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Erste Schritte

Christoph Straka (2017)

Frühe Ansätze einer theoretischen Begründung der Volksbildung in Österreich finden sich im 19. Jahrhundert bei Carl Bernhard Brühl und Adalbert Stifter. Später wurden theoretische Überlegungen im „Zentralblatt für Volksbildungswesen“ (1901-1916) vertieft. Um die Jahrhundertwende erforschte Ludo Moritz Hartmann die Teilnehmenden an den volkstümlichen Universitätsvorträgen durch die so genannte „Hörerstatistik“. Während die bäuerlich-katholische Volksbildung lediglich begleitend erforscht wurde, lagen der ArbeiterInnenbildung tief gehende gesellschaftstheoretische Reflexionen zugrunde.

 

Frühe theoretische Reflexionen

Der Anatom Carl Bernhard Brühl (1820-1899) legte in Ansätzen eine frühe politische und religiöse Begründung für die universitäre Volksbildung vor. Er trat als Vorkämpfer für das englische Modell der Universitätsausdehnung (University Extension) in Österreich ein. Die Universitäten hätten die Pflicht „nicht bloss durch Schrift, sondern auch durch das lebendige Wort und durch That […] ihre Wissenschaft den grösstmöglichen Kreisen ihrer Mitbürger mitzutheilen“ (Brühl 1868).

 

Neben Carl Bernhard Brühl ist auch Adalbert Stifter (1805-1868) ein beinahe vergessener Vorkämpfer der liberalen Volksbildungsidee. Stifter beantragte vergeblich, „öffentliche Vorträge über das Schöne“ an der Universität Wien abhalten zu dürfen. Unter dem Stichwort Unterredung zielte Stifter auf allgemeine Verständlichkeit und die Förderung der Aktivität der Lernenden. Er war davon überzeugt, über Bildung eine „Verbürgerlichung“ der sozial benachteiligten Klassen erreichen zu können (vgl. Fischer 1961, S. 36) (vgl. auch Filla 2014).

Das „Zentralblatt für Volksbildungswesen“

Zwischen 1901 und 1916 informierte das „Zentralblatt für Volksbildungswesen“ über nationale und internationale Entwicklungen der Volksbildung. Das Zentralblatt fungierte aber auch als Medium der Theorieproduktion. Der Herausgeber der Zeitschrift, Anton Lampa (1868-1938), war ein Kritiker der „Neuen Richtung“, die mit dem Schlagwort Volkbildung durch Volksbildung ab den 1920er-Jahren aus Deutschland kommend in Österreich wirkmächtig wurde. Gegen die „metaphysisch-religiösen“ Tendenzen dieser Ideen plädierte Lampa für eine rationale Begründung der Volksbildung und für ein neutrales, weltanschaulich „ungebundenes“ Verhältnis zu Politik und Religion. Eine wesentliche Aufgabe der Volksbildung sah Lampa in der Anleitung zu kritisch-wissenschaftlichem Denken (vgl. Lampa 1965).

Frühe empirische Erhebung: „Hörerstatistik“

Die ersten Schritte zu einer empirischen Forschung in der Erwachsenenbildung wurden um die Jahrhundertwende durch die so genannten Hörerstatistiken gesetzt. Ludo Moritz Hartmann (1864-1924) führte als Vorsitzender des Ausschusses der „Volkstümlichen Universitätsvorträge“ bereits 1895 eine statistische Erfassung der Teilnehmenden an den Universitätsvorträgen durch. Dabei wurden zunächst die bildungsthematischen Interessen, das Alter, das Geschlecht sowie der soziale Status der HörerInnen erhoben. Später wurde die Statistik um Angaben zum Beruf, dem Wohnbezirk, der Vorbildung und den Teilnahme-Motiven erweitert. Die Statistiken dienten der Orientierung über die inhaltliche Programmgestaltung. Die „Volkstümlichen Universitätsvorträge“ erlitten nach dem Krieg einen massiven Bedeutungsverlust und liefen Ende der 1930er-Jahre aus.

Theorieproduktion aus der Praxis heraus

Theoriebezüge und Theorieproduktion waren in der Erwachsenenbildung vor den 1930er-Jahren nur sehr gering entwickelt, eine eingehendere Erforschung dazu ist bislang aber ausständig. Wilhelm Filla unterscheidet drei Zugänge: erstens theoretische Publikationen von ErwachsenenbildnerInnen, z.B. vom bereits genannten Anton Lampa, zweitens theoretische Reflexionen in nicht spezifisch auf Erwachsenenbildung ausgerichteten Publikationen, z.B. durch den ebenfalls bereits erwähnten Ludo Moritz Hartmann, und drittens Kurzbeiträge in Zeitschriften, Tätigkeitsberichten oder eigens gedruckten Statements, z.B. für die bäuerliche Bildungsarbeit durch Josef Steinberger (1874-1961) (vgl. Filla 2014, S. 224).

