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Medien als sprachenpolitische AkteurInnen

Andrea Sedlaczek (2018)

Die Präsenz verschiedener Sprachen in den Medien ist neben der individuellen Bedeutung für einzelne SprecherInnen auch von gesellschaftlicher und politischer Relevanz. Dahinter stehen sprachenrechtliche und sprachenpolitische Regelungen und Entscheidungen, in Wechselwirkung mit Sprachideologien und Sprachregimen, die den gesellschaftlichen und/oder institutionellen Status unterschiedlicher Sprachen sowie Sprachgruppen bestimmen. Sprachenpolitische Entscheidungen bezüglich Medien können von Seiten des Staates erfolgen, etwa durch gesetzliche Regelungen oder indirekt durch Konzessionserteilungen und Fördersysteme. Medien treffen jedoch auch selbst stets explizite oder implizite sprachenpolitische Entscheidungen darüber, wer in welchen Sprachen und zu welchen Themen bzw. Diskursen zu Wort kommt. Mit diesen Entscheidungen tragen sie zur Verbreitung sprachlicher Normen und der öffentlichen Wahrnehmung von Sprachen bei. Durch das Zulassen einer sprachlichen Heterogenität in Medien kann die Gesellschaft positiv verändert werden.

 

Sprachenpolitische Regulierungen im Medienbereich

Sprachenpolitische Regulierungen vonseiten des Staates liegen hauptsächlich für den öffentlich-rechtlichen Mediensektor vor. Diese regeln den besonderen Status der Staatssprache und den Umgang mit den gesetzlich anerkannten Minderheitensprachen. So wird in Österreich bereits im ORF-Gesetz die "Förderung der österreichischen Sprache und Kultur" als wichtige Zielsetzung des Österreichischen Rundfunks festgeschrieben sowie die Bereitstellung von Programmen in den anerkannten Minderheitensprachen gefordert. Die Sprachenrechte von anerkannten Minderheiten werden zudem auf europäischer Seite in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (Europarat 1992) sowie im Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten (Europarat 1995) reguliert, deren Wirkungsbereiche auch die Medien betreffen (vgl. dazu auch den Kommentar des Beratenden Ausschusses für das Rahmenübereinkommen, ACFC 2012 sowie den Kommentar von Busch/Busch 2012).


Neben dem Status der nationalen, autochthonen Minderheiten spiegelt sich auch die staatliche Migrationspolitik in den Medien wieder. So wurden in den 1960er und 70er-Jahren in mitteleuropäischen Staaten vielfach Programme in den Sprachen der GastarbeiterInnen im öffentlich-rechtlichen Sektor ausgestrahlt, welche unter anderem das Ziel verfolgten, die Verbindung der Gastarbeiter mit ihrer Heimat aufrechtzuerhalten, um deren spätere Rückkehr zu fördern. Nachdem das Ziel der Rückkehr der Gastarbeiter nicht aufgegangen ist, hat sich die Migrationsdebatte vielfach auf die Integration von MigrantInnen in die Mehrheitsgesellschaft verlagert. Dadurch verloren MigrantInnensprachen in den Medien ihre Bedeutung und es wurde stattdessen das Erlernen der einheitlichen Nationalsprache forciert (vgl. Busch 2004, S. 103 ff.).


Während der private Mediensektor weniger expliziten sprachlichen Regulierungen vonseiten des Staates unterlegen ist, kann eine staatliche Steuerung dennoch über Konzessionserteilungen bzw. Lizenzvergaben sowie finanzielle Förderungen erfolgen (vgl. Busch 2003, S. 226). Dabei werden auch tendenziell die in Österreich anerkannten Sprachen gefördert, wie z.B. durch eine Presseförderung für Zeitungen in den Volksgruppensprachen (vgl. Purkarthofer 2013, S. 249). Mehrsprachige Initiativen, etwa im Bereich der Freien Medien, können umgekehrt erschwert werden, wenn die Bewerbung um eine Frequenz oder um finanzielle Förderung scheitert. So hatte beispielsweise das burgenländische Radio MORA mit einer Sendelizenz im Verbund mit kommerziellen Betreibern ein mehrsprachiges Programm aufgebaut, bevor die Sendelizenz 2002 aus kommerziellen Interessen verkauft wurde. Heute sendet der Verein als Radio OP mit einer Ausbildungslizenz. Fallstricke können auch die neuen technischen Entwicklungen im Medienbereich darstellen, wenn etwa der Zugang zu Informationen in Minderheitensprachen für bestimmte Gruppen erschwert wird, indem diese auf digitale Medien ausgelagert werden und nicht mehr über terrestrische Verbreitungswege zur Verfügung stehen.

Diskurse in und über Sprachen in den Medien

Sprachenpolitische Entscheidungen in den Medien betreffen nach Kelly-Holmes und Milani (2011) drei miteinander verbundene Bereiche: Erstens, wie Medien Mehrsprachigkeit institutionell organisieren und verwalten; zweitens, wie verschiedene Sprachen in den Medieninhalten verwendet und präsentiert werden; und drittens, welche metasprachlichen Diskurse in den Medien geführt werden. Diese sprachenpolitischen Entscheidungen können sowohl explizit als auch implizit erfolgen, wobei zwischen diesen Endpunkten ein dynamisches Kontinuum liegt (vgl. Blommaert et al. 2009). Sie stehen in Wechselwirkung mit Sprachideologien, d.h. in Diskursen zum Vorschein tretenden Vorstellungen und Einstellungen zu Sprache(n), sowie mit lokalen Sprachregimen, d.h. an spezifische sprachenpolitische Regelungen gebundene und ideologisch bedingte Sprachpraktiken in sozialen Räumen oder Institutionen (vgl. Busch 2017).


