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"Nicht nur Handreichung, sondern Paradigmenwechsel"

02.02.2012, Text: Bianca Friesenbichler, Online-Redaktion
Die Ludo-Hartmann Preise der VHS wurden für Innovation in der Programmplanung und Untersuchung zum Qualitätsmanagement vergeben.
Auf Einladung von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer wurde am 01. Februar im Parlament in Wien der Ludo Hartmann-Preis 2011 an die steirischen BildungswissenschafterInnen Birgit Aschemann und Wilfried Hackl für das "Weißbuch Programmplanung, Teil 1" überreicht. Der Förderungspreis ging an die Vorarlberger VHS-Bildungsmanagerin Monika Veigl-Petschko für ihre Untersuchung zum Qualitätsmanagement von Einrichtungen der Erwachsenenbildung.

Wissenschaft und Praxis gehören zusammen
Mit dem Ludo-Hartmann Preis werden bereits zum dreizehnten Mal herausragende Leistungen im Sinne der österreichischen Volkshochschulen ausgezeichnet. Der Generalsekretär des VÖV, Wilhelm Filla ging in seiner Laudatio auf die Geschichte des Preises ein und erläuterte die Inhalte der beiden ausgezeichneten Arbeiten, die er ganz im Geiste Hartmanns sah, nämlich als "wissenschaftlich fundiert und in hohem Ausmaß praxisbezogen". Barbara Prammer sprach die Eröffnungsworte in ihrer Doppelfunktion als Nationalratspräsidentin und Präsidentin des Verbands Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) und übergab zur Verleihung der Urkunden an den Wiener Stadtrat Michael Ludwig, Vorsitzender des VÖV-Vorstandes.

Auszeichnung für neu gedachte Programmplanung
Der mit 2.200 Euro dotierte Ludo Hartmann-Preis 2011 ging an Wilfried Hackl und Birgit Aschemann vom Institut für Aus- und Weiterbildungsentwicklung EDUCON. Als externe BeraterInnen erarbeiteten die beiden im Auftrag der Wiener Volkshochschulen GmbH ein zweibändiges Werk zur Programmplanung. Darin werden die Planungsaktivitäten der VHS auf pädagogische und kompetenzorientierte Beine gestellt und neue Bildungsformate für ausgewählte Zielgruppen der Volksbildung entwickelt. Der ausgezeichnete erste Teil dieser Arbeit führt die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Schlüsselkompetenzen für lebensbegleitendes Lernen in ein Instrument zur Programmplanung über und "haucht ihnen das Leben der Institution Volkshochschule ein", wie die PreisträgerInnen selbst feststellen.

Filla: "Nicht nur Handreichung, sondern Paradigmenwechsel"
In seiner Laudatio hob VÖV-Generalsekretär Filla die weitreichende Bedeutung des "Weißbuch" genannten Programmplanungsdokumentes hervor. "Wer denkt, dass es sich angesichts des schlichten Titels […] bei der ausgezeichneten Arbeit um eine bloße Handreichung von Rezepten zur Programmplanung von Volkshochschulen handelt, irrt gewaltig. […]  Volkshochschularbeit wird auf diese Weise in einem Prozess, der möglicherweise über das vielzitierte Jahr 2020 hinausgehen wird, tiefgreifend umgestellt." Die Wiener Volkshochschulen hätten damit eine Avantgardefunktion in der deutschsprachigen Erwachsenenbildung übernommen.

Breit mitgetragene Entwicklung
In seinen Dankesworten hob Preisträger Wilfried Hackl die Leistung und den Willen zur Innovation hervor, den die Wiener Volkshochschulen in dem ausgezeichneten Projekt bewiesen hätten. Gemeinsam mit rund 50 MitarbeiterInnen sei in einer Vielzahl von Workshops ein "schwerer Brocken" gehoben worden, der nun als Orientierungshilfe im Sternenhimmel der Volkshochschulen stünde, und zwar zur Ausrichtung der künftigen Programmplanung. "Schon jetzt kann jede und jeder die Auswirkungen im Programmangebot erkennen" fuhr Hackl fort - sei es anhand der kompetenzorientierten Kursbeschreibungen oder der zunehmenden Abstimmung von Programmteilen in Hinblick auf Abschlüsse, Durchlässigkeit und Vervollständigung des Programmangebots. Für alle Interessierten haben die Wiener Volkshochschulen das Weißbuch übrigens zum Download freigegeben.

