Geschlecht und Gender

Surur Abdul-Hussain (2006); aktualisiert und ergänzt 2014

Die wissenschaftliche Debatte zum Thema Geschlecht ist multi- und interdisziplinär. Mit einem transdisziplinären Anspruch wird Geschlecht zu einem äußerst komplexen Begriff. Für die Erwachsenenbildung sind einige Aspekte besonders zentral: Soziologisch betrachtet ist Geschlecht eine Strukturkategorie. Demnach bestimmt unsere Geschlechtszuweisung bzw. -zugehörigkeit unsere gesellschaftliche Positionierung und welche Möglichkeiten wir innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens haben. Eng damit verknüpft ist die sozialpsychologische Ebene, wonach Geschlecht einen zentralen Teil unserer Identität ausmacht (Geschlechtsidentität). Geschlecht umfasst darüber hinaus biologische und soziale Aspekte (Gender) sowie das sexuelle Begehren. Alle drei Aspekte sind in der gesellschaftlich normierenden Geschlechterordnung eng miteinander verknüpft: Ein biologisch zugewiesener Mann zum Beispiel verhält sich männlich im Sinne der gesellschaftlichen Norm (sozialer Aspekt) und begehrt Frauen.


Im Unterschied zu dieser normierenden Geschlechterordnung ist es in der Erwachsenenbildung notwendig, von einer Vielfalt von Gender- und Geschlechtsidentitäten sowie von einer Begehrensvielfalt auszugehen. So können wir die Genderintegrität unserer Teilnehmer_innen wahren. Dafür benötigen wir fundiertes Wissen zu Geschlecht und Gender. Im Folgenden werden zentrale Aspekte näher ausgeführt.

 

Geschlecht und Gender

In der englischen Sprache wird seit Jahrhunderten zwischen biologischem Geschlecht (Sex) und grammatischem Geschlecht (Gender) unterschieden. Die Sexualwissenschaftler John Money und John Hampson adaptierten diese Begriffe im Kontext der medizinisch-psychiatrischen Diskussion um Transsexualität (1950er Jahre), in dessen Rahmen sie vor allem von Robert Stoller weiterentwickelt wurden. Mit Gender bezeichneten Money, Hampson und Stoller die Geschlechtsidentität und die Geschlechterrollen und mit Sex das biologische Geschlecht. In den 1970er Jahren wurde diese Unterscheidung von der zweiten Frauenbewegung aufgegriffen. Die Unterscheidung von Sex und Gender argumentiert die Trennung von biologischem Geschlecht und sozialen Zuschreibungen. Aussagen wie "Frauen sind technisch unbegabt und Männer können von Natur aus keine Hausarbeit machen" wird damit jede Argumentationsgrundlage entzogen.


In der jüngeren Geschichte wird die Trennung von Sex und Gender kritisch in Frage gestellt. Einerseits macht die Philosophin und Gendertheoretikerin Judith Butler darauf aufmerksam, dass auch biologische Zuschreibungen und Kategorisierungen sozialen Prozessen unterliegen. Andererseits weisen die Neurowissenschaften auf die Rekursivität (Wechselwirkung) von Biologie und Psychologie hin. Beispielsweise ist unsere Gehirnstruktur maßgeblich von unserem Verhalten beeinflusst. Umgekehrt können sich zum Beispiel hormonelle Veränderungen auf unsere Empfindungen auswirken. Geschlecht ist darüber hinaus nicht isoliert zu betrachten, sondern immer in Wechselwirkung mit weiteren sozialen Kategorien wie Alter, Hautfarbe, ethnischer Herkunft, Behinderung oder Beeinträchtigung, sexuellen Orientierungen, Religion oder Weltanschauung.

Ist biologisch alles eindeutig?

Wir könnten meinen, dass beim biologischen Geschlecht (Sex) alles eindeutig sei. Die biologische Forschung und die Medizin bieten schon seit den frühen 1970er Jahren andere Antworten an: Die visuelle Geschlechtsidentifikation bei der Geburt ist nicht die einzige Möglichkeit, das biologische Geschlecht zu bestimmen. Vielmehr können wir Chromosomen, das Keimdrüsen- oder Gonadengeschlecht oder die Hormone untersuchen. Bei diesen Untersuchungen zeigt sich, dass eine streng biologische und zugleich eindeutige Geschlechtsdefinition nicht existiert, sondern dass vielmehr von einer biologischen Diversität ausgegangen werden muss. Daher können wir Geschlecht nicht als zwei entgegengesetzte und einander ausschließende Kategorien denken. Es geht darum, (auch) biologisches Geschlecht als Kontinuum zu verstehen.

