Gemeinwesenarbeit und Frieden: Rückblick auf die GWA-Tagung 2026

20.10.2026, Text: Andrea Bigl, Karl Hochradl, Redaktion: Andrea Bigl, bifeb
Wie gelingt ein gewaltfreier Umgang mit Konflikten? Die 47. Tagung Gemeinwesenarbeit am bifeb verband Friedensforschung, Zukünftebildung und Erfahrungen aus zehn Projekten und Initiativen.
Miteinander im Gespräch bleiben: Konfliktfähigkeit und Frieden standen im Zentrum der GWA-Tagung 2026.
Grafik: Alle Rechte vorbehalten, KI-generiert, 2026,, auf erwachsenenbildung.at

Gemeinwesenarbeit: Welche Konfliktfähigkeit brauchen wir für Frieden?

Von 7. bis 9. Oktober 2026 fand am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) die 47. Tagung Gemeinwesenarbeit statt. Unter dem Titel „Gemeinwesenarbeit in stürmischen Zeiten. Welche Konfliktfähigkeit brauchen wir für Frieden?“ beschäftigten sich die Teilnehmenden mit dem Umgang mit Konflikten und den Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens.

Politische, soziale und zwischenmenschliche Konflikte, die mit militärischer, physischer oder psychischer Gewalt ausgetragen werden, sowie Angriffe auf demokratische Rechte und partizipative Aushandlungsverfahren setzen auch die Gemeinwesenarbeit unter Druck. Zugleich verfügen Erwachsenenbildung und Soziale Arbeit über vielfältige Erfahrungen, Methoden und Praktiken, die einen gewaltfreien Umgang unterstützen. Diese Ansätze zusammenzubringen, zu diskutieren und gemeinsam Antworten auf die Zukunft des Miteinanders zu suchen, war Ziel der dreitägigen Tagung.

Wie Militarisierung unseren Alltag prägt

Claudia Brunner vom Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung der Universität Klagenfurt sprach in ihrer Keynote „(Un)Möglichkeiten von Friedensarbeit in einer militarisierten Zivilgesellschaft“ darüber, wie militärische Denkweisen die Zivilgesellschaft durchdringen. Im Mittelpunkt standen deren Einflüsse auf unser tägliches Denken, Sprechen und Empfinden sowie die kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen, die eine zunehmende Kriegsrhetorik begünstigen.

Mit Bezug auf die Schriftstellerin Christa Wolf fragte Brunner danach, wann der „Vorkrieg“ beginnt. Sie lenkte damit den Blick auf sprachliche Verschiebungen, Gefühle und Denkmuster, die militärische Gewalt vorbereiten und rechtfertigen können. Gerade diese Formen der Militarisierung würden häufig übersehen.

Brunner kritisierte die zunehmende Vereinnahmung des Zivilen durch das Militärische. Sie thematisierte auch, wie schwierig es für friedenspolitische Positionen sei, in öffentlichen Debatten Gehör zu finden. Ihr abschließendes Plädoyer galt dem Verlernen einer „Grammatik des Krieges“.

Welche Geschichten erzählt die Zukunft?

Carmen Sippl widmete sich in ihrer Keynote „Welche Geschichten erzählt die Zukunft? Impulse der Zukünftebildung für die Friedensbildung“ der Frage, wie Menschen lernen können, Zukunft mitzugestalten. Zukünftebildung fördert die Fähigkeit, sich unterschiedliche mögliche Zukünfte vorzustellen, eigene Erwartungen zu hinterfragen und daraus Handlungsmöglichkeiten für die Gegenwart zu entwickeln. Diese Fähigkeit wird auch als „Futures Literacy“ bezeichnet.

Ausgangspunkt ihres Vortrags war die weltgestaltende Kraft des Erzählens. Anhand der „Futures Stories Labs“ stellte Sippl einen Zugang vor, bei dem Menschen gedanklich in ihre persönliche, gesellschaftliche und planetare Zukunft reisen. In diesen Zukünftewerkstätten entwickeln sie Bilder möglicher Zukünfte und überlegen, welche Bedeutung diese für ihr Handeln in der Gegenwart haben. Die Methode knüpft an die Zukunftswerkstätten des Zukunftsforschers Robert Jungk an und stärkt Vorstellungskraft und zukunftsorientiertes Denken.

