird Grammatik außerdem nicht mehr frontal gelehrt - die Lernenden sollen stattdessen grammatische Regeln aus einer Reihe von Beispielsätzen induktiv ableiten und damit selbst entdecken. Die direkte Methode stellt auch die gesprochene Sprache über die Schriftsprache. Korrekte Aussprache ist eines ihrer Hauptziele.

Die Audiolinguale Methode
Die Audiolinguale Methode stützt sich auf ein behavioristisches LernerInnenkonzept. Lernen wird als das Einüben von Mustern gesehen. Lernende werden in Sprachlaboren mit Phrasen der gesprochenen Zielsprache konfrontiert und müssen diese laut wiederholen oder ergänzen. Das Ziel ist, dass die Lernenden dadurch "Sprechgewohnheiten" oder "Sprachreflexe" ausbilden. Vorbild dafür waren Untersuchungen zu kindlicher Sprachentwicklung. Die Audiolinguale Methode ist ebenfalls eine Antwort auf die Grammatik-Übersetzungsmethode: Der Fokus liegt nicht mehr auf Texten und der elitären Schriftsprache, sondern auf der gesprochenen Sprache in Alltagssituationen. Die Lernenden üben Bausteine der Fremdsprache ein und sollen dadurch in der Lage sein, diese selbstständig zu neuen Sätzen zu verknüpfen. Die Audiolinguale Methode ist besonders im Aussprachetraining nützlich und unterstützt das Hörverständnis.

Kommunikative Methoden
1974 ist das Jahr der "Kommunikativen Wende" im Fremdsprachunterricht. Ihr Pionier Hans-Eberhard Piepho wandte sich gegen die behavioristische Methode und die Einübung von Sprachreflexen. Stattdessen rückt mit der kommunikativen Wende authentische Kommunikation in den Vordergrund. Lernende sollen nicht nur auf Reize reagieren, sondern ihre eigenen Sprachbedürfnisse verwirklichen. Grammatisch richtige Sätze sind nicht das Hauptziel, wichtiger ist dagegen flüssige Kommunikation. Das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden wird neu gestaltet; beide sind (annähernd) gleichberechtigte Gesprächspartner. Kommunikative Methoden dienen vor allem dazu, Hemmungen im Sprachunterricht abzubauen und sind heutzutage weit verbreitet. Ihr partnerschaftlicher Ansatz bietet sich vor allem in der Erwachsenenbildung an.

Lernen durch Lehren
Die Methode "Lernen durch Lehren" (LdL) ist besonders mit dem Namen Jean-Pol Martin verknüpft. Beim LdL nehmen fortgeschrittenere SchülerInnen (s.o.) die Rolle der Lehrperson ein und unterrichten ihrerseits. Diese Methode war zwar bereits seit einigen tausend Jahren bekannt ("Discitur docendi"), wurde aber erst ab 1980 bewusst eingesetzt, um kognitive, behavioristische und kommunikative Ansätze zu vereinen. Dadurch, dass die Lernenden selbst zu Lehrenden werden, müssen sie sich intensiv mit den Strukturen der Fremdsprache beschäftigen, diese vermitteln und auch selbst benutzen, sowie darüber reflektieren. Zusätzlich zur Sprachkompetenz vermittelt LdL eine Reihe von Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Organisationsfähigkeit, Präsentation und Moderation, und ist damit als ergänzende Methode in der Erwachsenenbildung besonders interessant.

Neuere Entwicklungen
Die Fremdsprachendidaktik der letzten 40 Jahre zeichnet sich durch eine Vielzahl an unterschiedlichen Ansätzen aus, vom ganzheitlichen Lernen über kooperatives Lernen bis hin zum handlungsorientierten Unterricht. Ganzheitliches Lernen spricht nicht nur den Verstand der Lernenden an, sondern auch ihre Emotionen und Sinne. Das Gelernte wird erfahrbar und erfassbar gemacht; die Fremdsprache wird auf ähnlich intuitive und praktisch-orientierte Weise erlernt wie die Erstsprache. Kooperatives Lernen setzt besonders auf Gruppenarbeit und fördert damit im Alltag bedeutsame Sozialkompetenzen. Die Lernenden lernen nicht nur für sich selbst, sondern beeinflussen damit auch direkt den Lernerfolg der Gruppe. Handlungsorientierung im Fremdsprachunterricht bedeutet, dass die Lernenden jederzeit ein konkretes Ziel bzw. einen Zweck vor Augen haben, zu dessen Erreichung sie etwas lernen. Learning by doing, oder vielmehr: learning by communicating, wird hier großgeschrieben. Allen drei Ansätzen ist gemeinsam, dass sie die spezifischen Bedürfnisse der Lernenden in den Vordergrund rücken und den Unterricht daran ausrichten. Besonders im Bereich der Erwachsenenbildung lässt sich außerdem eine generelle Entwicklung in Richtung Lernendenautonomie und Selbstevaluation feststellen; durch Fragebögen, Portfolios, Gespräche und andere Methoden schätzen die Lernenden ihren eigenen Lernfortschritt kontinuierlich selbst ein und können den Lernprozess selbst individueller gestalten. Mehr dazu im nächsten Teil dieser Artikelserie.
Weitere Informationen:
  • Methodengeschichte des Fremdsprachunterrichts
  • Louis G. Kelly, 1969: 25 Centuries of Language Teaching. 500 BC. Newbury House Pub: Rowley, Mass. ISBN: 978-0912066004.
  • Karl-Richard Bausch, Herbert Christ und Hans-Jürgen Krumm (Hg.), 2003: Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen, Basel: Francke (UTB). ISBN 978-3-8252-8043-7.


Serie: Fremdsprachendidaktik heute

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