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Rezension: Studie zum Leben mit geringer Literalität in Deutschland

04.06.2020, Text: Monika Kastner, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt - Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung , Redaktion: Lucia Paar, Redaktion/CONEDU
Für die zweite LEO-Studie (2018) in Deutschland wurde nach der ersten Durchführung im Jahr 2010 der Fokus deutlich erweitert und Begriffe wurden geschärft.
  • Unsplah-Lizenz: Thought Catalog, bearb. durch CONEDU/Paar, unsplash.com
    Die LEO-Studie liefert Antworten auf die Frage, wie viele Menschen in Deutschland Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben und welche Auswirkungen dies hat.
Bereits die erste LEO-Studie (2010) konnte zeigen, dass die deutsche Gesamtpopulation gering literalisierter Erwachsener im Vergleich zu jenen mit höheren Lese- und Schreibkompetenzen nicht generell von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen ist, sondern in einem (im Vergleich mit Grundbildungsteilnehmenden unerwartet) hohen Ausmaß in Erwerbsarbeit und soziale Beziehungen eingebunden ist. Gleichzeitig besteht im Hinblick auf das Einkommen ein erhöhtes Risiko, und auch Teilhabeausschlüsse im Bereich der Weiterbildung sind festzustellen. Auch weitere Einschränkungen hinsichtlich der in LEO 2018 erfassten Domänen – gesundheits-, politik- und finanzbezogene sowie digitale Praktiken – sind nun evident geworden.

 

Die LEO-Studie liefert Antworten auf die Fragen, wie viele Menschen in Deutschland Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, welche Lese- und Schreibpraktiken im Alltag vorgefunden werden und welche Auswirkungen in gesellschaftsrelevanten Bereichen bei gering literalisierten Erwachsenen feststellbar sind.

Größenordnung und Vergleich zu LEO 2010

Als gering literalisierte Erwachsene werden jene beschrieben, deren Lese- und Schreibkompetenzen auf den drei unteren Alpha-Levels liegen. Diese reichen vom Erreichen der Buchstabenebene bis hin zur Satzebene, jedoch nicht zum Textverständnis. In der LEO-Studie zeigt sich, dass die Größenordnung der Gruppe weiterhin eine bedeutsame Rolle spielt: rund 12 Prozent der Deutsch sprechenden 18- bis 64-Jährigen sind demnach gering literalisiert. Das sind 6,2 Millionen Erwachsene im Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Das "Schrumpfen" im Vergleich zu LEO 2010 mit einer Größenordnung von damals noch 7,5 Millionen ist nicht etwa auf eine gelungene bildungspolitische Investition in Grundbildungsangebote zurückzuführen – diese gab es zwar durchaus und darf keinesfalls gering geschätzt werden, jedoch ist in Deutschland die Zielgruppenerreichung ähnlich herausfordernd wie in Österreich. Vielmehr hat die geringere Anzahl mit dem "Herausfallen" älterer und tendenziell schlechter gebildeter Bevölkerungsanteile aus dem Untersuchungssample zu tun.

Abkehr vom "funktionalen Analphabetismus" im fachlich-wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland

Niedrige Lese- und Schreibkompetenzen wurden bislang als "funktionaler Analphabetismus" gefasst: diese Bezeichnung war im fachlich-wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland gebräuchlich, ohne deren stigmatisierende, den gesamten Menschen abwertende Bedeutung breit zu reflektieren. Der Begriff erweckt den Eindruck von umfassender Unfähigkeit und gesellschaftlicher Nicht-Teilhabe und lässt eben gerade kein Bild entstehen, dass es sich überwiegend um Erwachsene handelt, die durchaus über relevante Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen. Bereits die Ergebnisse der ersten LEO-Studie konnten, wie eingangs erwähnt, zeigen, dass es sich nicht um eine gesellschaftlich "abgehängte" und sozial isolierte Gruppe handelt, sondern dass Teilhabe durchaus besteht, aber eben auch zugleich Teilhabegefährdungen festzustellen sind. Nun wurde mit LEO 2018 die Bezeichnung "gering literalisierte Erwachsene" eingeführt. Damit erfolgt eine klare Bezugnahme auf Lese- und Schreibanforderungen, deren Bewältigung herausfordernd ist, jedoch wird nicht länger der Eindruck vermittelt, diese Menschen könnten in der Gesellschaft nicht "funktionieren" und wären umfassend eingeschränkt und ausgeschlossen. Gerade in Verbindung mit den nun vorliegenden Studienergebnissen, die gesellschaftliche Teilhabe und Teilhabeausschlüsse über die schriftbezogenen Praktiken hinausgehend in Form der gesundheits-, politik- und finanzbezogenen sowie digitalen Grundbildungsdomänen differenziert beschreiben, gelingt eine weniger skandalisierende und stärker normalisierende Perspektive, und zugleich konnten Handlungsfelder für Bildungspolitik und -praxis differenziert herausarbeitet werden.

