ifdp-Jahrestagung: „Wer nicht lernt, wird gelenkt“

20.10.2026, Text: Sarah-Lisa Winter, bifeb
Wie befähigt Bildung zur digitalen Mitgestaltung? Die dritte ifdp-Jahrestagung am 15. Oktober 2026 in Wien beleuchtete digitale Mündigkeit, gesellschaftlichen Wandel und die Zukunft des lebensbegleitenden Lernens.
Podiumsdiskussion bei der dritten ifdp-Jahrestagung am 15. Oktober 2026 in Wien
Foto: CC BY, Eva Steinheimer, Podiumsdiskussion, auf erwachsenenbildung.at

Unter dem Titel „Wer nicht lernt, wird gelenkt. Bildung, Zivilgesellschaft und die Zukunft der Demokratie im digitalen Zeitalter“ fand am 15. Oktober 2026 die dritte Jahrestagung des Institute for Digital Participation (ifdp) in der VHS Kulturgarage in der Seestadt statt. Das ifdp organisierte die Veranstaltung in Kooperation mit den Wiener Volkshochschulen und brachte Akteur:innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Erwachsenenbildung, Politik und Medien zusammen. Grußbotschaften vom Präsidenten des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) Heinz Fischer und Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung Eva-Maria Holzleitner sowie Videobotschaften von Bildungsminister Christoph Wiederkehr und Staatssekretär für Digitalisierung u. m. Alexander Pröll begleiteten die Tagung. Das Programm umfasste mehrere Fachvorträge, interaktive Beiträge, vier Workshops und eine abschließende Podiumsdiskussion.

Erwachsenenbildung als demokratische Infrastruktur

Wie eng soziale Herkunft und Bildungswege in Österreich weiterhin miteinander verbunden sind, zeigte John Evers (VÖV, KEBÖ) in seinem Vortrag anhand aktueller Studienergebnisse. Von 100 Kindern, deren Eltern studiert haben, besuchen demnach 65 im Alter von 13 Jahren eine AHS. Bei Kindern, deren Eltern höchstens die Pflichtschule abgeschlossen haben, sind es lediglich elf. Ist Erwachsenenbildung angesichts dieser Unterschiede nur die nachträgliche „Reparaturwerkstatt“ eines selektiven Schulsystems? Für Evers greift diese Vorstellung zu kurz: Erwachsenenbildung sei ein eigenständiger Bildungsbereich, ein öffentliches Gut und ein Menschenrecht.

Mit Blick auf die bevorstehende Entwicklung der österreichischen LLL-Strategie 2040 forderte Evers ein breites Bildungsverständnis, eine stärkere Weiterbildungsbeteiligung bisher wenig erreichter Bevölkerungsgruppen und verbindliche Partnerschaften. Neben der Förderung von Grundkompetenzen müsse die Strategie auch Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit stärken. Dazu gehöre digitale und demokratische Mündigkeit ­ insbesondere die Fähigkeit, Informationen kritisch zu prüfen und gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten.

Evers erinnerte zudem an die gesellschaftliche Funktion der Erwachsenenbildung. Ihre Einrichtungen seien Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander in Kontakt kommen und demokratische Auseinandersetzung erfahren können. Als solche bilden sie eine unverzichtbare Infrastruktur der Demokratie. Für deren langfristige Absicherung forderte er ein individuelles Recht auf Bildung und eine verbindliche öffentliche Finanzierung. Mindestens ein Prozent der staatlichen Bildungsausgaben solle künftig für Erwachsenenbildung bereitgestellt werden.

Bildung als Kompass in einer digitalen Welt

Während Evers die bildungspolitischen Rahmenbedingungen beleuchtete, näherte sich Elke Gruber (Universität Graz) mit ihrem Beitrag der Zukunft von Bildung aus bildungswissenschaftlicher Perspektive. „Zukunft ist notorisch ungewiss“, hielt sie fest. Gesellschaftliche Transformationen müssten deshalb durch Lernen begleitet und mit Bildung ausgehandelt werden. Gruber ging dabei insbesondere der Frage nach, wie Demokratie angesichts gesellschaftlicher Veränderungen bewahrt und weiterentwickelt werden kann.

Dafür gelte es, Bildung in ihrem philosophischen und pädagogischen Verständnis von Emanzipation und Mündigkeit wiederzuentdecken. Anders als Konzepte wie „Future Skills“ nehme Bildung den Menschen in seiner Gesamtheit in den Blick. Dahinter stehe ein Menschenbild, das den Menschen als Humanum begreift, dessen Wert sich nicht allein an seinen Fähigkeiten oder seiner gesellschaftlichen Nützlichkeit bemisst. Gerade angesichts ungewisser Zukünfte sei ein solch umfassendes Bildungsverständnis besonders wichtig.