Veigl-Petschko: "Qualitätskultur muss von MitarbeiterInnen getragen werden"
Den Förderungspreis in Höhe von 1.100 Euro erhielt Monika Veigl-Petschko, VHS Bregenz, für ihre Untersuchung zu einem Qualitätsmanagement für Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Die als Bachelorarbeit angenommene Studie diskutiere, so Filla in seiner Würdigung, drei wichtige Qualitätssicherungssysteme für die Erwachsenenbildung - und zwar auf gelungene, übersichtliche und gut argumentierte Weise. Veigl-Petschko kommt zum Schluß, dass unter dem Gesichtspunkt von Lernen eindeutig der "Lernerorientierten Qualitätstestierung in der Weiterbildung" (LQW) der Vorzug zu geben sei. "Es braucht in jedem Fall die Entwicklung einer von den Mitarbeitern gelebten und mitgetragenen Qualitätskultur", so die Autorin in der ausgezeichneten Analyse.

Ludo-Moritz Hartmann "bedeutender als Grundtvig"
Der 1865 in Stuttgart geborene Ludo-Moritz Hartmann hat die Gründungsphase der österreichischen Volkshochschulen über Jahrzehnte mitbestimmt und war ein Wegbereiter der Erwachsenenbildung insgesamt. Wilhelm Filla über den Namensgeber des Preises "Hartmann hat eine kaum nachvollziehbare volksbildnerische Leistung als Innovator, Gründer, Funktionär, Lehrender, Organisator und Geldbeschaffer vollbracht. Ohne Spurenelemente von Patriotismus sei festgestellt, dass Hartmanns Leistungen für die moderne Erwachsenenbildung bei objektiver Betrachtungsweise bedeutsamer sind als die von Grundtvig, nach dem das Erwachsenenbildungsprogramm der Europäischen Union benannt ist und der nie eine Bildungseinrichtung gegründet oder geleitet hat."

Die PreisträgerInnen
Wilfried Hackl ist Inhaber und Leiter des Einzelunternehmens EDUCON - Institut für Aus- und Weiterbildungsentwicklung. Er ist Bildungswissenschafter, Berater, Trainer, Moderator, Teamentwickler, Universitätslektor und Bildungsredakteur. Hackl arbeitet mit seinem Team an der Entwicklung, Beratung und Evaluation von Bildungsprogrammen in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung und im Hochschulwesen. Er ist in der Zertifizierungswerkstatt der Weiterbildungsakademie tätig und leitender Online-Redakteur von www.erwachsenenbildung.at.

Birgit Aschemann hat ein Doktoratsstudium am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz, Abteilung Erwachsenenbildung, absolviert und wurde zur zertifizierten Portfolio-Begleiterin der Universität Graz ausgebildet. Zuvor hat sie eine Trainerinnenausbildung am bfi Steiermark absolviert, der wiederum ein Psychologiestudium an der Universität Graz und weitere Ausbildungen, unter anderem zur Buchhändlerin, vorausgegangen sind. In den vergangenen Jahren war sie an einer Reihe von Institution tätig, so am EDUCON, in der Zertifizierungswerkstatt der Weiterbildungsakademie und als Lehrbeauftragte an der Universität Graz. Seit 2006 ist sie Mitarbeiterin des Verein Frauenservice Graz, dessen Forschungsbereich sie seit dem Vorjahr leitet.

Die Preisträgerin Monika Veigl-Petschko kommt aus Bregenz, wo sie eine Kaufmännische Lehre abgeschlossen hat. Sie wurde 2003 Mitarbeiterin im Sekretariat der Volkshochschule Bregenz, in der sie seit 2004 Qualitätsbeauftragte ist. In den vergangenen Jahren absolvierte sie im zweiten Bildungsweg zunächst die Berufsreifeprüfung und in Folge das Studium der Bildungswissenschaften an der Fernuniversität Hagen. VÖV-Generalsekretär Filla hob in seiner Laudatio das Beispiel einer Mitarbeiterin im Management, die sich auch forschend mit dem eigenen Tätigkeitsbereich auseinandersetze, als besonders vorbildhaft hervor.

Quellen: Parlamentskorrespondenz 71/2012 | Pressemitteilung des VÖV vom 02.02.2012 | Laudatio Univ.-Doz. Dr. Wilhelm Filla/VÖV vom 01.02.2012

im Bild oben: v.l.n.r. Wilhelm Filla, Birgit Aschemann, Wilfried Hackl, Monika Veigl-Petschko
im Bild unten: v.l.n.r. Wilfried Hackl, Birgit Aschemann, Barbara Prammer, Monika Veigl-Petschko, Michael Ludwig