Wie werden migrationsspezifische Kompetenzen verwertet?
Wie werden migrationsspezifische Kompetenzen verwertet?

Migrationsbezogene Kompetenzen in der Erwachsenenbildung

19.10.2015, Bianca Friesenbichler, Online-Redaktion
Ein heuer veröffentlichter Artikel von Annette Sprung, Ariane Sadjed und Brigitte Kukovetz ist für den Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung nominiert.
In einer Serie von Beiträgen stellen wir die Nominierten zum Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung 2015 vor - hier in der Kategorie "Wissenschaft und Forschung".

 

Oftmals gehen mit einer Migrationsbiografie spezifische Potenziale und Kompetenzen einher - wie z.B. Mehrsprachigkeit, Wissen über die Lebenslagen von MigrantInnen oder unterschiedliche Systeme in den Herkunftsländern. Ob und wie AkteurInnen aber ihre migrationsbezogenen Kompetenzen für eine professionale Tätigkeit in der Erwachsenenbildung sichtbar machen und verwerten, hängt wesentlich von den Reaktionsweisen des Umfelds ab. Das ist eines der aufschlussreichen Ergebnisse einer Forschungsarbeit mehrerer KooperationspartnerInnen rund um Annette Sprung (Universität Graz), Ariane Sadjed (Universität Wien) und Brigitte Kukovetz (Universität Graz), die nun zu einer Nominierung für den Staatspreis für Erwachsenenbildung 2015 geführt hat.

Forschungsprojekt mig2eb über ErwachsenenbildnerInnen mit Migrationserfahrung
Migration ist augenblicklich eines der brennendsten Themen in Österreich. Das Forschungsprojekt "Angehörige der 2. Generation von MigrantInnen als Fachkräfte in der Erwachsenenbildung" (2012-2014), kurz mig2eb, hatte sich diesem Thema aus einer ungewöhnlichen Perspektive genähert. Untersucht wurde, wie Menschen mit Migrationsgeschichte (mit einem Schwerpunkt auf die so genannte zweite Generation) in der österreichischen Erwachsenenbildung repräsentiert sind und wie sich die Zugangswege in das Berufsfeld gestalten.

"The use of migration-related competencies in continuing education. Individual strategies, social and institutional conditions" ist ein Artikel, der in der Online-Zeitschrift "Studies in continuing education" (Volume 37, Ausgabe 3/2015) erschienen ist und nun für den Staatspreis nominiert wurde. Er basiert auf den Ergebnissen des Forschungsprojektes. Man erfährt darin, welche Strategien zur Verwertung spezifischer Kompetenzen aus der Migrationsbiografie entwickelt werden.

Durch Migration erworbene Kompetenzen im Fokus
Fakt ist: Personen mit Migrationsbiografie sind im Bereich der Erwachsenenbildung, abgesehen von auf Migration/Integration spezialisierten Institutionen, meist unterrepräsentiert. Ausgehend davon setzen die Autorinnen Fallbeispiele ein, um die Ausnahmen sichtbarer zu machen. Diese Beispiele zeigen auf, inwiefern die betreffenden Personen ihr Migrationskapitel verwerten können und welche Strategien sie dazu einsetzen. "Manche AkteurInnen entscheiden sich beispielsweise dafür ihre Migrationsbiografie zu verbergen (sofern dies möglich ist), weil sie sonst Diskriminierung befürchten oder auch weil sie damit eine permanente gesellschaftliche Zuschreibung des 'Anders-Seins' aktiv zurückweisen. Zum Teil haben sie auch die Erfahrung gemacht, dass sie seitens der Arbeitgeber auf ihre Expertise zu Migration reduziert werden und ihre sonstigen Fähigkeiten dann nicht mehr gewürdigt werden", so Annette Sprung im Gespräch. Andere wiederum würden von ihrem Umfeld ermutigt werden, ihre Migrationserfahrung sehr wohl als Kapital sehen und auch für die Aufgaben in der Weiterbildung zielführend einzusetzen. "Die Strategien sind sehr unterschiedlich und hängen häufig davon ab, welche Signale die AkteurInnen von den Institutionen erhalten. Je nach Situation müssen die Betroffenen ausbalancieren, wie sehr sie ihre Migrationsgeschichte - oder besser gesagt: die damit verbundenen Potenziale - in den Vordergrund stellen wollen", fasst Sprung zusammen. "Dadurch entsteht nicht selten ein ambivalentes Spannungsfeld zwischen Verleugnung und Selbstethnisierung als Extrempole des Spektrums."

