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Kompetenzanerkennung als zweiter Weg. Eine Tagung zeigt Erfolgsmodelle

06.12.2019, Text: Giselheid Wagner, Redaktion: Karin Reisinger, wba
Mit drei aktuellen Praxis-Beispielen zeigte eine Tagung der Weiterbildungsakademie (wba) und der Arbeiterkammer Wien, wie Kompetenzanerkennung auf höheren Bildungsniveaus erfolgreich funktioniert und was notwendig ist, um Validierung fit für die Zukunft zu machen.
  • Foto: CC BY, wba, auf erwachsenenbildung.at
    Publikum bei der Tagung "Mit Kompetenzanerkennung zu höheren Qualfikationen" am 4.12.2019

Ein Österreicher in Paris: Validierung in Frankreich

Erstaunliches präsentierte Franz Fuchs-Weikl (Arbeiterkammer Salzburg) von der Sorbonne in Paris: Als erster Österreicher hat er dort einen Universitätsabschluss auf Bachelorniveau erreicht – und dies ausschließlich auf dem Weg der Anerkennung bereits erworbener Kompetenzen. Was in Österreich noch nicht möglich ist und daher undenkbar erscheint, ist in anderen Ländern wie Frankreich bereits staatlich verankerte Realität. Rund 2500 Universitätsabschlüsse werden dort jährlich über Validierungsverfahren vergeben.


Die sehr gut besuchte Tagung am 4.12.2019 in Wien, die gemeinsam von der Weiterbildungsakademie (wba) und der Arbeiterkammer Wien veranstaltet wurde, stellte neben diesem für die TagungsteilnehmerInnen Aufsehen erregenden Beispiel auch Erfolgsmodelle aus Österreich vor – sowohl aus dem formalen wie aus dem non-formalen Bildungsbereich.

Mitwirkende: v.l.n.r.: Franz Gramlinger, Karin Luomi-Messerer, Eduard Staudecker, Bernhard Horak, Sabine Tritscher-Archan, Karin Reisinger, Michael Sturm, Gudrun Wolfschwenger, Franz Fuchs-Weikl (Foto: CC BY, wba)

IngenieurIn NEU und Weiterbildungsakademie als Beispiele

Gudrun Wolfschwenger berichtete über die Erfahrungen des bfi Oberösterreich mit dem Ingenieursgesetz von 2017. Hier liegt für Österreich ein Anerkennungsverfahren aus dem formalen Bereich vor. Die Erlangung der Qualifikation „Ingenieur" bzw. „Ingenieurin" sieht seit 2017 ein mehrstufiges Verfahren vor, das AbsolventInnen einer HTL nach mehrjähriger Berufserfahrung im Ingenieursbereich durchlaufen können. Prozessbegleitende Beratung ist dabei ein wichtiger Bestandteil des Verfahrens. Der Abschluss erfolgt durch ein Fachgespräch auf Augenhöhe. Erst die Etablierung dieses Anerkennungsverfahrens ermöglichte eine Einstufung dieser nun neuen Qualifikation in den NQR, die mit Stufe 6 auf dem gleichen Niveau wie ein Bachelorabschluss angesiedelt ist. In der Praxis zeigt sich, dass die „neuen" Ingenieure und Ingenieurinnen durch die damit gegebene Vergleichbarkeit auch im europäischen Ausland von Arbeitgebern gern gesehene und gut qualifizierte Arbeitskräfte sind.


Aus dem non-formalen und somit gesetzlich nicht geregelten Bereich wurde das Beispiel der Weiterbildungsakademie Österreich (wba) vorgestellt. Seit 2007 bietet sie ErwachsenenbildnerInnen die Möglichkeit, ein Zertifikat oder Diplom in der Erwachsenenbildung auf dem Wege der Kompetenzanerkennung zu erhalten. wba-Absolvent Gert Hufnagl erzählte im Interview mit der wba-Leiterin Karin Reisinger, dass neben der Bestätigung der professionellen Kompetenzen auch eine Steigerung des Selbstwerts sowie eine stärkere Identifizierung mit dem Beruf „ErwachsenenbildnerIn" positive begleitende Effekte waren. Deutlich wurde auch, dass Validierungsverfahren in einem Spannungsverhältnis zwischen Verfahrenstreue (klaren Vorgaben, qualitätsgesicherten Abläufen und Kriterien) und der pädagogischen Haltung der beteiligten Personen stehen, die das Individuum in seiner Ganzheit sehen und fördern.