Betrachtung über schriftliche Grundkompetenzen hinaus

Bildungswissenschaftlich interessant erscheint, dass die hier untersuchten Grundkompetenzen in funktional-pragmatische und in kritisch-hinterfragende unterteilt wurden, jedenfalls aber immer sowohl auf schriftliche als auch nicht-schriftliche und alltägliche Praktiken bezogen wurden. Dies ist z.B. auch in den Ergebnissen zu politikbezogenen Praxen und Kompetenzen zu sehen. Es zeigt sich, dass die Mehrheit der gering literalisierten Erwachsenen nicht pauschal desinteressiert ist und sie Informationen über Nachrichtensendungen im Fernsehen oder Internet einholen. Im Hinblick auf politikbezogene Grundkompetenzen zeigen sich aber doch deutliche Unterschiede im Vergleich mit jenen Menschen, die besser lese- und schreibkompetent sind. Beispielsweise trauen sie sich bestimmte Handlungen weniger zu, wie in einer Auseinandersetzung mit einem Amt/einer Behörde oder im Rahmen einer politikbezogenen Diskussion die eigene Meinung zu vertreten. Zudem finden sie es schwieriger, bestimmte Sachverhalte zu beurteilen. In diesem Zusammenhang richten die Studien-AutorInnen einen Appell an die Gesellschaft, die Zugänglichkeit und "Lesbarkeit" politischer Informationen niederschwelliger zu gestalten, und gesellschaftliche Bedingungen zu thematisieren, die die Legitimität des eigenen politische Handelns in Frage stellen und die umfassende Partizipation aller Menschen einschränken.

Eine bedeutsame und differenziert angelegte Bestandsaufnahme

Die LEO-Studie, initiiert und umgesetzt von Anke Grotlüschen, Professorin für Erwachsenenbildung an der Universität Hamburg und ihrer Arbeitsgruppe unter Einbezug renommierter Expertinnen und Experten, zeugt von einer hohen Aufmerksamkeit und einem pro-aktiven Interesse der deutschen Bildungspolitik an diesem bildungspolitisch hochrelevanten Thema. Die LEO-Studie ist wesentlicher Teil der Investitionen in Grundbildungsforschung in Deutschland seit 2007 – aus Österreich blickt man hier doch einigermaßen neidvoll auf diese Forschungsförderungen. Doch gerade die LEO-Studienergebnisse dürfen, auch wenn man sich der differenten nationalen Kontexte bewusst sein muss, für Österreich "mitgelesen" werden und tragen auch hierzulande zur Erhellung des Phänomens bei. Die Studienergebnisse sind als Sammelband, herausgegeben von Anke Grotlüschen und Klaus Buddeberg, veröffentlicht worden. Insgesamt 14 Beiträge geben differenziert Aufschluss über die Anlage der Studie und über die facettenreichen Ergebnisse zur Gruppe von Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen: es wird unter anderem über Lebenssituation, Mehrsprachigkeit, Arbeit, Weiterbildungsteilnahme und die vier Grundbildungsdomänen berichtet. Die Studienergebnisse sind gut lesbar dargestellt, stets an den aktuellen Stand der Forschung und Theoriebildung angebunden und die Interpretationen und Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar dargelegt.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa
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