Impressum | Sitemap | English

Sprache und Integration/Partizipation

Angelika Hrubesch und Verena Plutzar 2008, aktualisiert 2013

Der Zusammenhang von Sprache und "Integration" bzw. Partizipation ergibt sich aus der Annahme, dass der Erwerb der Staatssprache durch MigrantInnen sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis von Integrationsprozessen ist.


Der Spracherwerb der Landessprache bewirkt jedoch nicht automatisch "Integration" bzw. die Möglichkeit der aktiven Partizipation. Er ist nur einer von vielen Aspekten, die für den Integrationsprozess entscheidend sind. Viele MigrantInnen machen die Erfahrung, dass ihnen trotz guter Kenntnisse der Landessprache der Zugang zu Weiterbildung, angesehenen Arbeitsstellen und anderen Ressourcen, die sozialen Aufstieg ermöglichen, verwehrt bleibt.


Werden Kenntnisse der Staatssprache für die Erlangung eines Aufenthaltstitels vorausgesetzt, kann das Nicht-Bestehen einer Prüfung zu Selektion und Segregation (statt Integration oder Partizipation) führen und werden MigrantInnen von Teilhabe ausgeschlossen.

 

Sprachliche Situation von erwachsenen MigrantInnen

Für den Erwerb der Landessprache durch MigrantInnen spielen die Aufnahme- und ihre Lebenssituation eine entscheidende Rolle. Diese werden durch sprachenpolitische, aufenthaltsrechtliche und soziale Rahmenbedingungen bestimmt. Sie definieren den sozialen Status von MigrantInnen und beeinflussen die Qualität ihrer Sprachkontakte. Die Erfahrungen in der und durch die Aufnahmegesellschaft wirken auf die Sprachlernmotivation und auf die Einstellungen von MigrantInnen gegenüber der zu erwerbenden Sprache. Die Sprachkompetenzen von MigrantInnen korrelieren nicht mit der Dauer des Aufenthalts, sondern mit der Qualität ihrer Beziehungen (Grinberg/Grinberg 1990).


Die sprachliche Situation von MigrantInnen ist durch sprachenpolitische Rahmenbedingungen im Herkunftsland ebenso bestimmt wie durch jene des Aufnahmelandes. Migration bedeutet für Individuen und Gruppen in der Regel Verlust von sprachlicher Souveränität. Das bedeutet, MigrantInnen erfahren Sprachlosigkeit und sprachlichen (wie auch gesellschaftlichen) Machtverlust. Die Unfähigkeit sich adäquat auszudrücken wird von Erwachsenen als einschränkend und verunsichernd empfunden.

Erwerb bzw. Erlernen der Staatssprache

Dass das Erlernen der deutschen Sprache in Österreich für MigrantInnen sinnvoll ist und grundsätzlich zu besseren Teilhabechancen führt, wird nicht in Frage gestellt. Es gibt jedoch Kritik am Kurs- bzw. Prüfungszwang und jenem Diskurs, der das Beherrschen des Deutschen als alleinigen "Schlüssel zur Integration" darstellt. Die Möglichkeit zur Integration/Partizipation ist von wesentlich mehr Faktoren abhängig als vom Beherrschen der Staatssprache.

 

Zunehmend wird im sprachenpolitischen Kontext in Europa das Beherrschen der Staatssprache als Bedingung für den Aufenthalt im Land verlangt. Das Nicht-Beherrschen führt demnach zu aktiver und scheinbar objektiv begründeter Ausgrenzung. Parallel zu Globalisierung und europäischer Einheit versuchen Staaten eine Einheit aus Nation und Sprache zu re-konstruieren, als Legitimation vorhandener Ausgrenzungsmechanismen bzw. restriktiver Zuwanderungspolitik.

Sprachenpolitische Rahmenbedingungen

Seit 2003 ist im österreichischen Fremdenrecht die sogenannte "Integrationsvereinbarung" verankert, mit der das Beherrschen der deutschen Sprache als "Schlüssel für Integration" festgeschrieben wird. In ihrer heutigen Fassung im Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz (vgl. Republik Österreich 2013) verpflichtet sie Neuzuwanderer_innen aus Drittstaaten, per Prüfung Deutschkenntnisse nachzuweisen (in allen sprachlichen Fertigkeiten) auf A2-Niveau, für Daueraufenthaltstitel und Einbürgerung sogar auf B1-Niveau. Bei Nichterfüllung drohen eine Reihe von Sanktionen bis hin zur Ausweisung. Diese Politik wird von Seiten der Praxis und der Wissenschaft als nicht zielführend eingeschätzt, da sie den komplexen Zusammenhang von Sprache und Integration übersieht.


Hinzu kommt Kritik an der Praxis, den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für die Beschreibung der geforderten Sprachniveaus heranzuziehen, da dieser ja explizit für die Beschreibung fremdsprachlicher Kompetenzen entwickelt wurde und nicht Segregationsinstrument sein, sondern zu einer differenzierten Beschreibung von Kompetenzen in unterschiedlichen Sprachen beitragen wollte.

 

«zurück                                                                                      weiter»

Weitere Informationen

Links

 

Literatur

  • Europarat (2013): Integration tests: helping or hindering integration. Report. Provisional version. »Link
  • Grinberg, León/Grinberg, Rebeca (1990): Psychoanalyse der Migration und des Exils. München und Wien: VIP.
  • Haider, Barbara (Hg.) (2011): Deutsch über alles? Sprachförderung für Erwachsene. Wien: Edition Volkshochschule.
  • Hrubesch, Angelika/Plutzar, Verena (2009): DaZ in Österreich. In: ÖDaF-Mitteilungen. Visionen. Gegenwart und Zukunft von DaF/DaZ in Österreich. Sonderheft zur IDT 2009, S. 29-40.
  • Hrubesch, Angelika (2010): Selektion durch Sprache. Integrationspolitik auf Österreichisch. In: ÖDaF-Mitteilungen 2/2010: Die Politik des DaF/DaZ-Unterrichts, S. 32-37.
  • Krumm, Hans-Jürgen (2006): Pausenlos Deutsch - Sprachzwang und sprachliche Identität. In: tribüne. zeitschrift für sprache und schreibung, Heft 2/2006, S. 10-13.
  • Krumm, Hans-Jürgen (2009): Deutsch lernen für die Integration - ein (unkalkulierbares?) Risiko: die Rolle von Sprachprüfungen bei der sprachlichen Förderung von MigrantInnen. In: Kerschhofer-Puhalo, Nadja/Plutzar, Verena (Hg.): Nachhaltige Sprachförderung. Zur veränderten Aufgabe des Bildungswesens in einer Zuwanderergesellschaft. Bestandsaufnahmen und Perspektiven. Innsbruck/Wien/Bozen: StudienVerlag, S. 75-84.
  • Krumm, Hans-Jürgen (2012): Deutsch für die Integration - notwendig, aber nicht hinreichend. Weshalb der Deutschzwang Integration behindern kann und wie das besser zu lösen wäre. Vortrag im Rahmen der Fachtagung Integration, St. Gallen am 11.01.2012. »Link
  • Salgado, Rubia (2010): Deutsch als Zweitsprache im Kontext hegemonialer Verhältnisse. Oder: Das Einzige, was wir wollen, ist die Welt zu verändern. In: ÖDaF-Mitteilungen 2/2010: Die Politik des DaF/DaZ-Unterrichts, S. 38-44.
  • Van Avermaet, Piet (2011): Tests for citizenship and integration in Europe. A critical reflection. In: Haider, Barbara (Hg.): Deutsch über alles? Sprachförderung für Erwachsene. Wien: Edition Volkshochschule, S. 59-76

 

«zurück                                                                                      weiter»