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Dimensionen von Diversität

Surur Abdul-Hussain und Roswitha Hofmann (2013)

Die Begriffe Diversität oder Diversity umfassen individuelle, soziale und strukturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen und Gruppen. Damit ist klar, dass es sich hier um sehr viele Unterschiedsdimensionen handeln kann. Eine Systematisierungsform im Diversitätsmanagement sind daher die "Four Layers of Diversity" von Lee Gardenswartz und Anita Rowe. Sie unterscheiden innere Dimensionen oder auch Kerndimensionen, äußere Dimensionen und organisationale Dimensionen von Diversität. Welche Dimensionen auf das aktuelle Geschehen Einfluss nehmen, ist kontext-, situations- und zielabhängig. Wichtig ist, nicht nur eine Dimension in den Blick zu nehmen, sondern multidimensional (Vielfalt von Dimensionen) und intersektional (verbundene und verflochtene Identitätsaspekte) vorzugehen.

 

Kerndimensionen von Diversität

Die sogenannten Kerndimensionen sind in Österreich gesetzlich vor Diskriminierung geschützt. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass diese Dimensionen eine Geschichte der Herstellung von Ungleichheit in sich tragen. Mittels der Kerndimensionen wurde definiert, was normal bzw. nicht normal ist, wer wo inkludiert bzw. wovon ausgeschlossen wird oder wer als krank bzw. gesund gilt: Geschlecht, Alter, Race/Hautfarbe, Ethnizität/Nationalität, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierungen, Behinderungen und Beeinträchtigungen. Wie diese Begriffe zu verstehen sind, ist abhängig von ihrer theoretischen Verortung und den entsprechenden Diskursen. Bei den Begriffsbestimmungen in diesem Dossier wird auf sozialkonstruktivistische Überlegungen aus den Forschungsgebieten der Sozialwissenschaften zurückgegriffen. Denn diese sind für die Erwachsenenbildung und für den Umgang mit Diversität besonders hilfreich.

 

Geschlecht/Gender

Geschlecht ist soziologisch gesehen eine Strukturkategorie und hat Allokationsfunktion, das heißt, dass die Geschlechtskategorisierung mit gesellschaftlichen Zuweisungen von Möglichkeiten und Nichtmöglichkeiten verbunden ist. Auf der Individuationsebene ist Geschlecht ein wesentlicher Aspekt biopsychosozialer Identität (Geschlechtsidentität). Geschlecht umfasst daher soziale und biologische Aspekte in Rekursivität (in wechselseitiger Beeinflussung).


"Gender beschreibt soziokulturelle Aspekte der Geschlechtlichkeit von Subjekten, welche sie in Enkulturations- und Sozialisationsprozessen und in Rekursivität mit ihren biologischen Prozessen in ihren jeweiligen soziokulturellen Kontexten erwerben und gestalten. In sozialen Welten werden Wert- und Normvorstellungen von Gender ausgebildet, welche von Machtdiskursen und -konstellationen geprägt sind und sich in kollektiv- und subjektiv-mentalen Repräsentationen des Denkens, Fühlens und Handelns in ihren Interaktionsmustern und ihrer Körpersprache (Doing Gender) und ihrer sprachlichen Performanz (Performing Gender) zeigen." (Abdul-Hussain 2012)

 

Alter/Generationen

Der Begriff Alter bezieht sich auf jedes Lebensalter. In einem umfassenden Verständnis von Alter sprechen wir in den Sozialwissenschaften von drei Ebenen des Alters:

 

  • einem biologischen Alter, das sich auf den Körper bezieht,
  • einem psychologischen Alter und
  • einem sozialen Alter, mit dem kulturelle Werte und Normen sowie altersbezogene Rollenerwartungen verbunden sind.