Theorie der ArbeiterInnenbildung

Der Bildungs- und Erziehungsbegriff wurde in den 1920er-Jahren von mehreren austromarxistischen TheoretikerInnen zur zentralen Begründungsfigur einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik. Mit Rückgriff auf Josef Weidenholzer lassen sich „fünf wichtige Bestandteile einer ‚austromarxistischen Bildungstheorie‘“ (Weidenholzer 1983, S. 421) identifizieren.

 

  • Bildung ist ein Mittel im Klassenkampf gegen die Vorherrschaft der Bourgeoisie.
  • Aus dem implizit Politischen des Bildungsbegriffs folgt eine Kritik an der scheinbaren Neutralität der Bildungstätigkeit in den Volkshochschulen und bäuerlich-katholischen Bildungsheimen.
  • Um das bürgerliche Klasseninteresse hinter der Volksbildung sichtbar zu machen, wird eine alternative Form von Intellektualität benötigt.
  • Das erste wesentliche Bildungsziel der austromarxistischen Bildungstheorie ist eine Aktivität, aus der heraus ein Klassenbewusstsein erwachsen kann.
  • Zweites Ziel ist das Festhalten am Begriff der Solidarität.

 

Weitere Informationen

Links

Literatur

  • Benesch, Thomas (2014): Carl Bernhard Brühl – ein Pionier der naturwissenschaftlichen Volksbildung. In: Spurensuche. Zeitschrift für Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung. Jg. 23/24. H. 1-4: Naturwissenschaft und Bildung. Erkenntniswert, historische Vorläufer und Aufgaben moderner Wissenschaftsvermittlung, S. 34-43.
  • Born, Armin (2010): Geschichte der Erwachsenenbildungsforschung. In: Tippelt, Rudolf / Hippel Aiga von (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. 4. durchges. Aufl. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenshaften, S. 231-241.
  • Brühl, Carl Bernhard (1868): Universität und Volksbildung, Priesterthum und Naturwissenschaft; zwei zusammenhängende Betrachtungen. Erste unentgeltliche Sonntagsvorlesung im Jahre 1868, gehalten im k. k. zootomischen Institute der Wiener Universität am 19. Jänner. Wien.
    »Link.
  • Filla, Wilhelm (2014): Von der freien zur integrierten Erwachsenenbildung. Zugänge zur Geschichte der Erwachsenenbildung in Österreich. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag.
  • Fischer, Kurt Gerhard (1961): Zur Geschichte und Theorie der Volksbildung. Linz: Oberösterreichischer Landesverlag.
  • Hartmann, Ludo Moritz / Penck, Alfred (1904): Antworten auf die vom Wiener Ausschusse für volkstümliche Universitäts-Vor träge veranstaltete Umfrage über den Nutzen der Universitäts-Kurse. In: Zentralblatt für Volksbildungswesen. 4 Jg. H. 6/7, S. 81-102.
  • Lampa, Anton (1965): Kritisches zur Volksbildung (1927). In: Altenhuber, Hans / Pfniß, Aladar (Hrsg.): Bildung – Freiheit – Fortschritt. Gedanken österreichischer Volksbildner. Wien: Verband Österr. Volkshochschulen, S. 143-164.
  • Steinberger, Josef (1961): Mein Werdegang als Volksbildner. An eine Schülerin des Bundesseminars Ober St.-Veit. In: Neue Volksbildung. 12 Jg. H. 7, S. 300-302.
  • Stern, Josef Luitpold (1930): Klassenkampf und Massenschulung. Wien: Wiener Volksbuchhandlung.
  • Weidenholzer, Josef (1983): Marginalien zur außerschulischen Bildungsarbeit im Austromarxismus. In: Adam, Erik (u.a.) (Hrsg.): Die Schul- und Bildungspolitik der österreichischen Sozialdemokratie in der Ersten Republik. Entwicklung und Vorgeschichte. Wien: Österreichischer Bundesverlag, S. 417-431.

Zitierhinweis: Dossier "Wissenschaft und Forschung in der Erwachsenenbildung", Text CC BY 4.0 Daniela Holzer, Karin Gugitscher und Christoph Straka (2017), auf www.erwachsenenbildung.at