KEBÖ-Jahrestagung 2026: Zukunft lernen

12.10.2026, Text: Sarah-Lisa Winter, bifeb
Im Rahmen der KEBÖ-Jahrestagung 2026 wurde diskutiert, welche Rahmenbedingungen Lebenslanges Lernen künftig braucht und welche Rolle Erwachsenenbildung für Teilhabe, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt.
Vertreter:innen der KEBÖ-Verbände mit John Evers (Forum-Vorstandsvorsitzender) und Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner anlässlich der Jahrestagung 2026 zum Thema "Zukunft lernen"
Foto: CC BY, Andrea Bigl, auf erwachsenenbildung.at

„Zukunft lernen“ formuliert eine Aufgabe, die gleichzeitig Fragen aufwirft: Welche Erwachsenenbildung braucht eine Gesellschaft, deren soziale, technologische und demokratische Verhältnisse sich immer schneller verändern? Darüber diskutierten bei der KEBÖ-Jahrestagung am 22. September in Graz rund 160 Vertreter:innen aus Erwachsenenbildung, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Besondere Aktualität erhielt die Frage durch die bevorstehende Entwicklung einer LLL-Strategie 2040. Mit ihrem gleichnamigen strategischen Papier präsentiert die KEBÖ ihre Positionen, die dem Tag gleichzeitig Struktur verliehen.

Eröffnet wurde die Tagung von VÖV-Präsident Heinz Fischer, der gleich zu Beginn auf die Wichtigkeit von Chancengleichheit hinwies: Eine zukunftsfähige Erwachsenenbildung müsse vor allem die Menschen erreichen, die von Weiterbildung bisher seltener profitierten. Bildung sei kein Machtprodukt, ihre Aufgabe ist das Schaffen von Möglichkeiten, nicht das Ausschütten von Dividenden. AK-Präsident Josef Pesserl verwies anschließend auf die Reichweite der KEBÖ-Verbände: 2025 verzeichneten sie 2,6 Millionen Teilnahmen an mehr als 173.000 Bildungsveranstaltungen.

Was braucht Lebensbegleitendes Lernen heute?

Gina Ebner von der European Association for the Education of Adults (EAEA) eröffnete den inhaltlichen Teil mit einem europäischen Blick auf die Erwachsenenbildung. In ihrer Keynote plädierte sie dafür, Angebote stärker von den Lebenssituationen der Lernenden her zu denken und diese stets in den Mittelpunkt zu setzen. Lernangebote müssen für Personen und ihre Bedürfnisse passen, keinesfalls gehe es darum, Individuen in bestehende Curricula zu drängen. Neben Demokratie und Teilhabe nahm Ebner auch Themen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sowie stabile Strukturen und langfristige Finanzierung in den Blick.

Der aktuelle Vorsitzende der KEBÖ, John Evers, kommentierte die Keynote und stellte die thematische Verknüpfung zum strategischen KEBÖ-Papier „Zukunft lernen“ her. Er präsentierte daraus vier Schwerpunkte: Bildung als lebenslanges Menschenrecht, Grundbildung als Priorität, Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie die Absicherung der gemeinnützigen Erwachsenenbildung und Teilhabe.

Wie gestalten wir lebensbegleitendes Lernen bis 2040?

Unterschiedliche Fachperspektiven auf die vier von Evers genannten Schwerpunkte und auf die Frage, wie Lebenslanges Lernen bis 2040 vor diesem Hintergrund gestaltet werden kann, zeigte die Diskussionsrunde des Vormittags auf. Neben Ebner und Evers brachte Maria Stimm (Universität Graz) die Perspektive der Erziehungs- und Bildungswissenschaft ein, Stefan Wallner (Bündnis Gemeinnützigkeit) jene der Gemeinnützigkeit. Moderiert wurde die Diskussion von Lo Hufnagl (VHS Wien). Die Teilnehmenden konnten sich über ein Padlet live einbringen.

