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Beim Reparatur-Spaziergang wird Bildung "auf die Straße" verlagert

08.02.2021, Text: Michaela Brötz und Julia Janovsky, Tiroler Bildungsforum, Redaktion: Julia Janovsky, Tiroler Bildungsforum/Ring ÖBW
TeilnehmerInnen erfahren spazierend, welche Betriebe im Ort Reparaturen durchführen und Wissenswertes über Handwerksbetriebe im eigenen Ort.
  • Reparatur-Spaziergang Foto: Alle Rechte vorbehalten, Michaela Brötz, auf erwachsenenbildung.at
    Beim ersten Reparatur Spaziergang posiert die Änderungsschneiderin stolz vor ihrer Nähmaschine in der Schneiderei vor Ort.
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, Michaela Brötz, auf erwachsenenbildung.at
    Von geflickten Lieblings-Sneakern und Fake-Nähten: aus dem Nähkästchen plaudert der örtliche Schuster.
Der Gedanke des Repair Cafés ist simpel: man möchte Menschen dazu motivieren, reparaturbedürftigen Dingen eine zweite Chance zu geben – anstatt in die Mülltonne zu werfen. "Repair Cafés sind wichtige Bildungsveranstaltungen mit sozialem und ökologischem Aspekt. Menschen lernen wieder einfache Handgriffe für Reparaturen und schonen so gleichzeitig unsere Umwelt." so Michaela Brötz von der Repair Café Koordinierungsstelle im Tiroler Bildungsforum. Bisher fanden in den letzten sieben Jahren 300 Repair Cafés in 52 Tiroler Gemeinden mit 13.000 Reparaturen und über 26.000 BesucherInnen statt.

 

Oft fehlt bereits die Erkenntnis, dass defekte Gebrauchsgegenständen Kleidung oder Geräte überhaupt wieder instand gesetzt werden können – oder das Wissen um den fähigen Handwerksbetrieb.

 

Zweiteres lässt sich beim Reparaturspaziergang anschaulich vermitteln: Die TeilnehmerInnen spazieren gemeinsam durch den Ort zu verschiedenen Betrieben und können sich so persönlich von den Fähigkeiten des örtlichen Handwerkers überzeugen, tragen die Erfahrungswerte weiter in den Freundes- und Familienkreis. Sie lernen die Unternehmen und deren Potential im eigenen Ort kennen. Sie erfahren, wo man etwas reparieren lassen kann, welche technischen oder handwerklichen Möglichkeiten offenstehen. Das Erfahren der Expertise im eigenen Dorf stärkt neben dem Wissensgewinn auch die Dorfgemeinschaft und regt zum Nachdenken an. Wie gehen wir sorgsam mit unseren Ressourcen um? Wo gelingt es, regionale Unternehmen zu stärken? Im Kontext der COVID Krise spielt zudem die Frage nach den finanziellen Ressourcen in wirtschaftlich schweren Zeiten eine Rolle und zeigt die Relevanz von Reparaturoptionen auf.

Von der Idee zur Umsetzung

Die Idee zu den Spaziergängen kam Barbara Wildauer von der Stadtzeitung der Stadt Schwaz und Michaela Brötz vom Tiroler Bildungsforum in der Zeit als Veranstaltungen rund um die Reparatur durch die Corona-Maßnahmen nur sehr schwer möglich waren. "Täglich kamen Anfragen zu Reparaturen, die ich in Ermangelung von Repair Cafés auf Grund des COVID bedingten Veranstaltungsverbotes gerne an die örtlichen Gewerbebetriebe weitergegeben hätte." erklärt Brötz. "Und da fiel mir auf, wie wenig ich doch über die örtlichen Betriebe weiß."
Das Konzept für den ersten Spaziergang war schnell aufgestellt. Während Frau Wildauer sich um die Fakten und Daten kümmerte, stelle Frau Brötz Fragen rund um die Reparatur. Anfangs war geplant, den Spaziergang für eine Publikation (in der Stadtzeitung und einem Blog der Tiroler Repair Cafés) zu nutzen. Nach dem ersten Spaziergang wurde aber den Organisatorinnen schnell klar, dass sich das Format auch als Bildungsveranstaltung für einen größeren Teilnehmerkreis eignen würde.

 

In der privaten Atmosphäre des Spazierganges findet auf gemütliche Art und Weise eine praxisnahe Wissensvermittlung statt. Die eigene Gemeinde bzw. Stadt wird als Lernort erfahren und den TeilnehmerInnen die Erfahrung des miteinander Erlebens und Austausches ermöglicht.

