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Individueller und gesellschaftlicher Nutzen medialer Mehrsprachigkeit

Andrea Sedlaczek (2018)

Die adäquate Widerspiegelung der sprachlichen Vielfalt der Gesellschaft in den Medien ist wichtig, um den Rechten und Bedürfnissen verschiedener SprachnutzerInnen gerecht zu werden und sowohl die gesellschaftliche als auch die individuelle Mehrsprachigkeit zu fördern. Die Präsenz von unterschiedlichen Sprachen in den Medien kann sprachlichen Minderheiten einen Zugang zu Information und Partizipation in der Gesellschaft geben. Dabei sollten sprachliche Minderheiten auch selbst die Möglichkeit bekommen, Medieninhalte zu gestalten und damit ihre Stimme in der Öffentlichkeit hörbar zu machen. Eine aktive Medienproduktion trägt zur dreifachen Förderung von Medienkompetenz, sozialer Kompetenz und Sprachkompetenz bei. Sprachen und Mehrsprachigkeit in den Medien kommt damit auch eine wichtige Bildungsfunktion zu.

 

Mediennutzung und mehrsprachige Medienrepertoires

In der Mediennutzungsforschung rückt Mehrsprachigkeit hauptsächlich in Forschungen zur Mediennutzung von ethnischen Minderheiten bzw. MigrantInnen in den Mittelpunkt. Die entsprechende Forschung war lange von der sogenannten "Medienghetto"-These geprägt. Diese ging davon aus, dass MigrantInnen hauptsächlich Ethnomedien aus ihrem Herkunftsland und in ihrer Muttersprache nutzen würden, was als hinderlich für ihre Integration in die Zielgesellschaft angesehen wurde. Die Medienghetto-These hat sich jedoch als zu vereinfacht herausgestellt.

 

Umfassendere Studien zur Mediennutzung von MigrantInnen konnten vielmehr eine ergänzende Nutzung von Ethnomedien mit Mehrheitsmedien im Aufenthaltsland feststellen, wobei diese Medien unterschiedliche Funktionen für die NutzerInnen erfüllen: Während Ethnomedien der kommunikativen Vernetzung mit der alten Heimat bzw. der Diaspora dienen, bieten Mehrheitsmedien eine Orientierung in der neuen Heimat (vgl. Hargreaves 2001; Müller 2005; Bonfadelli/Moser 2007; Hepp/Bozdag/Sund 2011). Ethnomedien stellen dadurch eine wichtige Bereicherung der Medienlandschaft dar. Wenn jedoch die Bedürfnisse verschiedener Teile der Bevölkerung nur in Ethnomedien und nicht in den öffentlichen Medien der Mehrheitsgesellschaft gedeckt werden, dann besteht die Gefahr, dass sich getrennte Mediensysteme ohne Dialog zwischen den verschiedenen Sprachgruppen entwickeln.


Dass eine komplementäre Nutzung unterschiedlicher Medien keine Ausnahme, sondern die Norm ist, wird auch im Medienrepertoire-Ansatz betont. Der Medienrepertoire-Ansatz ist ein nutzerInnenzentrierter und ganzheitlicher Ansatz der Mediennutzungsforschung, der die Gesamtheit der Medienangebote, die sich einzelne NutzerInnen zusammenstellen sowie die Beziehungen zwischen den verschiedenen genutzten Medien betrachtet (vgl. Hasebrink 2014). Brigitta Busch (2012; 2017) betont darüber hinaus, dass wir alle über heteroglossische Sprachenrepertoires aus verschiedenen Sprachen und Sprachformen verfügen und somit niemand einsprachig ist. Aus der Verbindung dieser beiden Perspektiven rücken die mehrsprachigen Medienrepertoires, die sich einzelne Personen entsprechend ihrer Bedürfnisse zusammenstellen, ins Zentrum des Interesses.

Gesellschaftliche Teilhabe durch aktives Medienhandeln

Das Verhältnis von Medien zu MigrantInnen bzw. sprachlichen Minderheiten lässt sich nach Busch und Krzyzanowski (2012, S. 280 ff.) in drei Perspektiven fassen: ein mediales Sprechen über MigrantInnen, zu MigrantInnen und als MigrantInnen (vgl. auch Busch/Pfisterer 2011). Erstens produzieren Medien Diskurse über MigrantInnen und machen diese damit zum Objekt der Berichterstattung. Diese Berichterstattung ist oft von Stereotypen, Vorurteilen und negativen Bildern geprägt, welche MigrantInnen - und deren sprachlichen Ressourcen - hauptsächlich als Probleme darstellen. Zweitens können Medien MigrantInnen mit ihren Inhalten als Publikum anvisieren und damit als KonsumentInnen ansprechen.

