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Buch: Alphabetisierung und Basisbildung mit Erwachsenen

26.07.2013, Text: Adrian Zagler, Online-Redaktion
Antje Doberer-Bey fragt nach den Ursachen und Auswirkungen von funktionalem Analphabetismus und gießt ihre Erfahrungen aus Praxis und Forschung in Schriftform.
Mit "Sonst hat man ja nichts, wenn man nix lesen kann" publizierte Antje Doberer-Bey kürzlich ihre Dissertation aus dem Fach Sprachwissenschaft an der Universität Wien. Die 218 Seiten starke Arbeit ist im Praesens Verlag erschienen und präsentiert eine "qualitative Untersuchung zu Fehlentwicklungen beim schulischen Erwerb von Schriftsprachlichkeit und Lernerfolgen im Erwachsenenalter". Durchgeführt wurde die Untersuchung im Kursjahr 2002/03 an der VHS Wien-Floridsdorf, wo Doberer-Bey den Bereich Basisbildung leitete. In den Anfangskapiteln wirft die Autorin außerdem einen Blick auf die Geschichte der Literalität und der Basisbildung in Österreich und beleuchtet Sprache und Sprachentwicklung aus dem Blickpunkt von Psycho-, Neuro- und Soziolinguistik.

 

Verständnis von Kulturtechniken ist interessengeleitet

Literalität ist eine deutsche Übersetzung des englischen „literacy“, was grob das Beherrschen der Kulturtechniken Lesen und Schreiben bezeichnet. Wie Literalität genau verstanden und definiert wird, ist laut Doberer-Bey „durch bestimmte Interessen in spezifischen Kontexten von gesellschaftlichen Prozessen determiniert“. Da sich diese Interessen und Kontexte ändern, ändere sich auch das Konzept der Literalität. Dieses Konzept sei wiederum ausschlaggebend für den gesellschaftlichen Stellenwert und damit für die individuelle Motivation, schreiben und lesen zu lernen.

 

JedeR Fünfte kann nicht ausreichend lesen

Doberer-Bey konstatiert, dass Literalität heutzutage so wichtig wie noch nie sei. Aufgrund der allgemeinen Schulpflicht werde automatisch davon ausgegangen, dass erwachsene ÖsterreicherInnen auch ausreichend Lese- und Schreibkompetenz erworben hätten. Allerdings: Mit Bezug auf internationale Studien schätzt Doberer-Bey, dass mindestens 600.000  Menschen oder zehn bis 20 Prozent der ÖsterreicherInnen im erwerbsfähigen Alter nicht diesem Ideal nicht entsprechen. Diese Menschen stehen zumeist in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, sind von gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ausgeschlossen und stigmatisiert.

 

Soziale Unterschiede werden zementiert

Doch welche Ursachen stehen hinter dem sogenannten „funktionalen Analphabetismus“? Doberer-Bey identifiziert mehrere „Verursachungsfaktoren“ in Familie, Schule und Gesellschaft, sowie in Veränderungen am Arbeitsmarkt. Ihre eigene Untersuchung bestätigt diese theoretischen Annahmen und betont den biographischen Kontext des Schriftsprachenerwerbs: einschneidende Erlebnisse und generelle Umstände, wie fehlende Unterstützung, Vorrang praktischer Arbeit vor theoretischer Bildung in der Familie, soziale und materielle Armut, Gewalt, Angst, Überforderung im schulischen Umfeld, Sprachfehler. Schule und Gesellschaft tragen laut Doberer-Bey dazu bei, sozialen Status festzuschreiben und zu vererben, anstatt Ungleichheiten zu beseitigen.

 

Ruf nach Änderung

Doberer-Bey fordert politische Anstrengungen, um die soziale Selektion in Schule und Gesellschaft auszugleichen, etwa indem PädagogInnen sensibilisiert und speziell ausgebildet werden. Wichtig sei es vor allem, Kinder möglichst früh über qualifizierte PädagogInnen mit dem Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache in Kontakt zu bringen. Außerdem müsse das gesellschaftliche Literalitätskonzept wieder vermehrt der alltäglichen Erfahrung entsprechen. Schließlich sei die wichtigste Lernmotivation, das Erlernte konkret anwenden und nutzen zu können. Doberer-Bey geht davon aus, dass Basisbildung in Österreich durch den kontextbezogenen Ansatz hier gute Arbeit leistet. Die UntersuchungsteilnehmerInnen erlebten die neuen Schreib- und Lesefähigkeiten als Empowerment, denn: „Sonst hat man ja nichts, wenn man nix lesen kann.“

 

Beitrag zur Basisbildungsforschung

Doberer-Beys Dissertation bietet eine ausführliche Analyse der Ursachen und Auswirkungen des funktionellen Analphabetismus bei Erwachsenen. Umfangreiche theoretische Überlegungen fließen in eine differenzierte qualitative Analyse ein. Doberer-Bey zeigt auf, welche komplexen Einflussverhältnisse dem Schriftsprachenerwerb zugrunde liegen. Daraus leitet sie Vorschläge ab, wie Schulbildung und Erwachsenenbildung in Zukunft besser auf jene Menschen eingehen können, die Schwierigkeiten im Schriftsprachenerwerb haben. Damit ist ihr ein wichtiger Beitrag zur Basisbildungsforschung gelungen, vor allem mit Blick auf die österreichische Bildungslandschaft.

 

Zur Autorin:

Antje Doberer-Bey war in Österreich eine der Ersten, die sich bereits Anfang der 1990er Jahre mit der Alphabetisierung Erwachsener auseinandergesetzt hat. 2009 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung in der Kategorie „ErwachsenenbildnerIn 2009“. Ab 2001 betrieb sie ein Dissertationsstudium am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien.

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Doberer-Bey, Antje (2013): „Sonst hat man ja nichts, wenn man nix lesen kann.“ Alphabetisierung und Basisbildung mit Erwachsenen. Eine qualitative Untersuchung zu Fehlentwicklungen beim schulischen Erwerb von Schriftsprachlichkeit und Lernerfolgen im Erwachsenenalter. Praesens Verlag. 218 Seiten, ISBN 978-3-7069-0737-8, EUR 30,00.

Weitere Informationen:
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