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Mehrsprachige Sendepraxis im nichtkommerziellen Rundfunk

Andrea Sedlaczek (2018)

Im Gegensatz zur überwiegend einsprachigen Gestaltung eines Großteils der öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Medien spiegelt der nichtkommerzielle Rundfunk die sprachliche Vielfalt der Gesellschaft am besten wider. Die sprachliche Diversität, die in vielen Freien Medien herrscht, ist eine Konsequenz ihres offenen Zugangs, mit dem sie sich insbesondere an benachteiligte und marginalisierte soziale Gruppen richten. Diese bekommen in den Community Medien die Möglichkeit, mit ihren Sprachen und Anliegen in der Öffentlichkeit aufzutreten. Daneben stellt sich der nichtkommerzielle Rundfunk vermehrt der Herausforderung, mit mehrsprachig gestalteten Sendungen zu einem Dialog und medialen Brückenbau zwischen verschiedenen Sprachen bzw. Minderheitengruppen und der Mehrheitsbevölkerung beizutragen. Community Medien leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des interkulturellen Dialogs.

 

Mehrsprachigkeit und Diversität als Public Value des nichtkommerziellen Rundfunks

Der spezifische Public Value des nichtkommerziellen Rundfunks liegt sowohl auf ProduzentInnen- als auch auf RezipientInnenseite. Durch das Grundprinzip des offenen Zugangs haben Personen und Gruppen, die in der Gesellschaft bzw. in anderen Medien oft marginalisiert werden, die Möglichkeit, selbst Sendungen zu gestalten. Sie können dadurch ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben, sich gesellschaftlich positionieren und an politischen Prozessen teilnehmen. Außerdem können sie die eigenen Sprachen bzw. die Sprachen, die ihnen wichtig sind, öffentlich benutzen und damit ihre Sprachcommunities ansprechen und öffentlich repräsentieren (vgl. Peissl et al. 2010; COMMIT 2018).

 

Für das Publikum ergibt sich umgekehrt die Gelegenheit, Programme in einer Vielzahl an Sprachen, Stimmen und Themen zu konsumieren, wie sie in anderen Medien nicht vorhanden sind. Die RezipientInnen können damit zum einen individuelle und gruppenbezogene Bedürfnisse erfüllen, etwa die Pflege der eigenen Sprachen (seien es Erstsprachen oder Sprachen, die sie lernen) oder die Vernetzung innerhalb der eigenen Community. Zum anderen können die RezipientInnen damit auch ihr Verständnis der gesellschaftlichen Vielfalt vertiefen (vgl. Purkarthofer/Pfisterer/Busch 2008; Lema Blanco/Meda González 2016). Nicht umsonst betont der Europarat wiederholt den Beitrag der Community Medien zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des interkulturellen Dialogs (vgl. Lewis 2008; Europarat 2009; Lange 2009).

Mehrsprachige Sendungsgestaltung als Brückenbau zwischen Sprachgruppen

Der Umgang mit Mehrsprachigkeit ist seit jeher ein wichtiges Thema für Freie Medien. Manche Freie Medien haben sich von Anfang an als mehrsprachig verstanden (wie z.B. das slowenisch-deutsche Radio AGORA in Kärnten). Bei anderen hat sich die Mehrsprachigkeit als Folge des offenen Zugangs ergeben. "Mehrsprachigkeit" gestaltete sich dabei jedoch oftmals als eine "parallele Einsprachigkeit" im Programm oder als eine ausschließlich zweisprachige Sendepraxis innerhalb einzelner Sendungen (Deutsch plus eine Minderheitensprache). Vor diesem Hintergrund wurde der nichtkommerzielle Rundfunk zunehmend mit der Herausforderung konfrontiert, eine wirklich mehrsprachige Sendungsgestaltung zu erreichen, welche heteroglossische Sprachpraktiken abbildet und zu einem Dialog zwischen unterschiedlichen Sprachen bzw. zwischen den verschiedenen Minderheiten und der Mehrheitsbevölkerung beitragen kann.

 

Im Kontext der Freien Radios gibt es im Rahmen von Veranstaltungen und Publikationen seit vielen Jahren Auseinandersetzungen mit dem Thema der mehrsprachigen Sendungsgestaltung (vgl. die Textsammlung "Wer spricht", Steinert/Peissl/Weiss 2006). Von besonderer Relevanz war die Entwicklung von Methoden mehrsprachiger Sendungsgestaltung durch die Arbeitsgruppe Babelingo, welche in unterschiedliche Trainingsmaterialien einfloss (z.B. Inter.Media - Intercultural Media Training in Europe, Bildungszentrum BürgerMedien 2006). In neueren Jahren ist die Entwicklung der Handreichung Lust auf Sprachen von COMMIT herauszustreichen (Sedlaczek/Purkarthofer/Peissl 2016), die nicht nur konkrete Anregungen für mehrsprachige Sendungselemente sammelt, sondern zusätzlich den Beitrag hervorhebt, den mehrsprachige Sendungsgestaltung zum Sprachenlernen leisten kann.


Im Laufe der Jahre sind in den Freien Medien sehr innovative und kreative mehrsprachige Sendungsformen entwickelt worden (vgl. Busch 2003; 2006b). Mehrsprachige Sendungsgestaltung bedeutet auf Produktionsseite nicht nur, unterschiedliche Formen der wörtlichen oder zusammenfassenden Übersetzung zwischen Sprachen zu verwenden, sondern sich die alltäglichen Sprachpraktiken mehrsprachiger Personen zunutze zu machen (Code-Switchen, Turn-Taking etc.), um Brücken zwischen unterschiedlichen Sprachen und Sprechenden zu schaffen. Für die RezipientInnen können unterschiedliche Anknüpfungspunkte das Folgen mehrsprachiger Sendungen erleichtern, etwa durch den Einsatz interessanter Elemente, wie Musik, Geräuschen, verschiedener Stimmen oder Sprachspielen. Letztlich ist in mehrsprachiger Mediengestaltung auch die bewusste Kommunikation über die Formen sprachlicher Verwendung zentral, um ein Verständnis auf allen Seiten der Medienproduktion und -rezeption zu fördern.

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