 

Es stellte sich heraus, dass drei bis vier Stationen ausreichend Inhalt bieten und der Besuch der Betriebe bestenfalls immer nach demselben Schema abläuft: Der Betrieb wird vorgestellt, der Teilbereich der Reparatur beschrieben, Problemfelder benannt. Ein zweiter Teil behandelt den praktischen Aspekt: Es gibt Tipps zur Wartung und Reparatur und abschließend werden die TeilnehmerInnen mit Fragemöglichkeiten mit ihren persönlichen Erfahrungen einbezogen. Bewährt hat sich, einige konkrete vorbereitete Fragen als ModeratorIn parat zu haben – um eventuell zu Beginn der Veranstaltung das Thema einzuleiten. Zum zeitlichen Ablauf lehrte die Erfahrung, dass pro Betrieb mindestens eine halbe Stunde einberechnet werden sollte, insgesamt pro Spaziergang daher mit ca. zwei Stunden zu rechnen war.

Michaela Brötz erzählt von erlebten Geschichten beim Spaziergang

Michaela Brötz: Bereits der erste Spaziergang war für alle – die Spaziergängerinnen und die Reparaturbetriebe ein Hit. Beim Messerschleifer durften wir hinter die Kulissen des charmanten Altstadtgeschäftes blicken und konnten so eine Werkstatt entdecken, wie sie vielleicht schon vor 100 Jahren hätte bestehen können.

 

Beim Handyreparateur erfuhren wir, dass es sein größter Wunsch wäre, Lehrlinge auszubilden, nur leider gäbe es den Lehrberuf "Handyreparateur" nicht. Auch er sei Autodidakt, erzählt uns der Inhaber der Firma Phoneblitz. Ob gesprungenes Display oder Akkutausch – er wage sich an alles. Als Alltagstipp gab er uns noch mit, dass man sich für ein 1.000 € teures Handy ruhig eine Versicherung spendieren sollte – die zahle sich sehr oft richtig aus.

 

Die Verkäuferin des Uhren- und Schmuckgeschäftes war sichtlich über unser Ansinnen, über Reparaturen in ihrem Geschäft zu berichten, überrascht. Ja, der Chef würde reparieren und nach etwas Nachdenken kam der Zusatz "sie würden sogar recht viel reparieren": Uhren, Schmuck auch, eigentlich eh alles. Wir wurden Augenzeuginnen, wie ein Verkaufsmitarbeiter eine große Stärke seines Betriebes für sich neu entdeckte und dabei sichtlich Spaß hatte!

 

Mit diesem Grundgerüst haben wir beim zweiten Spaziergang dann einer Tapeziererin bei ihrer Polstermöbelreparatur über die Schulter geschaut. Während unseres Besuches fiel dann der Firmenchefin noch ein, dass sie ja auch Parkettböden und Jalousien reparieren würden. Dass sich Betriebe selbst nicht als Reparaturbetrieb sehen, obwohl Reparaturen im Betrieb durchwegs an der Tagesordnung stehen, ist scheinbar keine Seltenheit.

 

Die Änderungsschneiderin kramte Reparaturschmankerln wie einen Webpelzmantel, eine "Jet Hose" und originelle Faschingskostüme hervor. Es gäbe keinen Stoff, den sie nicht nähen würde und schließlich posierte sie stolz für das Pressefoto vor ihren beeindruckenden Nähmaschinen.

 

Der Schuster gab uns bereitwillig Auskunft über seine Reparaturen, wie schlecht doch die Sohlen gekaufter Schuhe seien und wie ungeeignet für den Winter und dass viele Kundschaften Schuhe kaufen und noch ungetragen zu ihm bringen würden, um sich eine ordentliche Sohle aufziehen zu lassen. Schmunzelnd zeigte er uns seine aktuelle Reparatur – ein durchgelatschter Converse-Sneaker. "Muss wohl ein Lieblingsschuh sein!", dem er eine neue Sohle spendieren muss.
Über richtige Schuhpflege, Schuhspanner, Imprägnier-Sprays, Stiefelknechte ... die Informationen sprudelten nur so aus dem freundlichen Schuster hervor. Und schließlich stellt er uns einen schönen Herrenschuh auf den Tisch. "Sie glauben, das sei ein genähter Schuh?" lacht er verschmitzt. Alles Fake und zeigt uns auf das aufgeklebte Band, das über der Sohle aufgeklebt ist und die Illusion einer Naht erzeugt.

Nachmachen erwünscht: Unterstützung für BildungsplanerInnen

Das Tiroler Bildungsforum ist mit der Koordinierungsstelle Repair Café Tirol jederzeit bei der Planung eines Reparatur Spaziergangs durch die Gemeinde behilflich. Für interessierte OrganisatorInnen können die vorhandenen Repair Café Kontakte vor Ort kontaktiert und gemeinsam nach geeigneten Betrieben gesucht werden. Auch in der Bewerbung der Veranstaltung kann unterstützt werden: durch Bewerbung oder Zusammenarbeit mit der örtlichen Erwachsenenschulen oder Bekanntmachung bei Interessierten und Ehrenamtlichen über die Kanäle der Repair Café Koordinierungsstelle.

Weitere Informationen:
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