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Migration - "Migrationshintergrund"

Annette Sprung 2008, aktualisiert 2013

Die im Zusammenhang mit der Mobilität von Menschen verwendete Terminologie ist nicht einheitlich, es liegen enge und weite Definitionen des Migrationsbegriffes vor. Der Fokus dieses Dossiers liegt auf internationalen Wanderungsbewegungen bzw. deren Auswirkungen auf die österreichische Gesellschaft und ihr Bildungswesen. Migration ist Ursache und Folge von Globalisierungsprozessen und zeigt sich in sehr vielschichtigen Wanderungsmustern. Die für die eingewanderten Personen sowie ihre Nachkommen verwendeten Bezeichnungen unterliegen einem historischen Wandel - sie spiegeln stets auch herrschende Diskurse im Umgang mit dem Phänomen Migration wider.

 

Begriffsbestimmung Migration

Als "Migration" wird der auf Dauer ausgerichtete oder dauerhaft werdende Wechsel des Wohnsitzes von Menschen in eine andere Region - auch innerhalb eines Nationalstaates -  bezeichnet (vgl. Treibel 1999). Einschlägige Theorien und Diskurse nehmen in der Regel jedoch auf grenzüberschreitende Wanderungsbewegungen Bezug. Die meisten internationalen Statistiken klassifizieren die Verlegung des Lebensmittelpunktes in Anlehnung an die Definition der UNO über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr als (Langzeit-)Migration. In rechtlicher Hinsicht sind MigrantInnen in Österreich je nach Einwanderungsgrund (Asyl, Arbeitskräftewanderung, Familiennachzug, Ausbildung, sonstige Gründe) unterschiedlichen Gesetzen unterworfen.

Wandel von Migrationsmustern

Wanderungsbewegungen stellen zwar kein historisch neues Phänomen dar, ihr Umfang, die sich ausdifferenzierenden Erscheinungsformen (Mehrfachwanderungen, Pendelbewegungen, Feminisierung uvm.) sowie ihre weitreichenden Effekte unterscheiden sich jedoch deutlich von Wanderungen früherer Epochen. Theorien zu transnationalen Migrationsprozessen verweisen auf komplexe neue Mobilitätsdynamiken, die unter anderem zur Entstehung sogenannter transnationaler Sozialräume führen. Darin orientieren sich Menschen in ihren Zugehörigkeitsverständnissen nicht unbedingt an einem Herkunftskontext oder einem Zielland in Form eines "Entweder-oder". Ihre Alltagpraxen sind - nicht zuletzt mithilfe neuer Kommunikationstechnologien - in Teilbereichen ortsunabhängig bzw. auf mehrere Kontexte ausgerichtet. Vereinfacht ausgedrückt kann man heute tausende von Kilometern von seiner Familie entfernt leben und trotzdem täglich via Skype in deren Wohnzimmer präsent sein. Nach Ludger Pries stellen transnationale Sozialräume grenzüberschreitende alltägliche Lebenszusammenhänge dar (vgl. Pries 2008).

Bezeichnungspraxen: Gängiger, aber diskriminierender Begriff "Migrationshintergrund"

Zur Bezeichnung von Menschen, die selbst oder deren Eltern nach Österreich eingewandert sind, existieren unterschiedliche Begrifflichkeiten. Ist von ausländischen StaatsbürgerInnen die Rede, steht die nationalstaatliche Zugehörigkeit in ihrer rechtlichen Verankerung im Mittelpunkt. Unter MigrantIn oder ImmigrantIn sind Personen zu verstehen, die entweder innerhalb des Nationalstaates (Binnenmigration) oder grenzüberschreitend ihren Wohnort und Lebensmittelpunkt verlagert haben. Allerdings wird die Bezeichnung "MigrantIn" im alltäglichen Sprachgebrauch in der Regel nur für internationale Wanderungen angewendet. Da der Integrationsdiskurs ebenso die in Österreich geborenen Nachkommen von EinwanderInnen einschließt, wurde bei der Erhebung statistischer Daten (seit 2008) wie auch im öffentlichen Diskurs in den letzten Jahren dazu übergegangen, von "Menschen mit Migrationshintergrund" zu sprechen. Laut Statistik Austria werden damit Personen erfasst, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden.


Kritische Perspektiven auf diese Bezeichnungspraxen machen deutlich, dass die Zuschreibung eines Migrationshintergrundes stets auch einen Akt der Etikettierung und der Differenzsetzung zwischen einem "Wir" und den "Anderen" darstellt. Abgesehen davon kann die Idee, durch neue, scheinbar neutrale Begriffe negative Konnotationen zu vermeiden, nicht gelingen, solange die dahinterliegenden ausgrenzenden Diskurse keinen Wandel erfahren. Waren früher "AusländerInnen" als Defizitträger assoziiert, besteht mittlerweile durchaus ebenso mit dem Terminus Migrationshintergrund eine ähnliche diskursive Verknüpfung.


Auch unter WissenschafterInnen ist umstritten, welchen Erklärungswert die Kategorie "Migrationshintergrund" als Benennung einer äußerst heterogenen Gruppe aufweist. Unter anderem wird damit der Aspekt einer Migrationsbiographie gegenüber anderen, möglicherweise relevanteren Faktoren (wie z.B. Bildung oder soziale Milieuzugehörigkeit) in den Vordergrund gerückt. Viele als Menschen mit Migrationshintergrund bezeichnete AkteurInnen verwehren sich zu Recht gegen diese Zuschreibung. Dennoch stellt "Migrationshintergrund" aktuell nicht nur eine statistische Kategorie dar, sondern zählt zu den gebräuchlichsten Begriffen in Integrationsdebatten.

 

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Weitere Informationen

Links

 

Literatur

  • Bade, Klaus J. (Hg.) (2007): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paderborn: Schöningh.
  • Fassmann, Heinz (Hg.) (2009): Migration and mobility in Europe. Trends, patterns and control. Cheltenham, UK: Elgar.
  • Lutz, Helma (Hg.) (2009): Gender Mobil? Geschlecht und Migration in transnationalen Räumen. Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Penninx, Rinus/Berger, Maria/Kraal, Karen (Hg.) (2006): The dynamics of international migration and settlement in Europe. A state of the art. Amsterdam: Amsterdam Univ. Press.
  • Pries, Ludger (2008): Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Sprung, Annette (2011): Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann.
  • Treibel, Annette (1999): Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht. Juventa: Weinheim und München.

 

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