Höhere Qualifikationen sehr gefragt

In ihrem großen thematischen Überblick betonte Karin Luomi-Messerer (3s), dass der Arbeitsmarkt zunehmend Bedarf an höher qualifiziertem Personal hat. Dies ist somit ein Argument dafür, auch Validierungsverfahren zu forcieren, die zu höheren Qualifikationen führen – nämlich jene der NQR-Niveaus 5-8. Mehrere höhere berufliche Abschlüsse aus unterschiedlichen Ländern wurden genannt – darunter wieder Frankreich mit seiner klaren Gesetzeslage, wo sämtliche Qualifikationen, die im nationalen Qualifikationsregister gelistet sind, auch über Validierungsverfahren erworben werden können. Klar ist – dies wurde bei der Tagung mehrfach betont – dass es auf absehbare Zeit folgende Herausforderungen weiterhin geben wird: Qualitätssicherung mit dem Ziel der Vertrauensbildung, die Gewährleistung der Gleichwertigkeit mit auf dem „klassischen" Bildungsweg erworbenen Qualifikationen sowie die Frage der Finanzierung.

Validierung zahlt sich aus – für das Individuum, für den Arbeitsmarkt

In der Diskussion am Podium waren namhafte Stakeholder und ExpertInnen vertreten. Michael Sturm (Geschäftsführer bfi Österreich und Vorsitzender des Kooperativen Systems der Österreichischen Erwachsenenbildung) betonte, dass Validierung wichtig sei, um Praxiserfahrung und somit vorhandenes Knowhow sichtbar und am Arbeitsmarkt verwertbar zu machen. Ähnlich bestärkte Franz Gramlinger von der Referenzstelle für die Qualität in der Berufsbildung (ARQA-VET), dass durch Validierung erworbene Abschlüsse mit herkömmlichen Qualifikationen gleichwertig sind. Validierung spare Kosten und Lebenszeit. Sabine Tritscher-Archan (Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft) wies darauf hin, dass Validierung die ganz individuelle Bildungsbiografie sichtbar mache – anders als herkömmliche Ausbildungen. Der Aufwand dafür sei jedoch hoch. Es gab Einigkeit darüber, dass Validierung ressourcenintensiv ist, letztlich aber wieder an anderer Stelle Ressourcen einspart. Als Vertreter des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung sprach sich Eduard Staudecker dafür aus, in der Validierung in Österreich auch weiterhin keine zu starke staatliche Lenkung vorzugeben. Er verwies auf neue und sehr umfassende Bestrebungen der EU, durch die Neugestaltung des Europass den BürgerInnen ein umfassendes Selbsteinschätzungs- und -bewertungsportal anzubieten. Wie Validierung in all ihren Facetten hier integriert werden kann, ist noch offen und bleibt Teil des großen Projekts.

Erfolgreiche Praxis und politische Rahmenbedingungen

Österreichische und europäische Vorzeigemodelle aus dem formalen und non-formalen Bereich beweisen, dass Anerkennungsverfahren einen wichtigen und sinnvollen zweiten Weg neben klassischen Bildungspfaden darstellen – und das bis in die höheren Stufen des Nationalen Qualifikationsrahmens hinein. Was die österreichische Validierungspraxis betrifft, machte die Tagung deutlich, dass diese überwiegend bottom-up getrieben ist. Dennoch sieht sich die Arbeiterkammer, so die Leiterin der Abteilung Bildungspolitik der AK Wien, Gabriele Schmid, als politisch treibende Kraft für die weitere Entfaltung der Anerkennung von Kompetenzen und Berufserfahrung in Österreich. Aus dieser Position heraus wolle die Arbeiterkammer von einer neuen Bundesregierung einfordern, dass sie auch die Umsetzung der Validierungsstrategie von 2017 wiederaufnimmt.

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