Kompetenzen von ErwachsenenbildnerInnen

CC BY Lucia Paar und Wilfried Frei (geb. Hackl) - Redaktion/CONEDU, 2019/2020

Das Sammeln von formalen Qualifikationsnachweisen gilt als Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt. Aber auch die beruflichen Erfahrungen und die damit zusammenhängenden Fähigkeiten, also die erworbenen Kompetenzen, sind von Bedeutung.

ErwachsenenbildnerInnen brauchen zur Ausübung ihres Berufs sowohl fachliche wie auch überfachliche Kompetenzen. Verschiedene Kompetenzmodelle versuchen diese Vielfalt zu erfassen.

Inhalt:

Grundlegende Fähigkeiten und Kenntnisse von ErwachsenenbildnerInnen

Gruber und Lenz (2016) beschreiben folgende Kompetenzen:

  • Wissen über ein für die Erwachsenenbildung/Weiterbildung relevantes Fach- oder Themengebiet
  • Fähigkeit, Lehr- und Lernprozesse erwachsenengerecht zu planen, durchzuführen und zu evaluieren
  • Wissen über Teilnehmende, Zielgruppen und Lebenswelten
  • Erkennen von gesellschaftlichen, historischen und internationalen Zusammenhängen
  • Souveränität und Einfühlungsvermögen im Umgang mit Erwachsenen
  • Ausgeprägte Managementfähigkeiten und ein hohes Maß an Flexibilität im Umgang mit Erwachsenen
  • Fähigkeit, neue Entwicklungen zu erkennen und diese in die erwachsenenbildnerische Tätigkeit einfließen zu lassen

 

Kompetenzprofil von ErwachsenenbildnerInnen nach wba

Die Weiterbildungsakademie Österreich (wba) anerkennt Kompetenzen von ErwachsenenbildnerInnen nach definierten Standards. Sie vergibt Abschlüsse im Bereich der Erwachsenenbildung auf zwei Stufen: das wba-Zertifikat und das wba-Diplom. In diesem Rahmen hat die wba ein Qualifikationsprofil erstellt, in dem sie Kompetenzen von wba-zertifizierten und –diplonierten ErwachsenenbildnerInnen definiert. Die Grundkompetenzen (nach wba-Zertifikat) stellen sich zusammenfassend wie folgt dar (siehe Qualifikationsprofil des wba-Zertifikats):

 

Bildungstheoretische Kompetenz Dabei geht es u.a. darum, pädagogische Theorien zu kennen und darum Struktur, Rahmenbedingungen und Geschichte der Erwachsenenbildung in Österreich zu kennen.
Didaktische Kompetenz Darunter fällt u.a., dass ErwachsenenbildnerInnen didaktische Planungsschritte wie Kurskonzepte, Seminarprogramme und Methoden analysieren und bewerten können.
Managementkompetenz Dabei geht es u.a. darum, Abläufe der Programmplanung, Veranstaltungsorganisation, ggf. auch des Projektmanagements in Bildungseinrichtungen beschreiben zu können und Evaluationsmaßnahmen sowie die für die EB relevante Rechtsmaterie zu kennen.
Beratungskompetenz Diese beinhaltet u.a., dass ErwachsenenbildnerInnen Interventionen bzw. grundlegende Methoden der Gesprächsführung und der professionellen Beratung angeben und förderliche Rahmenbedingungen von Beratung begründen können.
Medienkompetenz Dabei geht es u.a. darum, gängige Medien zur Gestaltung von Bildungsprozessen situations- und zielgruppenorientiert einsetzen und Informationsquellen kritisch bewerten zu können.
Soziale Kompetenz Darunter fällt u.a., dass ErwachsenenbildnerInnen sich an Gesprächen rollenadäquat, konstruktiv und lösungsorientiert beteiligen können sowie in Teams zweckgerichtet und auf ein gemeinsames Ziel hin zusammenarbeiten können
Personale Kompetenz Diese beinhaltet u.a., dass ErwachsenenbildnerInnen ihre Fähigkeiten, Potenziale, Entwicklungsfelder und ihr Verhalten reflektieren können und in unterschiedlichen, nicht vorhersehbaren Situationen eigenständig und flexibel reagieren können.

 

Je nach Schwerpunktsetzung in der Erwachsenenbildung (Beratung, Bildungsmanagement, Lehre oder Bibliothekswesen) beschreibt die wba im Qualifikationsprofil des wba-Diploms dem Schwerpunkt entsprechend vertiefte Kompetenzen sowie Kompetenzen im wissenschaftsorientierten Arbeiten.