"In der konstruktivistisch orientierten Alters- und Diversitätsforschung wird Alter daher als gesellschaftlich konstruiert konzipiert; d.h. Alterszuschreibungen werden in alltäglichen Interaktionen hergestellt, bestätigt, aktualisiert, dauerhaft verfestigt und auch verändert." (Bendl/Eberherr/Mensi-Klarbach 2012)


Als historisch-gesellschaftlicher Begriff dient "Generation" zur Unterscheidung kollektiver historischer und/oder sozialer Gruppierungen. Sie zeichnen sich durch ihr gemeinsames Leben im historischen Raum, durch gemeinsame prägende Erlebnisse und durch gemeinsame Verarbeitungs- und Handlungsanforderungen aus. (Höpflinger 1999)

 

Race/Hautfarbe

Der Begriff Race wird im angloamerikanischen Raum verwendet. Er beschreibt die gesellschaftliche Differenzsetzung aufgrund der zugeschriebenen Hautfarbe. Race lässt sich nicht wörtlich übersetzen, weil der Begriff "Rasse" mit nationalsozialistischer-biologistischer Ideologie aufgeladen ist. Der Begriff Hautfarbe ist auch nicht ideal. Im sozialkonstruktivistischen Sinn bezieht er sich auf "Weißseins"- und "Schwarzseins"-Zuschreibungen. Zuordnungen des "Weißseins" und "Schwarzseins" unterliegen einer wechselvollen Geschichte. Sie sind eng mit sozioökonomischen Bedingungen und politischen Interessen verbunden. Heute orientiert sich Rassismus in Deutschland und Österreich nicht allein an rassifizierten Merkmalen wie zum Beispiel der Hautfarbe. Vielmehr ist Rassismus in Zusammenhang mit Nationalität, Herkunft und kulturellen Praktiken wie etwa Sprache, Religion oder Traditionen zu sehen. (Röggla 2012)

 

Ethnizität/Nationalität

Der Begriff Ethnizität kommt aus der Ethnologie und erfasst soziale Gruppen und ihre Beziehungen zu anderen sozialen Gruppen. Diese sozialen Gruppen teilen gemeinsame kulturelle Praktiken und Einstellungen, die sie von anderen Gruppen unterscheiden. Ethnizität ist somit als sozial konstruiert zu betrachten und wird im Laufe der Zeit produziert und reproduziert. Die häufigsten Kriterien sind Sprache, Geschichte oder Herkunft (ob tatsächlich oder imaginär), Religion, Kleidung und Schmuck. Ethnizität ist ein Merkmal, das alle Mitglieder einer Bevölkerung besitzen, und wird durch Sozialisation und Enkulturation erworben. Ethnizität grenzt sich ab von "Rasse" (biologistisch verfasst) und von "Kultur" (nicht nur die soziale Gruppe, sondern auch die Beziehungen zwischen den Gruppen werden fokussiert). In anderen Diskursen werden auch die Begriffe ethnische Zugehörigkeit oder ethnische Herkunft verwendet. Der Begriff Nationalität bezieht sich auf die rechtliche nationale Zugehörigkeit im Sinne einer Staatsbürgerschaft.

 

  • Interkulturelle Erwachsenenbildung

 

Behinderungen/Beeinträchtigungen

Das lange vorherrschende medizinische Modell von Behinderung gerät im letzten Jahrzehnt unter starke Kritik. In diesem Modell wird Behinderung als medizinisches Problem betrachtet, welches beseitigt bzw. unsichtbar gemacht werden soll. Behinderung wird hier individualisiert. Daher soll sich die behinderte Person verändern bzw. anpassen. Im Gegensatz dazu wurde in den Disability Studies das sogenannte soziale Modell entwickelt. Danach ist Behinderung eine gesellschaftliche Konstruktion: Behindert ist man nicht, behindert wird man. Behinderung wird im sozialen Modell als Prozess gesehen, der Menschen die gesellschaftliche Teilhabe, Anerkennung und den Respekt vorenthält, welche Menschen ohne Beeinträchtigungen selbstverständlich zustehen (Prozess des Behindertwerdens).


Sexuelle Orientierungen

Die sexuelle Orientierung ist ein Teil der sexuellen Identität eines Menschen. Sie bezeichnet die emotionale und sexuelle Anziehung zwischen Menschen gleichen und/oder unterschiedlichen Geschlechts (Hofmann 2013). Die sexuelle Identität umfasst sexuelle Orientierung, Begehren, Sexualität und Geschlechteridentität. Im Alltag wird aufgrund der sozialen Stigmatisierung von nichtheterosexuellen Orientierungen eine heterosexuelle Orientierung des Gegenübers zumeist angenommen bzw. vorausgesetzt. Heterosexualität wird so als Selbstverständlichkeit in Alltagsgesprächen "mitverhandelt" und mit Bildern eines selbstverständlichen sozialen, emotionalen und sexuellen Miteinanders von Frau und Mann verbunden. Heterosexualität und die Zweigeschlechtlichkeit bilden so eine Norm, die in der Literatur auch als Heteronormativität bezeichnet wird.