Unter den Kernaufgaben künftiger Bildung setzte Gruber Lesen, Schreiben und Rechnen bewusst an die erste Stelle. Ohne diese Grundlagen könnten sich Urteils- und Kritikfähigkeit kaum entwickeln. Doch Bildung brauche auch die Begegnung mit anderen Perspektiven. Lernen entstehe gerade dort, wo Gewohntes erschüttert werde und Menschen bereit seien, damit verbundene Irritationen auszuhalten.

Solche Erfahrungen seien keineswegs auf Bildungseinrichtungen beschränkt. Auch zivilgesellschaftliches Engagement eröffne Räume des Lernens. Gruber erinnerte in diesem Zusammenhang an die Bedeutung der Erwachsenenbildung als Ort der Geselligkeit. Bildung brauche Nähe, Tiefe und Begegnung und könne nicht auf Wissensmanagement reduziert werden.

Digitale Mündigkeit und spielerische Lernzugänge

Welche Anforderungen die Digitalisierung an die Mündigkeit der Menschen stellt, untersuchte Martin Ebner (TU Graz) anhand seiner Erhebungen zum Lernverhalten von Studierenden. Während die Nutzung von Wikipedia zurückgeht, nutzen Studierende zunehmend ChatGPT. Damit stellt sich auch die Frage, wie verlässliche Quellen künftig erkannt und überprüft werden können.

Wer KI sinnvoll für das eigene Lernen einsetzen möchte, müsse vor allem die richtigen Fragen stellen können. Ebner verwies dabei auf die Bedeutung selbstregulierten Lernens und damit verbunden auf die Gefahr, dass sich bestehende Unterschiede zwischen Lernenden weiter vergrößern. Trotz neuer technischer Möglichkeiten bleibe Lernen ein individueller und sozialer Prozess, den keine Maschine ersetzen könne. Fragen digitaler Souveränität, etwa beim Umgang mit persönlichen Daten und der Nutzung von KI-Systemen, gehörten deshalb ebenfalls zur Auseinandersetzung mit digitaler Bildung.

Dass digitale Kompetenzen auch spielerisch erprobt werden können, zeigten Barbara Göbl und Suzana Jovičić (Universität Wien) in ihrem interaktiv gestalteten Beitrag „Digitale Spiel- und Lernräume“. Beim „Digital Literacy Bingo“ und „Two Truths, One AI“ waren die Tagungsteilnehmenden selbst gefragt, ihre digitalen Kenntnisse auf die Probe zu stellen und KI-generierte Bilder zu erkennen.

Von Medienkompetenz zu Utopiefähigkeit

Welchen Beitrag Bibliotheken zur Vermittlung von Medienkompetenz leisten können, veranschaulichte Martin Forster (Österreichische Nationalbibliothek) am Beispiel des dort angesiedelten Centers für Informations- und Medienkompetenz (CIM).

Anschließend ging es partizipativ weiter: In vier Workshops beschäftigten sich die Teilnehmenden mit der Frage, wie Demokratie gestärkt werden kann. Jeder Workshop beleuchtete dabei einen anderen Bereich: Bildung, Wissenschaft, Zivilgesellschaft oder Medien.

Im abschließenden Podiumsgespräch war die Utopiefähigkeit der Diskutierenden gefragt. In einer von Klaus Unterberger (ORF) moderierten Runde sollten John Evers, Doris Helmberger-Fleckl (Die Furche), Carmencita Nader (Die Zweite Sparkasse), Stefan Oppl (Universität für Weiterbildung Krems) und Tanja Wehsely (Volkshilfe Wien) eine Welt entwerfen, in der digitale Souveränität und Partizipation bereits gelungen sind. Evers stellte sich unter anderem eine Zukunft vor, in der technologische Fortschritte mehr Zeit für Bildung und persönliche Entwicklung ermöglichen und zugleich analoge Orte der Erholung erhalten bleiben. Helmberger-Fleckl entwarf das Bild einer Gesellschaft, in der analoges Lesen wieder an Bedeutung gewinnt, der digitalen Reizüberflutung bewusst Grenzen gesetzt werden und eine konstruktivere öffentliche Kommunikation dem Gefühl gesellschaftlicher Ohnmacht entgegenwirkt. Oppl wiederum setzte auf die Entwicklung von Kulturtechniken, die einen selbstbestimmten Umgang mit digitalen Technologien ermöglichen.

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