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Schreiben als Lebenskunst

15.05.2015, Text: Monika Willinger, Redaktion: Barbara Kreilinger, VÖV
Vor 14 Jahren entwickelte Evelyn Brandt das schreibpädagogische Seminarmodell. An der VHS Rankweil findet sie mit den Schreibwerkstätten seit 2001 ein kunstvolles Ambiente. (Serie: Kunst und Kultur)
  • Teilnehmerinnen im Schreibseminar. Foto: Evelyn Brandt
    Schreiben macht schön
Monika Willinger/Schlosserhus: Wir waren die erste VHS in Vorarlberg, bei der du ein Schreibseminar angeboten hast. Erinnerst du dich?

Evelyn Brandt: Und wie! 2001 habe ich mit einer Lyrikwerkstatt begonnen. Bereits nach einem Semester folgten eine Anthologie, Lyriklesungen und die Gründung der autonomen Schreibgruppe „Schlosserhus“. Mein Seminarangebot hat sich seither stetig weiterentwickelt, die Schreibwerkstatt im Schlosserhus ist zur Marke geworden, wobei die Frauenschreibwerkstatt und die Kinderschreibwerkstatt besonders erfolgreich sind. Aber auch das Biografische Schreiben für die Zielgruppe 50+ hat mit der Herausgabe einer Textsammlung Furore gemacht.

Du hast ein integratives, schreibpädagogisches Seminarmodell entwickelt, das auf den von dir erwähnten Grundpfeilern fußt, dem kreativen, biografischen und literarischen Schreiben. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ausgangspunkt für das schreibpädagogische Seminarmodell ist die historische Entwicklung des kreativen Schreibens, in der sich ursprüngliche zwei extreme Positionen gegenüberstanden: Die einen wollten das kreative Schreiben als Selbsterfahrung verstanden wissen, während die anderen die Meinung vertraten, kreatives Schreiben solle ausschließlich der Stilentwicklung dienen. Aus diesem Konflikt entstand der integrative Ansatz, der beide Meinungen konstruktiv vereinte. Das Seminarmodell baut darauf auf und entwickelt die Theorie auf der Basis eines bedürfnis- und praxisorientierten Angebots in der Erwachsenenbildung weiter.


Ich plädiere für die Lehr- und Lernbarkeit des Schreibens sowie für die Aufhebung der Grenzen zwischen literarischer und nicht-literarischer Textproduktion und verstehe die Identität des Schreibens in einem zirkulären Prozess. Die Erfahrung zeigt, dass bei den Kursteilnehmer/innen drei Erwartungshaltungen vorrangig sind: Schreiben als Kraftquelle und individuelles Ausdrucksmittel nutzen, als Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung, als Bildungsmaßnahme zur Erweiterung der Schreibkompetenz bzw. dem Wunsch nach Veröffentlichung. So entstand die Idee, und wie es sich nun im Rückblick zeigt, ist alles aufgegangen. Zudem hat die Schreibwerkstatt im kunstaffinen Ambiente der VHS eine richtig gute Heimat gefunden.

Die Frauenschreibwerkstatt ist dein erfolgreichstes und gleichzeitig ältestes Format. Seit 2010 leitest du jedes Semester zwei Gruppen, eine Stammgruppe und eine für Einsteigerinnen. Worauf führst du die anhaltende Nachfrage zurück?

Mein ganzes Herzblut liegt da drinnen. 14 Jahre Frauenschreibwerkstatt, das hat was! Das Erfolgsrezept ist schnell erklärt: Einerseits entdecken immer mehr Menschen das Schreiben als Kraftquelle und individuelles Ausdrucksmittel, als Spaß und Austausch unter Gleichgesinnten und als Schlüsselqualifikation. Die Art des Vermittelns ist bedeutsam, das Engagement, in dem Selbstentfaltung und Lebenskunst, Animation und literarische Werkstattarbeit Platz haben. Nicht zuletzt erleben die Teilnehmerinnen, wie sich ihre Schreibkompetenz und Stilsicherheit von Jahr zu Jahr verbessert.

Du bezeichnest immer die Vermittlungsarbeit in den Schreibseminaren als einen zentralen Erfolgsfaktor. Warum?

Beim Vermitteln spielt die eigene Schreibhaltung, die Authentizität, der didaktisch-methodische, schreibpädagogische Ansatz eine wesentliche Rolle. Schreiben, Kunst im Allgemeinen, bekommt eine andere Qualität, wenn man lernt, der inneren Stimme zu vertrauen, das hängt untrennbar mit meiner eigenen Persönlichkeit zusammen. Wenn Inneres angstfrei nach außen fließen kann, erhalten Gedanken und Gefühle Konturen, die das Schreiben kontrastreich und tiefenscharf machen. Das versuche ich im Tun und Zeigen zu vermitteln. Dieser Schreibprozess klappt nicht von heute auf morgen. Sich den Prozess bewusst zu machen, damit kann man nicht früh genug beginnen.

Etwas Besonderes ist deine Kinderschreibwerkstatt, die seit acht Jahren bei uns stattfindet.

Das ist ein österreichweit einmaliges Angebot - eine Woche lang ganztägiges Schreib- und Sprachprogramm für Kinder von 10 bis 13 Jahren. Ein ganz und gar anspruchsvolles Programm! Es beinhaltet außerdem drei Themen-Nachmittage: Schreiben im Museum, Entstehung eines Buches - die Kinder binden ihre Texte zu einem Buch und zum Abschluss gibt es eine öffentliche Kinderlesung. Die Kinderschreibwerkstatt findet jährlich in der letzten Juli-Woche statt.

Bestimmt wirst du öfter gefragt, ob Schreiben überhaupt erlernbar ist. Was antwortest du?

Darauf sag ich: „Entschuldigung, fragen Sie Ihre Friseurin auch, ob ihre Kunst erlernbar ist?“ Es sind eher Menschen aus der Literaturszene, die gerne gebetsmühlenartig die Mär von der Genieästhetik vertreten. Wider besseres Wissen. Literaturinstitute und –schulen zeigen, dass Schreiben schreibend und lesend erlernt wird. In Amerika hat das „Creative Writing“ eine jahrhundertealte Tradition, da kommt niemand auf die Idee, so etwas zu fragen. Freilich werden nicht alle wie Kafka oder Rilke oder Dialoge wie Hemingway schreiben können, genauso wenig wie aus Malenden Rembrandts oder Picassos werden müssen. Umberto Eco bringt es in seinen Streichholzbriefen auf den Punkt: „… auch das Schreiben von Gedichten, Geschichten … sollte etwas sein, was alle tun, so wie man Fahrrad fährt, ohne dabei an den Giro d’Italia zu denken.“


Du bist schon viele Jahre im Seminarbetrieb, was ist dein Resümee, deine Botschaft?

Das Wichtigste beim Schreiben ist die Ausdauer. Talent und Ausbildung sind angenehm und hilfreich, aber entscheidend fürs Lernen und Besserwerden sind Ausdauer und Geduld. Schreibende sollten ein gutes Sitzfleisch haben. Je mehr man schreibt und auch liest, desto besser wird man. Beim Geige- oder Klavierspiel oder bei jeder anderen Form der Kunst ist es nicht anders. Einer meiner verehrten Schreiblehrer, Paul Schuster, sagte: „Schreiben ist 80 Prozent Transpiration und 20 Prozent Handwerk.“ Deshalb ist Schreiben für mich eine schöne Lebenskunst.

Schreibpädagogisches Seminarmodell (nach Evelyn Brandt)
 

Serie "Kunst und Kultur in der Erwachsenenbildung"
In einer Serie von Berichten, Interviews, Essays und programmatischen Beiträgen berichten Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Verbänden, Netzwerken und Einrichtungen 2015 über die künstlerischen und kulturellen Aspekte von Erwachsenenbildung. In dieser Gemeinschaftsinitiative soll sichtbar werden, wie wichtig kreative Zugänge zur Welt und deren Aneignung sind. Bildung fungiert hier ebenso sehr als Kulturträger wie auch Innovator. Sie eröffnet Freiräume im Denken und Handeln, schafft Verständigung zwischen den Menschen und Kulturen und hilft uns Identität im Wandel zu begreifen und immer neu zu entwickeln.

Weitere Informationen:

 

Literaturhinweise

  • Eco, Umberto (1987): Streichholzbriefe. Die Lust am Schreiben. In: Die Zeit 8, 13. Februar 1987, S. 67. Auch online im Internet: http://pdf.zeit.de/1987/08/die-lust-am-schreiben.pdf [Stand: 29.4.2015].
  • Brandt, Evelyn (2008): Therapeutikum Schreiben. Schreibpädagogische Seminarkonzepte in der Erwachsenenbildung. Alice Salomon Hochschule Berlin (unveröffentlichte Master Thesis).