Stimm näherte sich dem Thema „Bildung als Menschenrecht“ über die Frage, welche Voraussetzungen es denn überhaupt für Bildung gebe? Sie unterscheidet dabei vier Punkte: Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Passung und Anpassungsfähigkeit. Verkürzt: Es brauche ausreichend Angebote, die regional, thematisch und für unterschiedliche Zielgruppen erreichbar sind, zur jeweiligen Lebenssituation passen und von den Einrichtungen an veränderte Bedarfe angepasst werden können.

Von dort führte die Diskussion zur demokratischen Funktion der Erwachsenenbildung. Wallner demonstrierte die ungemeine Stärke der Erwachsenenbildung in ihrer Möglichkeit, Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Überzeugungen in gemeinsamen Lernräumen zusammenzubringen. Sie fungiere als „Nahversorger“ in ländlichen Gebieten als Teil der sozialen Infrastruktur. Sie schafft Orte der Begegnung, an denen Gegensätze ausgehalten werden. So entstehe „Humus“, auf dem Gemeinschaft und Demokratie wachsen können. Stimm bezeichnete dies als eine wesentliche demokratische Aufgabe der Erwachsenenbildung.

Wie können Themen verbunden und Teilhabe besser gefördert werden?

An vielen Stellen wurde deutlich, dass man die vier Themenschwerpunkte nicht isoliert voneinander diskutieren kann: Besonders deutlich verschränkten sich die Themen Grundbildung und Demokratie. Stimm wandte sich gegen ein Verständnis von Grundbildung als „Reparatur eines Defizits“. Literalität und Numeralität seien vielmehr als soziale Praxis zu begreifen. Nach dieser Auffassung von Grundbildung als Voraussetzung für gesellschaftliche Handlungsfähigkeit stellt sich als logische Konsequenz die Frage, was 2040 überhaupt als Grundbildung verstanden werden soll.

Wallner knüpfte daran an und betonte in diesem Kontext das Potenzial von Grundbildung zur Selbstermächtigung. Es gehe nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern auch um das Vertrauen, lernen, sich weiterentwickeln und dadurch gesellschaftlich teilhaben zu können, fernab von beruflicher Verwertbarkeit.

So rückte zugleich die Frage in den Blick, welche Rahmenbedingungen es braucht, damit diese Teilhabe und Handlungsfähigkeit tatsächlich ermöglicht werden. Evers appellierte an den bevorstehenden LLL2040-Strategieentwicklungsprozess und plädierte für eine Nachschärfung des Erwachsenenbildungsförderungsgesetzes, etwa hinsichtlich einer ausformulierten Verbindlichkeit, wie die Förderung erfolgt und welche Verantwortung Bund, Länder und Gemeinden dabei tragen.

Der Austausch zu den unterschiedlichen Perspektiven setzte sich auch in der Mittagspause fort: Auf einem Marktplatz gaben 18 Organisationen Einblicke in ihre Arbeit und nutzten den Raum zur Vernetzung und zum fachlichen Austausch, darunter das Lesezentrum Steiermark mit Einblicken in die Bildungsarbeit öffentlicher Bibliotheken, ISOP mit dem Projekt FREI sowie die SPES Zukunftsakademie.

Wie machen wir die Arbeit der Erwachsenenbildung sichtbarer?

Ist die ungemeine Vielfalt der Erwachsenenbildung ausschließlich eine Stärke oder bringt sie auch Herausforderungen mit sich, etwa bei der medialen Repräsentation? Um diesen Widerspruch kreiste die zweite Diskussionsrunde mit Miriam Anna Moderegger (VÖV), Julia Schafferhofer (Freie Journalistin), Gerald Strobel (BFI Österreich) und Doris Wyskitensky (BMFWF), moderiert von Kerstin Slamanig (Bildungsnetzwerk Steiermark).