Partizipatives Forschungsverfahren
"Der Artikel bzw. das Forschungsprojekt ist sowohl hinsichtlich der Forschungsmethodik als auch seiner Thematik als innovativ zu bezeichnen", meint Sprung. MigrantInnen stehen hier - im Gegensatz zu vielen anderen Untersuchungen - nicht als TeilnehmerInnen, sondern als ErwachsenenbildnerInnen im Mittelpunkt. Und: statt von Defiziten auszugehen, fragen die Autorinnen nach den Kompetenzen und Ressourcen, die sich gerade aus der Migrationserfahrung ergeben. Ein kritischer Blick richtet sich gleichzeitig auf die strukturellen Rahmenbedingungen, die eine Verwertung als kulturelles Kapital ermöglichen oder behindern.

Wichtig ist den Forscherinnen außerdem, den Anspruch einer kritischen Migrationsforschung einzulösen - das bedeutet unter anderem, eine kontinuierliche Auseinandersetzung über die Zuschreibung von Fremdheit zu führen. "Gerade in der Migrationsforschung wird die Kategorie der 'Anderen' immer wieder rekonstruiert. Wenn wir auf spezifische Potenziale der Migrationsgeschichte fokussieren, sind wir ja bereits mitten in diesem Dilemma. Daher haben wir unter anderem versucht, Räume der Selbstrepräsentation auch in der Forschung selbst zu eröffnen. Es ging uns darum, die Stimmen und das Wissen jener, die im Mittelpunkt der Forschung stehen, angemessen zur Geltung zu bringen und auch uns selbst einer kritischen Auseinandersetzung zu stellen", erzählt Sprung. Daher entschieden sich die ProjektbetreiberInnen für ein partizipatives Forschungsverfahren, das verschiedene AkteurInnen der Erwachsenenbildung aktiv in den Forschungsprozess selbst einbezog.

Die Partizipation erfolgte auf zwei Wegen: Über den gesamten Projektzeitraum hinweg wurden Workshops mit ExpertInnen aus verschiedenen Einrichtungen durchgeführt. In deren Rahmen wurden Forschungsergebnisse, aber auch das Forschungsdesign zur Diskussion gestellt. Auch Begriffe, mit denen die Forscherinnen arbeiteten, wurden dabei kritisch hinterfragt (wie z.B. die Kategorien "Migrationsgeschichte", "Migrationshintergrund" etc.).

Darüber hinaus wurde ein Jahr lang eine Forschungswerkstatt durchgeführt. Sieben Personen, die selbst in der Erwachsenenbildung tätig sind und eine Migrationsbiografie haben, waren eingeladen, gemeinsam in dieser Werkstatt eigene Subprojekte durchzuführen, sich also aktiv als Forscherinnen zu beteiligen. So entstanden etwa ein Tagebuchprojekt oder ein Dokumentarfilm.

Die gesammelten Ergebnisse des Projekts wurden 2014 im Band "[K]ein Hindernis!? Fachkräfte mit Migrationsgeschichte in der Erwachsenenbildung" im Wiener Löcker Verlag veröffentlicht. 

Trailer: Auf der anderen Seite
Im Dokumentarfilm "Auf der anderen Seite" wurden MigrantInnen, die in der Erwachsenenbildung tätig sind, porträtiert.


 

Der Film ist auf Anfrage bei Annette Sprung erhältlich. Er ist für den Einsatz im Rahmen von Veranstaltungen der Erwachsenenbildung vorgesehen.

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