Medien treffen Entscheidungen darüber, welche Sprachen oder Sprachvarietäten in ihren Medienprodukten zum Einsatz kommen, wobei diese in der heutigen Zeit zumeist einen zusätzlichen Webauftritt umfassen. Daneben betreffen diese Entscheidungen auch die Verwendung von Sprache(n) im institutionellen Redaktionsalltag (in offiziellen Dokumenten, in Aufschriften im Redaktionsbüro, bei redaktionellen Sitzungen etc.). Damit verbunden wird entschieden, wer in welchen Sprachen und zu welchen Themen in den Medien öffentlich zu Wort kommt oder nicht. In vielen Medien ist die Tendenz zu beobachten, dass "seriöse" Themen, wie Politik oder Wirtschaft ausschließlich in dominanten Sprachen abgehandelt werden, während in Nischenthemen eine größere sprachliche Vielfalt zugelassen wird (vgl. Busch 2004, S. 286). Entscheidungen werden auch darüber gefällt, wie bestimmte Sprachen oder Sprachvarietäten in den Medien markiert werden, etwa durch Untertitelung, Synchronisation etc. Mit diesen Entscheidungen werden bestimmte Sprachen oder Varietäten als "natürlich" und andere als "fremd" repräsentiert (vgl. Kelly-Holmes/Milani 2011, S. 2). Zuletzt werden öffentliche Einstellungen zu Sprachen auch durch metasprachliche Diskurse in den Medien geprägt, d.h. dadurch, was in den Medien über bestimmte Sprachen/Sprachvarietäten oder über Mehrsprachigkeit berichtet wird. Auch Diskurse über Sprachminderheiten spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle, etwa Diskussionen über die Sprachverwendung und Mediennutzung von MigrantInnen, welche Auswirkungen auf die öffentliche Akzeptanz von Sprachen und Mehrsprachigkeit haben.

Konstruktion und Dekonstruktion sprachlicher Normen in den Medien

Sprachverwendung in öffentlichen Medien ist zum Teil nach wie vor mit starken sprachlichen Normen verbunden. Dies hängt auch mit dem öffentlichen Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Mediensektors zusammen. Da öffentlich-rechtlichen Medien zu Zeiten des staatlichen Sendemonopols bis in die 1980er-Jahre traditionell die Aufgabe zukam, zum Aufbau einer nationalen Öffentlichkeit beizutragen, spielte die Durchsetzung einer einheitlichen Standardsprache (im Falle von Österreich des österreichischen Hochdeutsch) und ein "korrekter" Sprachgebrauch im Sinne des nationalen Bildungssystems eine wichtige Rolle. Jegliche "Unreinheit", wie vom Standard abweichende Varietäten, "fremde" oder regional zuordenbare Akzente oder sogar Sprachmischungen waren dabei verpönt. Die Verwendung regionaler Dialekte bleibt da oft auf spezielle Nischen (z.B. Kultur- oder Sportsendungen, aber nicht Nachrichtensendungen) oder auf Regionalmedien (z.B. regionale, aber nicht nationale Nachrichtensendungen) beschränkt. Dabei unterliegen jedoch auch Dialekte in Regionalmedien einem "Reinheitsgebot", da diese oft als ein kulturelles Gut angesehen werden, dessen "Ursprünglichkeit" bewahrt werden solle (vgl. Busch 2004, S. 283).


In ähnlicher Weise herrschen auch in Minderheitenmedien häufig strenge sprachliche Normen vor, da Sprachmischungen, insbesondere zwischen Minderheiten- und Mehrheitssprache, von den MinderheitensprecherInnen oft als erstes Zeichen der Sprachaufgabe gesehen werden (vgl. Busch 2004, S. 127). In einem Minderheitenkontext, in dem die Minderheitensprache nicht oder nur kaum im Bildungsbereich verankert ist, bieten Minderheitenmedien eine der wenigen Möglichkeiten der öffentlichen Sprachpflege und spielen dabei auch in der Sprachweitergabe an die folgenden Generationen eine wichtige Rolle.


Zugleich ist mit der Sprachwahl in den Medien ein Ein- und Ausschluss bestimmter gesellschaftlicher Schichten verbunden. Die Fokussierung auf eine genormte Sprachvarietät - sei es eine Standardsprache oder ein Dialekt - kann sowohl in der Rezeption eine Barriere für bestimmte Personengruppen darstellen, wie Lernende oder Nicht-MuttersprachlerInnen, als auch in der Medienproduktion, wenn etwa Personen mit "fremdem" Akzent in bestimmten Medien oder zu bestimmten Themen nicht zu Wort kommen dürfen. Das Zulassen einer sprachlichen Vielfältigkeit, inklusive hybrider sprachlicher Praktiken, wie intentionale Sprachmischungen, hat ein Transformationspotential für die Gesellschaft, wenn damit vielfältige Formen der Zugehörigkeit geschaffen werden können (vgl. Busch 2006b). Diese Leistung wird bis jetzt hauptsächlich vom nichtkommerziellen Rundfunk erbracht.

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