Schlüsselkompetenzen für ErwachsenenbildnerInnen in Europa

Ein Projektkonsortium aus verschiedenen europäischen Ländern hat ein Konzept für einen transnationalen Qualifikationsrahmen von ErwachsenenbildnerInnen in Europa entwickelt. Das Konzept der HerausgeberInnen Nils Bernhardsson und Susanne Lattke baut auf dem sogenannten pädagogischen Dreieck auf, das die drei wichtigsten Elemente in pädagogischen Settings beschreibt: das Thema/der Inhalt, der/die Lehrende/LernbegleiterIn und der/die Lernende. Entsprechend dieser Unterscheidung teilen die AutorInnen die Kernkompetenzen in drei Kompetenzbereiche ein:

  • Kompetenzen zu Inhalt und Didaktik
  • Kompetenz im Kontext Persönlich Entwicklung und Entwicklung des "beruflichen Selbst"
  • Kompetenz im Umgang mit Lernenden

 

Für ErwachsenenbildnerInnen gilt es, alle diese Bereiche in ihrem sozialen und beruflichen Kontext zu realisieren und zu kombinieren.

 

Der Qualifikationsrahmen folgt der Struktur des "Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen (EQR)" auf den Qualifikationsstufen 5 und 6. Die AutorInnen unterscheiden darin entsprechend dem EQR nach Kenntnissen und Fertigkeiten und Verantwortung und Autonomie (entspricht dem Begriff "Kompetenzen" im EQR).

 

Hier ein Beispiel aus dem Kompetenzrahmen zur Kernkompetenz "Persönliches Selbst" auf Level 5 (ohne den Baustein "Fertigkeiten"):

Kernkompetenz

  • Persönliche Kompetenz
  • Berufliche Entwicklung

Kenntnisse - Level 5

ErwachsenenbildnerInnen verfügen über umfassende, fachliche, sachliche und theoretische Kenntnisse in ihrem Arbeitsbereich und in den folgenden Bereichen:

  • Beurteilung der Lernbedürfnisse und des Leistungsniveaus
  • Methoden der Selbstreflexion und Selbstbewertung
  • Kreativitätstechniken
  • Entspannungstechniken und -methoden für den Umgang mit Stress
  • Kenntnis aktueller Aktivitäten versch. Netzwerke, die die Professionalisierung der Erwachsenen- und Weiterbildung unterstützen
  • Psychologie (Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung durch andere sowie Körpersprache und Selbstdarstellung)
  • Besonderheiten und Grenzen der beruflichen Rolle
  • [ErwachsenenbildungerInnen] sind sich ihrer Grenzen bezüglich der Wissensressourcen für eine abstraktere Reflexion und Begründung ihres Handelns bewusst

Verantwortung und Autonomie - Level 5

ErwachsenenbildnerInnen:

  • steuern ihre Lernbedürfnisse und Ziele
  • planen autonom, reflektieren und evaluieren die Entwicklung ihres beruflichen Selbstverständnisses

 

 

Aus 2010 gibt es zudem noch die im Auftrag der Europäischen Kommission entwickelte Studie "Key competences for adult learning professionals". Sie beschreibt 19 Schlüsselkompetenzen für ErwachsenenbildnerInnen. Die AutorInnen unterscheiden dabei zwischen Kompetenzen, die für alle Bereiche der Erwachsenenbildung notwendig sind von jenen, die für spezifische Aufgaben benötigt werden. Die Ergebnisse der Studie wurden breit aufgenommen und bilden seither im europäischen Diskurs einen zentralen Referenzpunkt, wenn es darum geht, zu benennen, was ErwachsenenbildnerInnen als kompetent auszeichnet.

 

Radio-Sendung zu Aufgaben und Kompetenzen von Erwachsenenbildner*innen

Philipp Assinger von der Universität Graz sprach auf Radio Helsinki über die Tätigkeiten und Schlüsselkompetenzen in der Erwachsenenbildung.