 

In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, inwieweit Medien den Bedürfnissen von MigrantInnen gerecht werden und diesen einen Zugang zu Information zu einer weiten Bandbreite an Themen in ihren Sprachen ermöglichen. Der Zugang zu Information ist eine wichtige Voraussetzung für Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Gesellschaftliche Teilhabe beinhaltet darüber hinaus auch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dafür benötigt es die Möglichkeit, mediale Diskurse aktiv mitzugestalten und dabei die Freiheit zu haben, das eigene sprachliche Repertoire zur Gänze einsetzen zu können. Diese dritte Möglichkeit der Selbst(re)präsentation von MigrantInnen durch aktive Medienproduktion in verschiedenen Sprachen ist nicht in allen öffentlichen Medien gegeben. Neben den neuen partizipativen Medien in internetbasierten sozialen Netzwerken (z.B. Podcasts, Blogs) wird diese Leistung hauptsächlich vom nichtkommerziellen Rundfunk erbracht (vgl. dazu die Studie "Spaces of Inclusion", COMMIT 2018).


Eine aktive Medienproduktion kann auch in konkreten Projektkontexten, etwa in der Erwachsenenbildung zum Einsatz kommen. Wenn beispielsweise MigrantInnen, die Deutsch lernen, die Möglichkeit bekommen, in einer Gruppe Gleichgesinnter aktiv Medienprodukte (wie eine Radiosendung oder einen Podcast) zu erstellen, trägt dies zur dreifachen Förderung von Medienkompetenz, sozialer Kompetenz und Sprachkompetenz bei (vgl. Peuschel 2007; Pelillo-Hestermeyer 2015).

Förderung von Sprachkompetenz - Medien und Sprachenlernen

Der Zusammenhang zwischen Medien und Sprachenlernen wird wissenschaftlich hauptsächlich im Schnittfeld von Sprachlehr- und -lernforschung/ Fremdsprachendidaktik sowie Medienpädagogik behandelt (vgl. Jung 2003; Hallet 2013; Decke-Cornill/Küster 2015). Neben dem Einsatz diverser Medien in formalen, gesteuerten Lernkontexten, d.h. im Sprachunterricht, wird auch die Rolle der Medien in verschiedenen informellen Kontexten zum selbstgesteuerten Sprachenlernen untersucht. In der heutigen Zeit steht dabei vor allem der Einsatz von Computer, Internet und neuen Medien (bzw. kurz Informations- und Kommunikationstechnologien, IKT) im Zentrum des Interesses (die entsprechende Forschung fungiert unter den Schlagworten CALL - computer assisted language learning und TELL - technology enhanced language learning) (vgl. Rüschoff 2005).


Doch auch traditionelle Medien können eine Relevanz fürs Sprachenlernen haben - sowohl in formalen wie informellen Lernkontexten (vgl. Jung 2003; Peuschel 2007). Traditionelle Radio- und Fernsehsprachkurse, wie sie im 20. Jahrhundert in Europa sehr beliebt waren, sind eher zurückgegangen, wenn sich auch aktuelle Beispiele finden. So hat der ORF im Jahr 2012 auf ORF III eine 10-teilige Sprachsendung, "Mein Almanca" gesendet. Diese beinhaltete einen Deutschkurs für türkische MigrantInnen und wollte zur Förderung des interkulturellen Verständnisses zwischen Österreicherinnen und TürkInnen beitragen (siehe dazu auch die wissenschaftlichen Kritiken von Welke 2013 und Faistauer 2013). Innerhalb der Freien Radios ist insbesondere die Sendereihe Pangea Lingua des Freien Radio Salzkammerguts hervorzuheben, welche im Projekt ESPRIS entwickelt wurde. Mit verschiedenen Sendeelementen hatte diese das Ziel, die Mehrsprachigkeit im Salzkammergut aufzuzeigen und zum Sprachenlernen zu motivieren.


Im Erwachsenenbildungsbereich, insbesondere in der Arbeit mit MigrantInnen, kommt der aktiven Medienproduktion eine wichtige Rolle in der Förderung von Sprachkompetenzen zu. Wenn Sprachlernende die Möglichkeit bekommen, etwa Radiosendungen oder Podcastproduktionen zu gestalten, können sie nicht nur alle sprachlichen Fähigkeiten integrierend trainieren und dabei ein öffentliches Erfolgserlebnis haben, sondern nebenbei eine gesellschaftliche Teilhabe erleben (vgl. Peuschel 2007; Pelillo-Hestermeyer 2015).

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