 

 

Religion und Weltanschauung

Religion ist ein System von Glaubensaussagen und -praktiken, wobei der sinnstiftende Grund in der jeweiligen Religion entweder überweltlich (Gott, Götter, Geister) oder innerweltlich (Natur, Universum) verstanden wird. Welche Inhalte konkret mit dem Begriff Religion verbunden werden, definiert jede Kultur und Epoche anders. (Pickel 2011) 


Das Begriffspaar "Religion und Weltanschauung" beinhaltet Religion im oben beschriebenen Verständnis sowie Glaubens- bzw. Überzeugungssysteme, wie zum Beispiel Mitgliedschaften bei Interessenvertretungen. Aufgrund der geringen Anzahl von Rechtsprechungen in diesem Feld ist der Begriff Weltanschauung noch nicht ausreichend definiert (Rebhahn 2005).

The Four Layers of Diversity

Abbildung: The Four Layers of Diversity (Quelle: eigene Darstellung nach Lee Gardenswartz und Anita Rowe 1995, mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen, Adaptierungen durch ASD und in den Begrifflichkeiten von Surur Abdul-Hussain)


Je nach Kontext können verschiedene Unterschiedsdimensionen wirksam sein. In den Four Layers of Diversity von Lee Gardenswartz und Anita Rowe (1995) sind vier Ebenen von Unterschiedsdimensionen angeführt. Dabei geht es um Diversitäten, die in den verschiedensten Lebensbereichen soziale und strukturelle Inklusions- und Exklusionsprozesse hervorrufen können. Die oben beschriebenen Kerndimensionen sind in der Grafik als innere Dimensionen abgebildet. Von innen nach außen gelesen nimmt in diesen vier Ebenen die Möglichkeit zu, auf die Diversitätsdimension Einfluss zu nehmen. Demnach können wir die inneren Dimensionen kaum beeinflussen, während wir die äußeren und organisationalen Zugehörigkeiten stärker bestimmen können.


Ursprünglich wurden die inneren Dimensionen vom NTL-Institute in Bethel in den 1970er Jahren definiert. Die Berater_innen dieses Instituts arbeiteten mit Organisationen an deren Umgang mit Diversität. Die äußeren Dimensionen trugen Marilyn Loden und Judy Rosener 1991 bei und thematisierten damit weitere gesellschaftliche Strukturierungsaspekte. Schließlich ergänzten Lee Gardenswartz und Anita Rowe 1995 die organisationalen Dimensionen. Für den österreichischen Kontext hat die Austrian Society for Diversity (ASD) die Dimensionen Sprache/Dialekt und soziale Herkunft ergänzt.

Multidimensionalität und Intersektionalität

In einem ganzheitlich-systemisch verstandenen Diversitätsmanagement ist es Voraussetzung, multidimensional und intersektional zu arbeiten. Das bedeutet zum einen, dass nicht nur eine Unterschiedsdimension in den Blick genommen wird. In der Analysephase werden möglichst viele Diversitätsdimensionen in den Blick genommen, die im System wirksam sein könnten. In der Umsetzungsphase wird dann mit jenen Diversitätsdimensionen gearbeitet, die für das System relevant sind. Zum anderen werden Diversitätsdimensionen nicht getrennt voneinander betrachtet, sondern miteinander verschränkt (Intersektionalität). Denn alle Menschen haben mehrere Zu- und Nichtzugehörigkeiten bzw. unterschiedliche Identifikationen mit den Dimensionen. Dieses Vernetzen der verschiedenen Dimensionen wird Intersektionalität genannt. In diesen Prozessen gilt es darauf zu achten, dass die Dimensionen - auch wenn sie sozialkonstruktivistisch gefasst sind - als Analysekategorien dienen. Sie sollen dabei helfen, die Komplexität von Dynamiken und Systemen zu erfassen, um Handlungsfelder identifizieren zu können. Dabei sind sie immer als vorläufig und in ihrer Intersektionalität zu betrachten. In der Umsetzungsphase sollten die Kategorien/Dimensionen nach Möglichkeit wieder aufgelöst werden.