 

Sendung nachhören

Zunehmend wichtig: Digitale Kompetenzen von ErwachsenenbildnerInnen

Digitalität ist im beruflichen und außerberuflichen Leben im 21. Jahrhundert zum Alltag geworden und wird zukünftig noch stärker in ihren Potentialen erkannt und genutzt werden. Sie hat einerseits Auswirkungen auf die verwendeten Medien in der Erwachsenenbildung. Andererseits ist die Erwachsenenbildung gefordert, den digitalen Wandel reflektiert mitzugestalten. Es geht also darum, alle Erwachsenen in ihrer digitalen Kompetenzentwicklung zu unterstützen und zugleich den Leitmedienwandel mit seinen Konsequenzen kritisch zu reflektieren.

 

Das alles bewirkt spezifische Anforderungen an ErwachsenenbildnerInnen, die nicht nur digitale Kompetenzen vermitteln oder (je nach inhaltlichem Auftrag) en passant fördern sollen, sondern auch digitale Medien zum Lehren und Lernen verwenden und didaktisch wohldurchdacht einsetzen sollen – nicht zuletzt, weil immer mehr KursteilnehmerInnen aufgrund ihrer Digitalgewohnheiten genau das erwarten.

 

Hierfür ist ein spezifisches Bündel von Kompetenzen erforderlich, für dessen Bezeichnung unterschiedliche Begriffe wie etwa Computerkompetenz, Medienkompetenz oder digitale Kompetenz in Umlauf sind, wie die Expertin Gaby Filzmoser ausführt.

Welche Art von Kompetenz gefragt ist

Technisches Können allein greife zu kurz, so Matthias Rohs, Bildungswissenschafter und Professor für Erwachsenenbildung an der TU Kaiserslautern. Er fordert eine stärkere Reflexion der gesellschaftlichen Aspekte des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien und weist darauf hin, dass die eigene Mediensozialisation einen entscheidenden Einfluss darauf habe, wie erfolgreich sich ErwachsenenbildnerInnen im Laufe ihres beruflichen und privaten Lebens medienbezogene Kompetenzen aneignen.


Damit greift er eine Kernaussage der Dagstuhl-Erklärung auf, die von der Gesellschaft für Informatik e.V. (der mitgliederstärksten Fachgesellschaft für Informatik im deutschsprachigen Raum) 2016 veröffentlich wurde. Sie besagt: "Bildung in der digitalen vernetzten Welt (kurz: Digitale Bildung) muss aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive in den Blick genommen werden." Das vielzitierte Dagstuhl-Dreieck veranschaulicht diese Aussage:

Grafik: Alle Rechte vorbehalten, Gesellschaft für Informatik e.V., https://gi.de/fileadmin/GI/Hauptseite/Themen/Dagstuhl-Erkla__rung_2016-03-23.pdf

Aktuelle Kompetenzmodelle für ErwachsenenbildnerInnen setzen daher auf technologische und didaktische Kompetenz, um digitale Lehr- und Lernmedien souverän einsetzen zu können, und andererseits auf Reflexion. Für den betreffenden Kompetenzerwerb ist nicht nur technisches Wissen bedeutsam, sondern auch die individuellen Einstellungen und Erfahrungen in puncto digitaler Medien sind relevant.

Wie sich das in aktuellen Kompetenzmodellen abbildet

wba-Qualifikationsprofil: Medienkompetenz


Digitale Anforderungen an ErwachsenenbildnerInnen finden sich für Österreich beispielsweise im Qualifikationsprofil der wba (Stand: 01/2020) unter der Bezeichnung "Medienkompetenz". Das Modell unterscheidet hierbei ebenso Aspekte der Anwendung und der Reflexion. Aspekte der Anwendung umfassen z.B. die Mediengestaltung und -nutzung. Zu den Aspekten der Reflexion zählen beispielsweise rechtliche und ethische Aspekte der Mediennutzung, Quellenkritik, Reflexion der Mediennutzung sowie die Reflexion zur gesellschaftlichen Bedeutung öffentlicher Bibliotheken.

 

Europäischer Rahmen für die Digitale Kompetenz von Lehrenden (DigCompEdu)


Das europäische Framework DigCompEdu richtet sich an Lehrende allgemein (d.h. nicht spezifisch an ErwachsenenbildnerInnen), bietet jedoch eine umfassende Orientierung über digitale Kompetenz als Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts.

 

Digitale Kompetenz gliedert sich laut DigCompEdu in folgende sechs Kompetenzbereiche:

  • berufliches Engagement
  • Auswahl, Erstellung und Veröffentlichung von digitalen Ressourcen
  • Lehren und Lernen mit digitalen Medien
  • Erhebung und Analyse lernrelevanter Daten sowie Bereitstellung von Feedback
  • Einsatz digitaler Medien zur Differenzierung und Individualisierung sowie aktiven Einbindung der Lernenden
  • Förderung der digitalen Kompetenzen der Lernenden

 

In den Kompetenzbereichen sind insgesamt 22 Kompetenzen angeführt, die auf sechs Stufen (A1/EinsteigerInnen bis C2/VorreiterInnen) ausgeprägt sein können.

 

Das DigCompEdu CheckIn Tool ist ein Test zur Selbstüberprüfung, mit dessen Hilfe Lehrende ihre digitalen Kompetenzen beim Einsatz digitaler Medien im Bildungskontext reflektieren können. Neben einer Version für Lehrende an Schulen bzw. an Hochschulen gibt es hier auch einen Test speziell für Lehrende in der Erwachsenenbildung.


Weitere Selbsttests für Lehrende wie z.B. MEKWEP oder digi.checkP finden sich in diesem Nachrichtenbeitrag.

Wie ein entsprechender Kompetenzerwerb möglich ist

Lernen in Hinblick auf den digitalen Leitmedienwandel ist nur zum Teil durch formelle und non-formale Bildungsangebote zu leisten - dem informellen Lernen kommt bereits jetzt große Bedeutung zu. Insbesondere wer mit digitalen Mitteln lernt, tut das zu 80% selbstgesteuert über das Internet.


Nichtsdestotrotz gibt es eine zunehmende Anzahl spezifischer Weiterbildungsangebote für ErwachsenenbildnerInnen zum digitalen Arbeiten - die Palette reicht dabei von Kurzveranstaltungen bis zu mehrmonatigen Ausbildungen. Eine Übersicht bietet der einschlägige Weiterbildungskalender am Portal erwachsenenbildung.at.
Einen besonderen Stellenwert haben dabei offene Lernangebote, da sie dem informellen Charakter der Kompetenzentwicklung im digitalen Bereich entgegenkommen. Zu diesen offenen Lernangeboten gehört beispielsweise das EBcamp der KEBÖ zu, ein themenoffenes Barcamp, das seit 2018 am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung durchgeführt wird. Das bislang teilnehmerInnenstärkste offene Angebot in Österreich ist der EBmooc plus – Offener Onlinekurs für ErwachsenenbildnerInnen. Er bezieht sich in seinen neun Modulen explizit auf das Kompetenzmodell der wba und ist außerdem nach dem österreichischen Kompetenzmodell DigComp 2.2. AT referenziert und mit den Kompetenzen des DigcompEdu in Bezug gesetzt.

Wie sich die Rollen von ErwachsenenbildnerInnen ändern

Mit dem digitalen Wandel geht auch eine Transformation der Lerngewohnheiten und eine Veränderung der nachgefragten Bildungsformate einher. Selbstgesteuertes Lernen im Internet nimmt zu, Blended Learning-Angebote in der Erwachsenenbildung werden unverzichtbar und eine Entwicklung hin zu mehr offenen Online-Angeboten (mit oder ohne Begleitung) scheint sehr wahrscheinlich. Damit verändern sich auch die Rollen der ErwachsenenbildnerInnen.


Bei einer Diskussion im Rahmen des Barcamps rund um Digitalisierung in der Erwachsenenbildung (#EBcamp18) kamen die TeilnehmerInnen zu dem Schluss, dass im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung eine Spezialisierung und Ausdifferenzierung verschiedener Berufsrollen in der Erwachsenenbildung anzunehmen ist.


Demnach werden viele ErwachsenenbildnerInnen in Zukunft im Kursraum verstärkt technologiegestützt arbeiten. Zusätzlich sind folgende weitere Rollen zu erwarten:

  • "Online-GestalterInnen", die digitalen Content produzieren (Videos, Apps, Onlinetexte, Spiele), Online-Veranstaltungen moderieren oder neue Blended-Learning-Formate entwickeln
  • "Online-BegleiterInnen", die beraten und Lernanfragen beantworten, Wegweiser zu geeigneten Online-Angeboten und Lerntools sind oder als (individuelle LernbegleiterInnen) arbeiten
  • "Präsenz-BegleiterInnen", die die gleichzeitige physische Präsenz mit Lernenden neu nutzen, störungsfreie analoge Reflexionsräume sichern und reinen Präsenzangeboten eine neue Bedeutung geben

Quellen und weitere Informationen