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Lern-Bilanz 2018: "Ich will nicht blöd sterben!"

12.12.2018, Text: Renate Ömer, BhW Niederösterreich
Renate Ömer hat ein Jahr lang Aussagen zum Lernen gesammelt und nimmt diese zum Anlass für eine Bilanz über ihre pädagogische Arbeit in diesem Jahr.
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    Äußerungen über das Lernen als Ausgangspunkt für eine "Lern-Bilanz"
Am Ende einer Lerneinheit zurückzuschauen ist eine lieb gewordene Routine in meiner Praxis als Lernbegleiterin. Am Ende eines Lern-Jahres eine Lern-Bilanz zu ziehen, wäre meiner Meinung nach eine reizvolle Ergänzung zur buchhalterischen Praxis des Bilanzierens. Anhand von einprägsamen Äußerungen unserer Lernenden in der Basisbildung könnte das eine lohnenswerte Arbeit werden. Das ist der Ausgangspunkt dieser Übung.

 

Im Laufe der Jahre habe ich vielen Lernenden aufmerksam zugehört. Dieses Jahr habe ich begonnen, Äußerungen über das Lernen zu sammeln und niederzuschreiben. Die hier folgenden Äußerungen geben nicht nur Auskunft über den Stand von Lernprozessen; sie sind für mich Bezugspunkte für die pädagogische Arbeit.

 

"Ich will nicht blöd sterben!"

Der Ausspruch war heuer wohl die kompromissloseste Auskunft auf die Frage nach der Motivation zur Teilnahme an einem Lernarrangement. Es mag etwas theatralisch anmuten, Nicht-Wissen und Sterben in einem Atemzug zu nennen. Aber in einer Organisation, in der man sich dem lebensbegleitenden Lernen verschrieben hat, wird so eine Aussage durchaus ernst genommen. Das war auch gut so, denn es stellte sich heraus, dass die Person viele positive Erfahrungen beim Lernen sammeln konnte und enorm von einer moderierten Lern-Gruppe profitierte (Mut, Selbstwirksamkeit, Selbstbeobachtung, Geduld).

 

"Warum tust du dir das noch an?"

Diese Frage müssen sich manche Teilnehmende gefallen lassen, deren Angehörige nicht recht nachvollziehen können, wieso die ihren Entschluss zum Lernen konsequent umsetzen. Das bedeutet konkret: Zeiteinteilung zur Einhaltung der Anwesenheitszeiten, unter Umständen damit verbundener Verzicht auf ungeplante Freizeit oder Zeiten der Muße; das Risiko der Überforderung oder Unterforderung eingehen - geistig als auch körperlich; die Anstrengung, sich in einer ungewohnten sozialen Umgebung zurechtzufinden (Gruppenphasen, Lehr- und Lern-Rollen); sich örtlich zurechtfinden (Lernort erreichen, Verkehrsmittel finden), Lernarbeit leisten (Lernstoff wiederholen, Aufgaben erledigen, Arbeitsaufträge ausführen, Gelerntes anwenden, Wissen teilen usw.). Es könnte natürlich sein, dass hinter der Frage die Sorge um das Wohlergehen des Lernenden steckt; oder einfach die Bewunderung für eine Selbstverpflichtung zu einem selbst gewählten Lernangebot.

 

"Ich will geistig fit bleiben."

Das ist eine Aussage, die ich bewundert habe. Sie kam sehr ehrlich auf die Frage nach dem Lernziel. Sie steht für die Aktivität, die Zielstrebigkeit und das Selbstbewusstsein der lernenden Person. Möglicherweise eignet sie sich nicht von vornherein als smartes Projektziel, aber im konkreten Fall ist sie eine starke Triebfeder. Eine solche Feder im Lernprozess gut zu pflegen ist mir ein großes Anliegen. Dafür greife ich mit meinen KollegInnen oft und gerne in die Methodenkiste.

 

"Respekt vor älteren Kolleginnen ...

... das sind ja doch 20 Jahre Unterschied." Anfangs war ich so perplex, dass ich den Gehalt der Aussage nicht erfassen konnte. Ich war hin- und hergerissen zwischen Mottos wie "Alter macht gar keinen Unterschied!" und "Ältere lernen anders, aber nicht schlechter!" Meine Planlosigkeit in der Situation verhinderte, dass ich mit Mottos um mich warf. Der Ausspruch gab mir etliche Lerneinheiten lang zu denken, bis ich eingesehen hatte, dass die Unterschiede im Lernverhalten auch den Lernenden selbst auffielen und nicht nur uns. Was für ein Erfolg unserer Sensibilisierungsbemühungen! Was für eine Auszeichnung für das Funktionieren einer heterogenen Lerngruppe.

 

"Das kann man von den Jungen ..."

... ja nicht auch noch verlangen - dass sie einem das beibringen - die haben ja selber genug zu tun." Erstmal assoziierte ich schambehafteten Lernbedarf und negative Lernerfahrungen (Lernen als Belastung für andere) mit dieser Äußerung. Doch weitergedacht eröffnet die Aussage eine Perspektive für die Nachfrage von Bildung als Dienstleistung. "Wunderbar," dachte ich mir, "hier entsteht das Berufsbild der Erwachsenenbildnerin in den Köpfen der Zielgruppe!" Mit Genugtuung stellte ich im Laufe des vergangenen Jahres fest, dass Erwachsenenbildung als Profession in die Lebenswelt von Leuten vordringt, deren Antwort auf die Anforderungen ihres Alltags nicht unbedingt Lernen heißt. Meine Lern-Bilanz findet damit einen deutlich positiven Abschluss.

Weiterführende Informationen:
Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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