Strobel fasste das angedeutete Dilemma zusammen: Wo Themen, Einrichtungen und Zielgruppen weit auseinanderliegen, lässt sich nach außen nur schwer ein Gesamtbild vermitteln. Schafferhofer bestätigte diese Wahrnehmung aus journalistischer Sicht: Bildungsdebatten werden häufig zu eng geführt, Erwachsenenbildung darin aufgrund ihrer geringen Bekanntheit bei Journalist:innen oft mit Schul- und Hochschulthemen vermischt. Welche Wirkung mediale Aufmerksamkeit dennoch entfalten kann, zeigte Wyskitensky am Beispiel des Alpha-Telefons: Wird einmal medial über geringe Literalität berichtet, steigen dort die Anfragen deutlich.

Der Wunsch nach mehr Sichtbarkeit trifft allerdings auf eine komplexer und auch prekärer werdende Medienwelt. Kleinere Redaktionen, hoher Zeitdruck und knappe Ressourcen erschweren es Journalist:innen, sich in einem so heterogenen Feld wie dem der Erwachsenenbildung zurechtzufinden. Es brauche deshalb erreichbare Ansprechpartner und sichtbare Expert:innen, die Themen einordnen und Kontakte herstellen können. Mehr Sichtbarkeit bringt gleichzeitig auch große Verantwortung mit sich. Strobel verwies auf die Logik des Storytellings, in der Aufmerksamkeit besonders durch negative Emotionen hervorgerufen wird. Gerade wenn persönliche Bildungsbiografien erzählt werden, müsse deshalb abgewogen werden, ob und wie Menschen der Öffentlichkeit ausgesetzt werden können und dürfen.

Zum Abschluss lotete die Diskussion die eigenen Handlungsmöglichkeiten in der Erwachsenenbildung aus. Moderegger regte dazu an, lauter und mutiger aufzutreten und neue Wege auszuprobieren. Wyskitensky richtete den Blick auch auf die politische Ebene: Mit der Fachabteilung im BMFWF, der einzigen, die dezidiert für Erwachsenenbildung zuständig ist, und einem neu aufgestellten Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) mit Ressourcen für Öffentlichkeitsarbeit gäbe es Strukturen, die die Sichtbarkeit der Erwachsenenbildung unterstützen sollen.

Im Dialog mit Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner

Im abschließenden Dialog mit Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner nahmen John Evers und Lo Hufnagl die vier Schwerpunkte noch einmal aus bildungspolitischer Perspektive auf. Dabei ging es vor allem um die neue LLL-Strategie und die Frage, wie sich die formulierten Zielsetzungen in konkrete und verlässliche Rahmenbedingungen übersetzen lassen.

Holzleitner hob insbesondere die Verankerung der Erwachsenenbildung unmittelbar vor Ort und ihre Wirkung gegen Individualisierung und Einsamkeit hervor. Damit benannte sie eine Stärke, die bereits am Vormittag sichtbar geworden war: die Nähe zu den Menschen und die Möglichkeit, Räume für Begegnung und Dialog zu schaffen.

Die LLL-Strategie müsse nach Holzleitner über allgemeine Zielsetzungen hinausreichen und daraus konkrete nächste Schritte sowie gegebenenfalls notwendige gesetzliche Änderungen ableiten. Mit Blick auf die finanzielle Absicherung verwies sie auf das Doppelbudget 2027/28. Ab 2027 sollen rund fünf Millionen Euro zusätzlich für die Erwachsenenbildung zur Verfügung stehen.

Holzleitner positionierte sich außerdem als Bündnispartnerin der Erwachsenenbildung und als Verbündete für eine noch stärkere Öffentlichkeitsarbeit. Am Ende der Tagung erhielt die namensgebende Frage nach der Zukunft des Lebenslangen Lernens auch eine politische Antwort: Erwachsenenbildung müsse im Bildungssystem gleichberechtigt zu anderen Bildungsbereichen verankert sein.

ZUKUNFT LERNEN: Strategischer Beitrag der KEBÖ zur Weiterentwicklung der Erwachsenenbildung
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