Doing Gender

Eine für die Interaktion in der Erwachsenenbildung bedeutsame Herangehensweise bietet der sogenannte ethnomethodologische Konstruktivismus an. Dieser Ansatz beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Normen aus einer besonderen Perspektive. In Bezug auf Gender ist diese besondere Perspektive die Transidentität. Harold Garfinkels Fallstudie (1967) über die transidente Agnes ist ein bedeutender Ausgangspunkt für diese Studien. Durch die akribische Beobachtung der Mann-zu-Frau-Geschlechtsanpassung von Agnes konnte Garfinkel herausarbeiten, wie wir in unseren alltäglichen Interaktionen Gender inszenieren und konstruieren. Er belegt mit seiner Studie, dass alle alltäglichen Handlungen und Interaktionen durch Geschlecht und Gender geprägt sind. Wir nehmen also in jeder Situation unser sowie das Geschlecht und Gender aller anderen Personen wahr. Dementsprechend versuchen wir meist gesellschaftlich erwünscht und angemessen zu agieren. Durch diese Allgegenwärtigkeit von Geschlecht wird Gender aber auch (all)täglich neu konstruiert und inszeniert. Dieser Prozess gründet nach Garfinkel auf wechselseitigen Verhaltenserwartungen und -entsprechungen in jeder Interaktion. Der Prozess dieser Genderinszenierung wird in der Ethnologie auch als "Doing Gender" (West/Zimmerman 1987) bezeichnet. Geschlecht ist somit nicht etwas, was wir haben, sondern etwas, das wir tun (Carol Hagemann-White 1993).

Performing Gender

Fokussiert Doing Gender auf die konkrete Interaktionssituation, so beschäftigt sich Performing Gender mit der diskursiven Einbettung der Interaktion und mit Sprache als besonderem Moment der Interaktion. Diese diskurstheoretische Herangehensweise konzentriert sich somit auf Sprache und Diskurs als Momente der Konstruktion von Gender. Judith Butler ist jene Theoretikerin, welche die Grundlagen für diese Herangehensweise erarbeitet hat. Sie bezieht sich in ihrem Diskursbegriff auf den französischen Philosophen Michel Foucault (1996). Danach sind Diskurse Systeme des Denkens und Sprechens und somit auch Orte der Konstruktion von Gender (Villa 2003). Diskurse bilden demnach einen Rahmen, in dem Wörter und Sprache ihre Bedeutungszuschreibungen erlangen und in dem gewisse Denk- und Ausdrucksweisen integriert sind. Andere werden ausgeschlossen. So ist es diskursabhängig, welche Geschlechtsidentitäten wahrgenommen und anerkannt werden und wie sie benannt werden.


Zur Frage nach der konkreten Konstruktion von Geschlecht bezieht sich Judith Butler auf John L. Austins (1985) Sprechakttheorie. Danach haben Sprechakte, also konkretes Sprechen von konkreten Personen, Handlungscharakter. Zum Beispiel erklärt eine Pfarrerin ein Paar zu Mann und Frau, ein Richter spricht ein Urteil oder eine Jury bestimmt die Nobelpreisträgerin des Jahres. Dementsprechend werden diese Sprechakte auch als "performative Sprechakte" bezeichnet (Austin 1979). Mit Hilfe dieser Theorie beschreibt Butler jedes Sprechen als performativen Sprechakt: Wir handeln durch unser Sprechen und konstruieren auf diese Weise Gender. Zum Beispiel: "Was machen Sie mit Ihrem Kind während des Kurses!?" Oder: "Herr Mustermann ist ein verantwortungsvoller Vater, er geht sogar in Karenz." Performative Sprechakte sind immer in Diskurse eingebettet und entwickeln unter bestimmten Bedingungen eine besondere Wirksamkeit.

