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Die Welt mitgestalten – mit welcher Bildung?

16.11.2015, Text: Birgit Aschemann, Online-Redaktion
Die Fachtagung "Perspektiven der Basisbildung II" in Wien bot den Anwesenden Mitte November reichlich Stoff für kritisches Querdenken und lebhafte Diskussionen.
  • TeilnehmerInnen bei der Fachtagung Basisbildung Foto: Aschemann/CONEDU
    TeilnehmerInnen der Fachtagung Basisbildung beim Pausengespräch
  • TeilnehmerInnen bei der Fachtagung Basisbildung Foto: Aschemann/CONEDU
Lernen, mit Moral hinterlegt

 

Die PIAAC-Studie belegt einen millionenfachen Basisbildungsbedarf im deutschsprachigen Raum, aus dem oft eine massive Aufgabe für die Erwachsenenbildung abgeleitet wird. Nur das ständige Bemühen um größere Kompetenzen würde gesellschaftliche Teilhabe, Zugehörigkeit und Wohlstand ermöglichen - so lautet ein häufiges Motiv in öffentlichen Debatten. Aber muss Teilhabe wirklich durch Lernen erarbeitet werden? Und verspielt, wer nicht lernt, die eigene Zugehörigkeit? Trägt er/sie damit Schuld am eigenen Schicksal - oder hat die Performance des Wirtschaftsraums mit zu verantworten? Ist Weiterbildungs-Verweigerung gar kriminell? 

 

Derart waren die Eingangsfragen, mit denen der deutsche Soziologe Uwe Bittlingmayer und der österreichische Bildungswissenschaftler Erich Ribolits im Rahmen der Fachtagung "Perspektiven der Basisbildung II" am 12. November 2015 in Wien ihr Publikum aufrüttelten. 

 

Ernüchternde Befunde aus der Wissenschaft

 

Aus- und Weiterbildung ermögliche aktuell nur noch, am Wettlauf um die weniger werdenden Arbeitsplätze teilzunehmen - die Qualifikation sei die Teilnahmeberechtigung zum Kampf, so Erich Ribolits. Von der Idee, dass durch Basisbildung Karrieren grundgelegt werden können, müsse man sich verabschieden. Emanzipation könne heute nur noch bedeuten, mit schwierigen Bedingungen besser umgehen zu lernen.

 

Immer weniger Menschen werden nennenswerte Bildungserträge lukrieren, so Ribolits weiter - auf dem Level der Basisbildung gelte das erst recht. Überhaupt kann Weiterbildung den gesellschaftlichen Wandel nicht abfedern. Das ist nach Uwe Bittlingmayer auch empirisch zu zeigen: In den Industrienationen nimmt die soziale Ungleichheit nachweislich laufend zu, obwohl die Weiterbildungsbeteiligung steigt. 

 

VertreterInnen aus Anbieter-Einrichtungen reagierten in einer lebhaften Diskussion auf diese ernüchternden Befunde. Sie führten Erfahrungen mit Lernenden an, für die Basisbildung das Leben entscheidend verändert. Nicht jede/r Lernende habe ein Arbeitsmarktziel.  Emanzipatorische Bildungsprozesse fänden (auch) außerhalb formaler Angebote statt. 

 

Öffentlichkeitsarbeit als neuer Schwerpunkt

 

In mehreren Workshops wurden die andiskutierten Themen vertieft. Einer davon betraf das Thema Öffentlichkeitsarbeit, das den Schwerpunkt des neuen ERASMUS+-Projekt der Abteilung Erwachsenenbildung des BMBF bis 2018 bildet.

 

Hier sammelten die TeilnehmerInnen Ideen zur gesellschaftlichen Aufwertung von Basisbildungsbedarf und diskutierten Ansätze zur Haltungsänderung in der Öffentlichkeit. Mit je einer Vertreterin des Bildungsministeriums und der Initiative Erwachsenenbildung wurden erste Schritte formuliert, um die Sichtbarkeit einer "Marke Basisbildung" zu verbessern.

 

Die Diskussion zeigte: Eine solche "Marke" setzt eine klare Identität der Basisbildung voraus. Was "die Basisbildung" ist und will, ist jedoch längst noch nicht ausverhandelt.

 

Die Frage ist: Was will die Basisbildung?

 

Fragen der Ausrichtung begleiten die Basisbildung seit Jahren. Sie sind zwar nicht geklärt, werden aber immer klarer formuliert. Im Rahmen der Fachtagung wurden Sie etwa so gestellt:

 

Was kann und will Basisbildung heute sein, wie richtet sie sich aus? Will sie einer Anpassung an ökonomische Werte zuarbeiten und mit den TeilnehmerInnen individuellen "Siegen" am Arbeitsmarkt nachlaufen - auch wenn das immer seltener gelingt? Oder soll sie vielmehr auf soziale und demokratische Handlungsfähigkeit fokussieren? Soll sich die Basisbildung der Förderung eines friedlichen und toleranten Zusammenlebens verschreiben, wie es einem humanistischen Ideal entspricht? Genügt es ihr denn, wenn Lernende an Selbstwert zulegen und der alltäglichen Beschämung entwachsen? Oder geht es ihr vielleicht gar um ein Selbstbewusstsein und eine Lebensqualität, die unabhängig sind von Lesekompetenz oder Arbeitsplatz?  Wie kritisch, politisch oder visionär muss eine Basisbildung sein, die sich mit ihren Teilnehmenden auf den Weg zu einer derartigen Unabhängigkeit macht? 

 

Bemerkenswert ist, wie sehr es in der Basisbildung trotz der vielen offenen Fragen gelingt, die Praxis vielfältig zu gestalten und Materialien und Medien für die Umsetzung zu entwickeln.

 

Produkt-Sammlung aus Basisbildungsprojekten 

 

Die Veranstaltung war Teil des ERASMUS+ Projektes Basisbildung und wurde vom Bundesministerium für Bildung und Frauen in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Erwachsenenbildung veranstaltet und durch die Fachgruppe Basisbildung unterstützt.

 

Mitglieder der Fachgruppe Basisbildung stellten auch die neue Produkt-Datenbank Basisbildung vor. Diese Datenbank bietet einen Überblick über Entwicklungsprojekte zur Basisbildung, die in der vorigen ESF-Programmperiode abgeschlossen wurden. Zudem soll sie aus künftigen Projekten weiter befüllt werden. erwachsenenbildung.at berichtet dazu in Kürze mehr.

Weitere Informationen: