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Beipacktext zur Digitalisierung

21.04.2017, Text: Birgit Aschemann, Online-Redaktion
Digitale Selektivität ist eine zentrale Lernaufgabe unserer Zeit. (Serie: Digitale Erwachsenenbildung)
  • Bild: CC0 Public Domain 3dman/pixabay.com
    Digitales als Gegner des Sozialen?
Die Digitalisierung schreitet scheinbar exponentiell voran, und damit auch die Hoffnungen und Warnungen bezüglich ihrer Auswirkungen auf das Individuum. Unter dem Schlagwort Arbeit 4.0 wird ein Mangel an digitalen Kompetenzen mit einem zunehmend bedrohlichen Unterton diskutiert: Jobverlust sei eine naheliegende Folge dieses Kompetenzmangels. Das digitale Arbeiten scheint alternativlos und bringt auch tatsächlich viele Erleichterungen mit sich. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten.

 

Schattenseiten der Digitalisierung

 

Arbeitsmedizinische Befunde zur schädlichen Wirkung von zu viel Bildschirmarbeit sind unbestritten. In einer repräsentativen Befragung Beschäftigter durch den Deutschen Gewerkschaftsbund aus dem Jahr 2016 sagten 46 Prozent der ArbeitnehmerInnen, die in hohem Maße digitalisiert arbeiten, dass ihre Arbeitsbelastung dadurch größer geworden sei. 45 Prozent sahen dagegen keine Veränderung, und 9 Prozent fühlten sich durch die Digitalisierung entlastet. Die zunehmende Belastung wird mit Entgrenzung, Arbeitsverdichtung und Erreichbarkeitsdruck erklärt.

 

Digitales als Gegner des Sozialen?

 

2012 ließ der Psychologe und Neurowissenschafter Manfred Spitzer - Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm - mit seinen umstrittenen Thesen zur "Digitalen Demenz" aufhorchen, die er im gleichnamigen Buch veröffentlichte. Demnach führe die zunehmende Digitalisierung zu einer mesbaren Reduktion persönlicher Begegnungen bis hin zu Empathieverlust und Entsolidarisierung im Extremfall. Diese kulturpessimistischen Aussagen waren Anlass für zahlreiche Anschlussdiskussionen.

 

Zu denken gibt es besonders, wenn derartige Kritik von Personen stammt, die zuvor als PionierInnen oder ExpertInnen der Digitalisierung bekannt wurden, wie etwa Gerald Lembke. Der Professor für digitale Medien und Medienmanagement aus Baden-Württemberg veröffentlichte nach seinem Lehrbuch für Social Media Marketing auch Warnendes wie "Die Lüge der digitalen Bildung" (zusammen mit Ingo Leipner) und "Im digitalen Hamsterrad". Zentrale Botschaft: das Digitale darf das Soziale nicht verdrängen.

 

Multitasking ersetzt Konzentration

 

Konkret ist es oft die Fülle an Information, Ablenkung und Unterbrechung, die anstrengt und überfordert. Multitasking - oft mit digitalen Medien verbunden - hat nachweislich negative Auswirkungen auf das Kontrollempfinden, die erlebte Beanspruchung, die Konzentrationsfähigkeit und das Wohlbefinden. Wer "always on" - also permanent online erreichbar - ist, hat nachweislich eher Probleme, ein- und durchzuschlafen. Die Konzentration nimmt ab, und ebenso die Merkfähigkeit.

 

Bewusste Mediennutzung wird zum Knockout-Kriterium

 

Ein naheliegendes Fazit lautet: digitale Medien muss man bewusst nutzen - im Berufs- und im Privatleben. Dafür gibt es zunehmend Veröffentlichungen mit generellen Tipps. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Ausprägung und Form der Digitalität bei verschiedenen Arbeitsplätzen muss dieser bewusste Umgang aber bei jedem Menschen anders aussehen und ist daher eine echte Aufgabe zum selbstgesteuerten Lernen, an der niemand von uns mehr vorbeikommt.

 

Auswählen als neue Kernkompetenz

 

Ein häufig empfohlener Faktor ist die zeitliche Begrenzung, nach dem Motto "die Dosis macht das Gift". Aber das Einziehen eines Zeitlimits ist beim digitalen Arbeiten nicht genug - man kann auch eine Stunde lang  hilflos in der Informationsflut ertrinken. Noch wichtiger als ein Zeitlimit ist wohl eine bewusste Auswahl.

 

Das kann privat bedeuten, nicht in allen Sozialen Medien präsent zu sein und auch manche Erlebnisse für sich zu behalten. Beruflich könnte es bedeuten, nicht alle Newsletters zu beziehen, Nachrichten-Abonnements nur für das Wichtigste einzurichten, sich Foren-Nachrichten gebündelt zustellen zu lassen und vor allem: nicht auf allen Kanälen permanent erreichbar zu sein. Viele Arbeitsplätze erlauben es, E-Mail Programme und Instant Messenger temporär abzustellen, Offline-Zeiten festzulegen und sie einzuhalten. Und generell aktiv auszusuchen, mit welchen digitalen Werkzeugen man arbeiten möchte oder wo man weiterhin analog bleibt, zum Telefon greift oder handschriftlich etwas skizziert.

 

Steuern statt sich treiben lassen

 

Der Kern dabei ist es, als Mensch und "UserIn" das eigene Verhalten selbst zu steuern und sich nicht von digitalen Tools treiben zu lassen - also digitale Orte und Medien aktiv aufzusuchen bzw. einzuschalten (und zu verlassen/auszuschalten!), statt nur in der digitalen Flut mit zu schwimmen im Versuch, den Kopf über Wasser zu halten. Wie das im jeweiligen persönlichen Leben gelingt ist individuell zu lernen und verlangt Beobachtung, Reflexion und Konsequenz. Diese Lernaufgabe ist weder trivial noch verzichtbar. Es steht tatsächlich viel auf dem Spiel, nämlich Gesundheit und geistige Leistungsfähigkeit.

 

OMline als Ziel

 

Der Zukunftsforscher Matthias Horx stellte 2017 in seinem traditionellen Zukunftsreport die aktuellen Trendwörter vor. Als Neuschöpfung war der Begriff "OMline" dabei. OMline bedeutet, "das erleuchtete, ausgeglichene Digitale. Der Zustand, in dem wir digitale Medien so nutzen, dass sie Geist und Seele guttun." Das könnte ein lohnendes Ziel sein, auch für jene, die sonst keine Affinität zu Esoterik-nahen Begriffen haben. Wie wir so leben und arbeiten können, ist eine der größten Lernaufgaben, die vor uns liegen.