Begriffsklärung Gender

Unser persönliches Doing und Performing Gender steht in enger Verbindung mit unserer Sozialisation und Enkulturation (unserer kulturellen Entwicklung). Je nach persönlicher Auseinandersetzung identifizieren wir uns mehr oder weniger mit den erlernten Geschlechterrollen und halten sie entsprechend mehr oder weniger ein. In diesen Prozessen entwickeln wir unsere persönliche Geschlechts- und Genderidentität. Sozialisation und Enkulturation sind immer in soziokulturelle Lebenswelten, sogenannte "soziale Welten" eingebettet. Soziale Welten sind soziale Gruppen, die eine gemeinsame Weltsicht, gemeinsame Überzeugungen und gemeinsame Ordnungsschemata teilen (Petzold 2003a). Im Laufe unseres Lebens lernen wir viele soziale Welten kennen und alle haben unterschiedliche, von Machtdiskursen (Foucault 1996) geprägte kollektive Vorstellungen und Überzeugungen zum Thema Gender.


Diese Weltanschauungen und Machtdiskurse beeinflussen unsere "sozialen Repräsentationen" (Moscovici 1961, 2001), unsere Bilder im Kopf. Unsere Bilder haben immer auch eine gesellschaftliche und eine subjektive Dimension. Kollektive Werte und Normen geben vor, wie wir zu sein haben und wie wir in allen Genderkonstellationen miteinander kommunizieren und interagieren sollten. Unsere subjektiv-mentalen Repräsentationen hingegen entstehen aus unserer Auseinandersetzung mit den kollektiven Vorstellungen über Gender und mit unseren persönlichen Erfahrungen. Auf diese Weise entstehen persönliche Bilder über sich selbst, die eigene Geschlechts- und Genderidentität sowie die (Gender-)Beziehung zu anderen. Die Auseinandersetzung mit diesen vielfältigen kollektiven und subjektiven Bildern im Kopf ist für eine gendersensible Erwachsenenbildung besonders bedeutsam, weil diese Bilder unser Denken, Fühlen und Handeln und damit unser Lern- und Gruppenverhalten bestimmen.


Zusammengefasst lässt sich Gender folgendermaßen definieren:


Gender beschreibt soziokulturelle Aspekte der Geschlechtlichkeit von Subjekten, welche sie in Enkulturations- und Sozialisationsprozessen und in Rekursivität mit ihren biologischen Prozessen in ihren jeweiligen soziokulturellen Kontexten erwerben und gestalten. In sozialen Welten (Petzold 2003a) werden Wert- und Normvorstellungen von Gender ausgebildet, welche von Machtdiskursen und -konstellationen (Foucault 1996) geprägt sind und sich in kollektiv- und subjektiv-mentalen Repräsentationen (Moscovici 2001) des Denkens, Fühlens und Handelns sowie in ihren Interaktionsmustern, ihrer Körpersprache (Doing Gender) (West, Zimmerman 1987) und ihrer sprachlichen Performanz (Performing Gender) (Butler 1993) zeigen. (Abdul-Hussain 2012)

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Weitere Informationen

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Abdul-Hussain, Surur (2012): Genderkompetenz in Supervision und Coaching. Mit einem Beitrag von Ilse Orth und Hilarion G. Petzold zu "Genderintegrität". Wiesbaden: Springer VS Verlag.
  • Austin, John L. (1985): Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart: Reclam.
  • Butler, Judith (1993): Für ein sorgfältiges Lesen. In: Benhabib, Seyla/Butler, Judith/Cornell, Drucilla/Fraser, Nancy (Hg.): Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 122-132.
  • Foucault, Michel (1996): Diskurs und Wahrheit: die Problematisierung der Parrhesia. 6 Vorlesungen, gehalten im Herbst 1983 an der Universität von Berkeley/Kalifornien. Berlin: Merve.
  • Garfinkel, Harold (1967): Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs N.J.: Prentice-Hall.
  • Hagemann-White, Carol (1993): Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Methodische Einsichten einer theoretischen Einsicht. In: Feministische Studien, 11(2), S. 68-78.
  • Moscovici, Serge (1961): La psychanalyse, son image, son public. Paris: PUF.
  • Moscovici, Serge (2001): Social Representations. Explorations in Social Psychology. New York: New York University Press.
  • Petzold, Hilarion G. (2003a): Integrative Therapie. 3 Bände. Überarbeitete und ergänzte Neuauflage. Paderborn: Junfermann Verlag.
  • Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler. Campus Einführungen. Frankfurt, New York: Campus Verlag.
  • West, Candace/Zimmerman, Don H. (1987): Doing Gender. In: Gender and Society, 1, S. 125-151.

 

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