Für die Erwachsenenbildung können je nach Zielsetzung und Kontext alle Dimensionen der Four Layers of Diversity wirksam werden. Zudem können noch weitere Unterschiedsdimensionen wie Lern- und Arbeitsstile bedeutsam sein. Es gilt daher für jede Aufgabe zu reflektieren, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Zielsetzung und den Kontext Einfluss haben und welche Intersektionalitäten Wirkung entfalten könnten.

 

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Weitere Informationen

Links

 

Quellen

  • Abdul-Hussain, Surur (2012): Genderkompetenz in Supervision und Coaching. Mit einem Beitrag von Ilse Orth und Hilarion G. Petzold zu "Genderintegrität". Wiesbaden: Springer VS Verlag.
  • Abdul-Hussain, Surur/Baig, Samira (Hg.) (2009): Diversity in Supervision, Coaching und Beratung. Wien: facultas.wuv.
  • Bendl, Regine/Hanappi-Egger, Edeltraud/Hofmann, Roswitha (Hg.) (2012): Diversität und Diversitätsmanagement. Wien: facultas.wuv.
  • Bendl, Regine/Eberherr, Helga/Mensi-Klarbach, Heike (2012): Vertiefende Betrachtungen zu ausgewählten Diversitätsdimensionen. In: Bendl, Regine/Hanappi-Egger, Edeltraud/Hofmann, Roswitha (Hg.): Diversität und Diversitätsmanagement. Wien: facultas.wuv, S. 79-135.
  • Fenstermaker, Sarah/West, Candace (2001): "Doing Difference" revisited. Probleme, Aussichten und der Dialog in der Geschlechterforschung. In: Heintz, Bettina (Hg.): Geschlechtersoziologie. Sonderheft 41/2001 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S. 236-249.
  • Gardenswartz, Lee/Rowe, Anita (1998): Managing Diversity - A Complete Desk Reference and Planning Guide. New York.
  • Giddens, Anthony/Fleck, Christian/Egger de Campo, Marianne (2009): Soziologie. 3., überarbeitete, aktualisierte Auflage. Graz, Wien: Nausner & Nausner Verlag.
  • Höpflinger, François (1999): Generationenfrage. Konzepte, theoretische Ansätze und Beobachtungen zu Generationenbeziehungen in späteren Lebensphasen. Lausanne: Réalités sociales.
  • Hofmann, Roswitha (2012): Gesellschaftstheoretische Grundlagen für einen reflexiven und inklusiven Umgang mit Diversitäten in Organisationen. In: Bendl, Regine/Hanappi-Egger, Edeltraud/Hofmann, Roswitha (Hg.): Diversität und Diversitätsmanagement. Wien: facultas.wuv, S. 23-60.
  • Hofmann, Roswitha (2013): "Das ist doch reine Privatsache!?" Warum die unterschiedliche sexuelle Orientierung von Menschen immer eine Rolle in Unternehmen bzw. Organisationen spielt. AMS-Info 232/233. »Link.
  • Krell, Gertraude/Riedmüller, Barbara/Sieben, Barbara/Vinz, Dagmar (Hg.) (2007): Diversity Studies. Grundlagen und disziplinäre Ansätze. Frankfurt/New York: Campus Verlag.
  • Pickel, Gert (2011): Religionssoziologie: Eine Einführung in zentrale Themenbereiche. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Rebhahn, Robert (Hg.) (2005): Kommentar zum Gleichbehandlungsgesetz GlBG und zum GBK-GAW-G. Wien/New York: Springer.
  • Röggla, Katharina (2012): Critical Whiteness Studies. Wien: mandelbaum Verlag.
  • Strasser, Sabine (2009): Über Grenzen verbinden: Migrationsforschung in der Sozial- und Kulturanthropologie. In: Fassmann, Heinz/Dahlvik, Julia (Hg.): Migrations- und Integrationsforschung - multidisziplinäre Perspektiven. Ein Reader. 2. Auflage. Wien: Vienna University Press, S. 35-59.

 

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