Dabei werden Erwartungen, Wünsche und Wertvorstellungen bewusst betrachtet und unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten erkundet. Sippl stellte dazu auch Verbindungen zu Nachhaltigkeit und transformativer Bildung her. Für die Friedensbildung eröffnet dieser Ansatz die Möglichkeit, Vorstellungen eines friedlichen Zusammenlebens zu entwickeln und die eigene Mitverantwortung für dessen Gestaltung zu erkennen.

Einblicke in die 47. Tagung Gemeinwesenarbeit am bifeb von 7. bis 9. Oktober 2026.

Fotos: Alle Rechte vorbehalten, Andrea Bigl, auf erwachsenenbildung.at

 

Friedensarbeit aus unterschiedlichen Perspektiven

Beide Keynotes bildeten den Ausgangspunkt für vertiefende Diskussionen. Die Teilnehmenden stellten Fragen, brachten Erfahrungen aus ihren Arbeitsfeldern ein und diskutierten die vorgestellten Ansätze auch aus kritischen Perspektiven.

Ergänzt wurden die wissenschaftlichen Impulse durch zehn Projekte und Initiativen aus der Friedensbildung. Beim Marktplatz der Projekte zum Auftakt erhielten die Teilnehmenden einen ersten Einblick in deren Arbeit. Die anschließenden Projektpräsentationen boten Gelegenheit, Erfahrungen und Methoden genauer kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Persönliche Einblicke in jahrzehntelange Friedensarbeit gab zudem das Gespräch mit Maria Reichl. Damit verband die Tagung wissenschaftliche Auseinandersetzung, praktische Erfahrungen und persönliche Perspektiven auf die Frage, welche Konfliktfähigkeit wir für Frieden brauchen.

Austausch über Disziplingrenzen hinweg

Die 47. Tagung Gemeinwesenarbeit machte erneut deutlich, wie eng Erwachsenenbildung, Soziale Arbeit und Gemeinwesenarbeit miteinander verbunden sind. Aktuelle Forschung und gesellschaftliche Entwicklungen trafen auf Praxisberichte und konkrete Beispiele. Der Austausch über Disziplingrenzen hinweg bot Gelegenheit, die eigene Arbeit zu reflektieren, Kontakte zu knüpfen und das berufliche Netzwerk zu erweitern.

Auch die vielen informellen Gespräche in den Pausen und am Abend prägten die lebhafte Atmosphäre der Tagung und boten Raum, Diskussionen weiterzuführen und Erfahrungen zu teilen.

Gemeinwesenarbeit am bifeb seit 1979

Die Werkstätte Gemeinwesenarbeit am bifeb besteht seit 1979. Den Anstoß gab der Ring Österreichischer Bildungswerke, der die gemeindebezogene Erwachsenenbildung am bifeb einbrachte. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich ein Netzwerk aus Erwachsenenbildung, Sozialer Arbeit sowie Gemeinde- und Regionalentwicklung.

Bei den jährlichen Tagungen kommen Menschen aus diesen Arbeitsfeldern zusammen, um gesellschaftspolitische Fragen zu diskutieren, Projekte vorzustellen und Erfahrungen auszutauschen. Im Mittelpunkt steht, wie Menschen ihre Lebensbedingungen in Gemeinden und Stadtteilen gemeinsam gestalten können. Anliegen von Bürger:innen werden dabei in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet und gemeinsam bearbeitet. Bildung, Beteiligung sowie solidarische und demokratische Werte bilden dafür die Grundlage.

Das bifeb dankt allen Teilnehmenden, Mitwirkenden, Vortragenden und Initiativen, die zum Gelingen der Tagung beigetragen haben. Ein besonderer Dank gilt der Arbeitsgruppe Gemeinwesenarbeit für die gemeinsame Planung und dem Kooperationspartner, dem Ring Österreichischer Bildungswerke.

Die nächste Tagung Gemeinwesenarbeit findet von 6. bis 8. Oktober 2027 am bifeb statt.

Hintergrund zur Geschichte und zum Selbstverständnis der Gemeinwesenarbeit am bifeb:

Informationen zu den Organisationen und ihren Arbeitsfeldern:

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